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Die Medienkolumne: Shoppen und Kicken: 50 Medienprognosen

Es ist keiner der üblichen Jahresrückblicke. Stattdessen gibt es Thesen zur künftigen Medienentwicklung und ein paar bilanzierende Worte zum Jahr 2006. Das ganze in genau 50 knappen Punkten.

Von Bernd Gäbler

1. Traditionell zählen wir bei der Entwicklung der Medien auf: Buch, Zeitung, Zeitschrift, Film, Radio, Telefon und am Ende: Internet. Wir sollten umdenken: das Internet ist kein Medium, sondern eine universelle Infrastruktur. Es kann Bücher wie TV transportieren, zum Chatten und Telefonieren einladen, jedermann stellt seine Fotos und Videos ein, es ist ein Marktplatz.
2. Insofern ist es logisch, dass das Internet das aufholende, ja bei jüngeren, gebildeteren Nutzern schon am meisten Zeit beanspruchende "Medium" ist.
3. Das Fernsehen wird zum "Nebenbei"-Medium. Während durchschnittlich 17 Minuten am Tag in einem Buch gelesen wird, läuft der Fernseher 230 Minuten - im Osten mehr als im Westen, am wenigsten in Bayern.
4. Die Fernsehlandschaft vervielfältigt sich immer noch. Noch heißt es: more of the same. Endlos kann die Werbewirtschaft diese Expansion nicht bezahlen.
5. Bei den Sendern ist es so: die großen verlieren Marktanteile; die kleinen der zweiten Reihe holen auf.
6. Andererseits gilt auch: wer sich jetzt nicht als "Marke" nachdrücklich ins Gedächtnis bringt, verliert in der nächsten Etappe.
7. Die ökonomisch boomenden Sender heißen: QVC, HSE und Neun live. Fernsehen ist kommerziell dort besonders erfolgreich, wo es zum Mitmachen einlädt. Es wird gekauft, geraten, gewettet, telefoniert.
8. Auch im Internet hat das Shoppen die größten Zuwachsraten: Der Versandhandel rechnet für das Jahr 2006 mit einem Umsatzplus von 35 Prozent.
9. Das Publikum des Fernsehens wird im Schnitt immer älter.
10. Insbesondere den öffentlich-rechtlichen Sendern läuft die Jugend davon.

11. Pro Sieben schafft es einigermaßen, bei den Jüngeren zu bleiben. Der allgegenwärtige Stefan Raab trägt dazu bei.
12. Bei RTL läuft der Versuch, bei maximaler ökonomischer Effektivität noch soeben Marktführer zu bleiben.
13. Sat 1 hat aufgeholt, einige lustige Formate neu erfunden und trotzdem die Kosten in den Griff bekommen. Die Relation zwischen Geld und Ansehen war selten so günstig - also der richtige Zeitpunkt, um den ganzen Laden rasch mit viel Gewinn zu verkaufen.
14. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es in den Führungsetagen einen allmählichen Wechsel. Vor allem aber müssten sich ARD, ZDF und Co. entscheiden, was sie zukünftig vor allem sein wollen und Ordnung in das wild gewachsene Sieben-Milliarden-Euro-Mini-Imperium bringen.
15. Schon im Alter von 10 bis 15 Jahren haben immer mehr Kinder ein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer - Jungs viel häufiger als Mädchen, allerdings nutzen sie das Gerät oft als Monitor für ihre Spielkonsole.
16. Zeitungen haben es schwer mit jungen Lesern.
17. Die Zahl der Landkreise, in denen es nur eine Zeitung gibt, steigt weiter.
18. Es zeichnet sich ab, dass die Kluft in Zukunft noch größer werden wird: viel Ramsch und wenige teure Qualitätszeitungen überleben.
19. Noch ist es den Verlagen gelungen, den Angriff der Gratiszeitungen abzuwehren - wie lange noch?
20. Das scheint ein allgemeines Gesetz der Medienentwicklung zu sein: Trash oder Cash.

21. Auch Zeitschriften haben es schwer mit jungen Leuten. Die Zahl der Titel wächst weiter, die durchschnittliche Auflage sinkt. Aber immerhin: "Neon" funktioniert und Mädchen lesen wieder etwas mehr Magazine.
22. Unsere Verlage verdienen viel Geld, weil sie den Balkan erobern oder in Russland aktiv sind. Mit den Medien von gestern und heute erobern sie neue Märkte. Dies ist nur begrenzt "avantgardistisch".
23. Die Verlage werden zu Medienhäusern werden. Auf den Homepages der Regionalzeitungen wird es bald schon wimmeln von Kultur- und Veranstaltungstipps, Amateurvideos, Clips der Tore aus den unteren Ligen, Feuerwehreinsätzen und Auftritten des Bürgermeisters.
24. Der Angriff auf das Regionalfernsehen kommt von "unten".
25. Wie bei allem ist natürlich ungefähr 95 Prozent der Sache einfach Mist, dennoch sind die voyeuristischen "Leserreporter" unaufhaltsam, gelegentlich - als "citizen journalists" geadelt - sogar ein neues demokratisches Element.
26. Das ist einer der Groß-Trends: Die Visualisierung des Internets.
27. Auch das ist einer der großen Trends: die Kombination von "Selbermachen" und großem Geld. Darum hat Google YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar gekauft.
28. Kleine Formate wie "Ehrensenf" zeigen schon jetzt: Fürs Fernsehen der Zukunft braucht man weder Sender noch Lizenzen, Zulassungen oder die traditionelle Medienaufsicht.
29. Kleine TV-Format wie die "Coca-Cola-Heimspiel-WG" (RTL) oder das "Jägermeister-Wild-Shopping" (ProSieben) zeigen schon jetzt: Es wird völlig neue Mischformen von Unterhaltung und Werbung geben.
30. Das Pay-TV tut sich immer noch schwer. Die Hochpreisstrategie von "Premiere", für möglichst große Exklusivität hohe Abo-Gebühren zu verlangen, ist gescheitert. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist für eine solche Strategie hierzulande zu stark. Der neue Bundesligasender "arena" zählt eine Million Abonnenten, davon kommt die Hälfte über die Premiere-Vermarktung. Was auch schon für den Sender "arena" selbst gilt, wird noch deutlicher werden: Die Zukunft des Bezahl-Fernsehens liegt in den Händen der Infrastrukturbetreiber.

31.

Da wird die Telekom nicht zuschauen. Sie steckt nicht ein paar Milliarden Euro in den Ausbau der Breitbandnetze, damit die Menschen sorglos miteinander kommunizieren können, sondern um perspektivisch in der Einheit von Surfen, Telefonieren und Gucken selber zum Anbieter von Inhalten zu werden. In ein paar Jahren werden sich "Bundesliga", "Wetten, dass...?" und "Tagesschau" als "Leuchtturm-Marken" mit einem solchen Infrastrukturbetreiber ins Benehmen setzen müssen.

32.

Das auf Dauer dominierende, unschlagbare universelle Endgerät wird mobil sein.

33.

Sehr viele spezifische Formatideen für Mobile-TV gibt es noch nicht. Auch hat sich noch nicht endgültig herausgemendelt, welche Technik sich letztlich durchsetzen wird, aber von News-Flashs bis zum Büchertipp, von Witz-Clips bis Mini-Serien ist alles denkbar.

34.

Noch lange wird es Programme geben. Wenige Große werden vorerst überleben. Aber die Bedeutung relativiert sich. Aus dem Programm wird perspektivisch ein Katalog werden. Statt flüssiger Format-Abfolge in Echtzeit wird sich der Nutzer zeitsouverän downloaden, was er braucht.

35.

Große Stunden des Fernsehens bleiben die wenigen übergreifenden Live-Ereignisse.

36.

Der Fußball gehört unbedingt dazu.

37.

2006 zeigte sich beim "Public Viewing" eine neue Funktion des Fernsehens. Es dient nicht der Zerstreuung im Privaten, sondern der öffentlichen Versammlung. Es wies über sich selbst hinaus.

38.

Der Sport - besser der Fußball - bleibt ein Treiber der Medienentwicklung.

39.

Man darf gespannt sein, wie RTL in Zukunft mit der Formel 1 ohne Michael Schumacher zurecht kommt.

40.

Man darf gespannt sein, wie die Öffentlich-Rechtlichen in Zukunft mit dem Radsport umgehen. Schon bescheinigen sie dem entsprechenden Sportverband größten Einsatz gegen Doping.

41. Bei Reiseservice, Auto-Tests und Verbraucherschutz haben die Öffentlich-Rechtlichen ihre Autorität als unabhängige und unbestechliche Instanz aus eigenem Verschulden eingebüßt.
42. Liegt die nicht enden wollende Inflation von Kochsendungen vielleicht daran, dass für viele das Fernsehen selbst zu einem Grundnahrungsmittel geworden ist?
43. 2006 war nicht das Jahr der großen TV-Innovationen. Singen, Tanzen, Eislaufen - entsprechende Casting-Shows und ausführliches Abstimmen: so sah im Privatfernsehen das heimelige "Event-Fernsehen" aus.
44. Statt in Nachmittags-Talks und Gerichtsver-handlungen vor allem jenen eine Stimme zu geben, die sonst nicht zu Wort kommen, werden die großen kommerziellen Sender gesitteter. "Super-Nanny" erzieht am Rande der Gesellschaft; viele Magazinbeiträge kreisen um Jobsuche und Bewerbungen. Noch fehlt eine große Unterhaltungsidee zum Thema "Arbeit".
45. Das politische Fernsehen tut sich schwer mit der großen Koalition. Sie streitet nicht telegen. Die Handvoll bekannter Experten, Betroffene und "grand old men" wie Heiner Geißler, Kurt Biedenkopf und Norbert Blüm bevölkern die Talk-Shows. Politik-Magazine, die nicht mehr ideologisch sein wollen, sondern bürgernah, tatsächlich aber vor allem unpolitischer werden, betrieben so ihren eigenen Niedergang
46. Immerhin: die gute alte Sozialreportage wird wiederbelebt. An den Rändern der Programme gibt es immer noch kulturell Interessantes, sogar gute Dokumentationen zu historischen Stoffen. Das ZDF sendet lehrreiche Filme wie zum Beispiel eine biografische Dokumentation über Mao sogar um 20.15 Uhr. Das ist mutig.
47. ARD und ZDF schreiben sich "Integration" als Zukunftsthema auf die Fahnen - Pädagogik statt Journalismus. Andere Sender behandeln das Thema selbstverständlicher und unverkrampft. Am Fernsehfilm "Wut" wurde erst einmal demonstriert - Kunst, die anderes gestaltet als der Gutmensch wahrnimmt, wird in "Debatte-Watte" verpackt und ins Spätprogramm verlegt.
48. Die großen "Event"-Filme schaffen Geschichtsbilder. Das mag beeindrucken. Leider geht die Spezifik des einzelnen geschichtlichen Ereignisses dabei häufig unter. Irgendwie sehen sich "Dresden", "Luftbrücke" oder "Sturmflut" dann doch recht ähnlich. Dagegen kommen auch gute Dokumentationen nicht mehr an.
49. Keiner kann die Frage wirklich beantworten: Wie kann man über den täglichen Irrsinn im Irak ohne Gewöhnungseffekte berichten?
50. Berichterstattung hat es wirklich geschafft, den Genozid der Gegenwart zentral aus dem Bewusstsein zu verdrängen: Obwohl es zur Lage in Dafur gar keine Geheimnisse gibt, schauen wir im Großen und Ganzen weg, rufen höchstens gelegentlich mal was Menschenrechtliches hinein in den Krisenherd. Im "Jahresrückblick" des ZDF kamen zwar die schrecklichsten persönlichen Schicksalsschläge vor, Krieg aber gab es 2006 nicht.