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Die Medienkolumne Von den Rändern des Programms


Kaum sind die Sommerferien angebrochen, verändert sich das Fernsehen. Was gestern wichtig war, ist heute weg. Da kann man sich endlich gelassen den Rändern des Programms widmen - und das schon nachmittags.
Von Bernd Gäbler

Ferien. Endlich Sommerferien! Auch wenn der Urlaub von Bundesland zu Bundesland zeitversetzt beginnt, besser als am Wetter kann jedermann anhand des Fernsehprogramms bemerken, dass die Urlaubszeit eingesetzt hat. Spürbar ist, was und wen die Sender jeweils für wichtig halten. Was wichtig ist, ist weg. "Wetten, dass...?" und "Wer wird Millionär?" machen Pause. Beckmann, Kerner, Raab und Harald Schmidt sind über alle Berge. Wenn Sommer ist, schlägt die Stunde der Ersatzbank. Wiederholungen von alten Filmen, früheren Produktionen bis hin zur "70er Show" werden Etat-bewusst eingesetzt. Serviert werden Konserven aus dem Keller. Gezeigt wird jetzt auch manches, was zwar teuer produziert wurde, auf Anhieb beim Publikum aber nicht ankam: so die längst fertig gestellte Reihe "Giganten" des ZDF mit Uwe Ochsenknecht als Beethoven und Ben Becker als Martin Luther. Nun ja.

In die Aufmerksamkeitslücke soll Marketing-Kram stoßen. Schon für die Spielzeugbauer von "Lego" und die Wissens-Redakteure von "Galileo" (ProSieben) resultierte aus dem "Fluch der Karibik" ein leidiger Fluch zu allerlei Piraterie. Der ist jetzt auch über RTL gekommen. Das folglich seine nächste laute Quäl-Show ("Entern oder Kentern") mit entsprechend alberner Kostümierung ausübt. Im Großen und Ganzen also ist Fernsehen in der Ferienzeit etwas so Schönes wie ein Spezialitätenrestaurant für Gammelfleisch.

3Sat.

Feinkost gibt es in den Nebenstraßen. Ausführlich wie seit Jahren hat 3Sat den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb aus Klagenfurt dokumentiert. Es ist etwas unklar, ob es sich hier um das Olympia der deutschsprachigen Dichter und frischen Denker handelt oder um einen literarischen Debütantinnenball. Aber - ähnlich wie wir es von anderen Casting-Shows und Ranking-Wettbewerben kennen - scheint auch hier die Leistung der Kandidaten nur der Vorwand zu sein für das Eigentliche: die Interaktion der Juroren.

Das Lesen dauert stets etwa eine halbe Stunde. Anstrengend wäre jedes innige Lauschen, Identifikation oder gar Mitfiebern mit selbst gewählten Favoriten. Es kommt ohnehin anders. Stets ist das Ende offen, nicht selten überraschend. Nur die geschlitzte Denkerstirn oder so ein wahnsinnig waghalsiger Satz wie "Ich ficke Babys" scheinen der Vergangenheit anzugehören. Keine Provokation, nirgends. Der unbedingte Wille von Peter Licht, sein Antlitz nicht ablichten zu lassen, wurde achselzuckend hingenommen. Dafür strahlte sein Text. Und mit ihm die Jurorin Iris Radisch, die den Autor empfohlen hatte. Wer miterlebt hat, wie sie in der Talk-Runde "Hart aber fair" gegenüber Eva Herman keineswegs gelassen ihre intellektuelle Überlegenheit ausgespielte, sondern kiebig bellte, auch in ihrer Familie seien alle glücklich, wusste, dass mit dieser Frau nicht nur gut Kirschenessen sein würde.

Auch in Klagenfurt gab es entsprechend hübsche Kabbeleien und kleine Zickenkriege mit Ursula März, ewiges Genörgel gegen den Alles-Besser-Wisser Karl Corino und wunderbar anzuschauende Hahnenkämpfe zwischen belehrenden Schweizern und nervösen Österreichern. Ijoma Mangold, der Will Smith der Literaturkritik, punktete eloquent bei seinem Jurorendebüt, wich auch Grundsatzdebatten über Realismus und Burleske, Authentisches und Plot-Konstruktion nicht aus, wurde aber fuchsig, sobald andere ihm die Pointen klauten. Ronald Reng, der Torwart, liest; Lutz Seiler langweilt den Juror Klaus Nüchtern; Silke Scheuermann hat scheinbar etwas für die "Brigitte" geschrieben; bei Jochen Schmidt spielt das "Ich" eine große Rolle - so zählt er zu den Favoriten.

Da der Zuschauer hier nur für einen kleinen Spezialpreis zum Telefon-Voting aufgefordert wird, kann er die Texte gelassen als Material nehmen, sie in kontemplativer Haltung an sich vorbeiziehen lassen, um dann die Jury-Statements als Show zu genießen. Diese Show ist für TV-Verhältnisse ungewöhnlich intelligent. Und sie ist tröstlich, denn auch diese Intelligenz-Bestien wollen dem Fernsehen nur geben, was des Fernsehens ist: ein gutes Bild.

DSF. Klagenfurt ist vorbei. Lutz Seiler hat gewonnen. Wimbledon läuft noch. Roger Federer wird gewinnen. Deshalb sind Einzelheiten aus den ersten Runden relativ gleichgültig. In der vergangenen Woche war Zapping nötig: vom Lesen zum Schlagen und zurück. Jetzt nicht mehr. Das DSF überträgt großflächig. Für die Ergebnisse reicht die abendliche Zusammenfassung. In der Live-Berichterstattung ist anderes wichtig: Der Rasen ist schön grün (wie lange noch?); die Kleidung ist blütenweiß (Buntes ist verboten); es regnet ständig; wenn gespielt wird, sind die Ballwechsel kurz (also hört man auch kein endloses Plopp-Geräusch) - und kein Satz dauert länger als eine Dichterlesung.

Engländer sind schon gar nicht mehr dabei. Roddick schlägt auf wie ein Wilder. Kaum ist Sharapova im Bild, wird erzählt, dass sie weltweit von IMG vermarktet wird. Auf den Plätzen ist es überraschend windig. Super ist das nun überall eingesetzte "Hawk-Eye". Es macht Diskussionen über Schiedsrichter überflüssig. Das beruhigt. Wimbledon ist ein schönes Beiprogramm. Es reicht, nur jeweils gegen Ende eines Satzes oder beim Tiebreak konzentriert hinzuschauen. Der Rest ist Meditation.

Tagsüber.

Ob Klagenfurt, ob Wimbledon: Zu sehen sind diese ruhigen, schönen Bilder mitten am Tage. Wann aber traut man sich, tagsüber fernzusehen, ohne dass sich ein klammes Hartz-IV-Gefühl anschleicht?

In den Ferien!


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