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Die Medienkolumne: Welt ohne Geländer

Es gibt die Sorge, ob die heutigen Kids, User des Web 2.0, StudiVZ-Gruschler und OpenBC-Praktikantenplatztauscher, die virtuelle noch von der realen Welt unterscheiden können. Schwieriger ist es für sie, überhaupt Glaubwürdiges außerhalb der unmittelbaren Erfahrung zuzulassen.

Von Bernd Gäbler

Was ist wahr?

Gelegentlich habe ich mit Studenten zu tun. Wie es sich gehört, will ich dazu beitragen, sie zu kritischen Menschen zu erziehen. In einem Dozentenfragebogen habe ich deswegen als Motto angegeben: "Omne dubitandum". Das habe ich dann erklärt. Das Problem ist: inzwischen zweifeln die Studenten tatsächlich alles an.

Saddam Hussein - wo bleiben die Doppelgänger?

Wir haben über das Video von der Hinrichtung Saddam Husseins diskutiert. Die technisch versierteren Studenten kannten es in allen Variationen: geschnitten, vollständig, stumm und mit Ton. Dass unsere Fernsehsender die wenigen Sekunden des Todeseintritts nicht zeigten, mochten sie kaum als Ausdruck eines moralischen Diskurses deuten. Mindestens so sehr wie die Moral interessierten Machart, Umstände der Entstehung und vor allem, ob nicht auch dieses Video ein Fake sein könnte. Ein Student argumentierte so: Es gab doch ungefähr fünf Doppelgänger.

Das habe der "Spiegel" geschrieben und auch in ARD und ZDF sei das thematisiert worden. Komischerweise habe er seit dem Sturz von Saddam Hussein von diesen Menschen nie wieder etwas gehört. Was wohl aus diesen Doppelgängern geworden sei? Solange von denen nie mehr die Rede sei, glaube er auch nicht, dass die Hinrichtung tatsächlich stattgefunden habe oder wenn sie stattgefunden habe, dass dann genau jener eine, der tatsächlich Herrscher des Iraks war, jetzt nicht mehr lebe. So ein Fake sei doch ein Klacks gegen den Aufwand, die gesamte UNO in Bezug auf die Massenvernichtungswaffen des Irak hinters Licht zu führen.

Die Mondlandung - wer weiß?

Derselbe Student, aber auch andere, kannten ziemlich viele Argumente aus der Debatte um die Echtheit der Mondlandung. Für einige war es eine ausgemachte Sache, dass die vielleicht in einem Studio, aber nie auf dem kleinen Erdtrabanten stattgefunden habe. Inzwischen sind sie also so kritisch, dass sie alles für möglich halten. Dabei geht es nicht darum, dass sie verwirrt wären oder Virtualität und physische Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden könnten, nur trauen sie ungefähr jedem so ziemlich alles zu. So wie uns Einwohnern der Gutenberg-Galaxis "Bild" und "FAZ", der "Stern" oder auch das "Das neue Blatt" einigermaßen vertraut sind und wir in etwa eine Meinung dazu haben, was wir von wem zu halten haben, gehören bei Ihnen Animation und Trick, Fake und Matrix, E-Sports und FotoShop zur alltäglichen medialen Realität. Sie verführen zu einem allgemeinen Relativismus.

Wird bei "DSDS" betrogen?

Darum ist es ihnen auch herzlich gleichgültig, ob z.B. in der neuen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" alles mit rechten Dingen zugeht. Sie streiten, welche Sprüche witzig sind und welche blöd. Manche ignorieren die Sendung komplett, andere schauen zu, welche Kandidaten besonders naiv sind oder sich raffiniert präsentieren. Viele halten es für möglich, dass einer ins Rennen geschickt wird, den die Plattenindustrie schon vorab als künftigen Sieger ausgeguckt hat. Andere glauben, dass es die bessere Marketingstrategie sei, sich einfach an die Regeln zu halten und die Zuschauer "voten" zu lassen. Ob es reell zugeht oder nicht, entscheiden sie nach den Kriterien der Plausibilität.

Wo landen die Dosen?

Auf "Youtube" zeige ich Ihnen ein lustiges Video. Es ist von jungen Franzosen gemacht und heißt "can's professionals". Mit großer Lässigkeit werfen sie - Schlag auf Schlag aus allen Richtungen und Entfernungen - Dosen in Papierkörbe. Ich will erklären, welche Ausdauer, welcher Fleiß, wie viel Meter Film und wie viele Stunden im Schnitt dahinter stecken. Ich werde aufgeklärt, dass es im Internet darüber längst eine Diskussion gibt. Vermutlich sei da viel animiert worden. Die Dosen landeten gar nicht wirklich in den Körben. Leider haben wir im Seminarraum keine Einzelbildschaltung. Inzwischen gibt es ein weiteres Video derselben jungen Franzosen. Sie haben Fortschritte gemacht. Das Video ist von Coca Cola gesponsert worden. Und nach dem Abspann zeigen sie in einem "Making of" die vielen Fehlwürfe knapp neben dem Abfallbehälter. Sie haben also tatsächlich geworfen. Ich werde von meinen Zweiflern belehrt: als ob das ein Beweis wäre! Gerade wenn sie geschummelt hätten, hätten sie ja das "Making of" nötig.

So schwinden Autoritäten. Das Problem der Heutigen ist es nicht unbedingt, zwischen virtueller und materieller Realität zu unterscheiden. Nein, der Status der unmittelbaren Erfahrung steigt. In der Welt des Mailens und Chattens werden das persönliche Gespräch, der direkte Blick, die Berührung außerordentlich geschätzt. Zur Ikone der Jetzt-Zeit wird der ungläubige Thomas. Die Sinne stehen so hoch im Kurs wie selten. Aber was ist mit der nicht unmittelbar erfahrbaren Realität? Woran soll man sich halten? Was ist zumindest plausibel? Die Welt hat kein Geländer mehr, da wird es schwerer, zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden.