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TV-Kritik

Dschungelcamp, Tag 2: Das Camp, die Schlange und der Tod

Der Dschungelpuls hat es sich im Ruhebereich bequem gemacht, doch gerade dort lässt es sich wunderbar visionieren: von Fake-Kaffee und Tee aus Zahnpasta, von Kannibalismus und dem Ende allen Seins.

Von Ingo Scheel

RTL Dschungelcamp 2017 Hanka Rackwitz

Jeder esse, was er kann, nur nicht seinen Nebenmann. Und nimmt man es ganz genau, auch nicht seine Nebenfrau. Den Mittagstisch-Reim aus dem Kinderhort dürfte Kader Loth eher nicht kennen. Wer der dunklen Duse, die immer ein wenig aussieht wie das in einer Umkleidekabine gezeugte Wunschkind von Karl Lagerfeld und einer Cousine von Cleopatra, ins Antlitz schaut, kann sich kaum vorstellen, dass sie ein junges Leben zwischen Wickeltisch und Bastelecke verbracht hat. Wäre das der Fall, hätte Kader-Lothar wohl nicht schon am zweiten Tag kannibalistische Anflüge.

+++ Den zweiten Tag Dschungelcamp können Sie hier in unserem Liveblog nachlesen +++

Wo ist eigentlich die Dschungel-Nackte Nicole Mieth?

48 Stunden Reis und Bohnen – und hier wird schon fiebrig davon geträumt, einen Mitbewohner aufzuessen. "Haltet Messer und Gabel von mir fern, ich kann für nichts garantieren", droht die darbende Loth und in einem kurzen Anflug von Was-wäre-wenn fragt man sich, wen sie wohl essen würde. Um einen Moment später zu dem Ergebnis zu kommen, dass sie vielleicht längst jemanden verspeist hat. Nicole Mieth zum Beispiel ist in der ganzen Sendung nicht einmal zu sehen gewesen.

Derlei irdische Gelüste scheinen andere Bewohner längst hinter sich gelassen zu haben. Markus Majowski etwa, der zuweilen durch die Reihen seiner Mitbewohner wandelt wie der Hauptdarsteller aus einem Film von M. Night Shyamalan. Wohlwissend, dass alle anderen längst hinüber sind. Oder eben er selbst. Egal. Derart verhuscht empfängt Mad Dog Majowski plötzlich Töne. Einen Moment lang hält er es für das Sirren der Zikaden, aber Moment mal, die sind doch phonetisch verstärkt, rätselt er und bewegt den Kiefer, als würden seine Plomben Signale von Außerirdischen empfangen. Aber nein, es sind doch die "Zirkaden" und die, das weiß Medi-Markus genau, sind so schön, das muss man unbedingt jemandem zeigen.

Dschungelcamp: Warum Nicole Mieth & Co. vor dem Camp-Einzug nackt posieren

Wie Marc und Markus sich kurz darauf vor die Waldwand aus Glühwürmchen und Grillen stellen, gefühlt Händchen haltend, das wird für einen einswerdenden Moment zu einem ätherischen Bildschirmschoner der Seele, wie von Bob Ross dahingetuscht, dabei leider so leichtflüchtig wie ein Bohnenfurz im Wind. "Ich bin begeistert, wie eingebettet ich hier bin. Wie aufmerksam die mich wahrnehmen", fantasiert Majowski schließlich noch und man würde Dr. Bob am liebsten um ein Feuchttuch bitten.

Dschungelcamp, Tag 2: Kader unter der Schleimdusche und Pipi-Probleme bei Hanka
Dschungelcamp 2017

Sie mögen sich nicht, müssen aber gleich in Folge zwei gegeneinander antreten: Alexander "Honey" Keen und Florian Wess. Die Duellanten treffen bei den Moderatoren ein, ohne sich gegenseitig zu beachten.

Pipileaks im Dschungelcamp

Dabei ist Mops Majowski nicht der einzige im Camp, der die Dinge der Natur derart transzendiert. Auch Frau Rackwitz ist der Scholle ganz nah. In ihrem Privatabenteuer "Pocahankas und das Blättertotem" lustwandelt die freigeistige Phobikerin durchs Unterholz, sortiert Steinchen, summt wie eine indianische Sirene, ordnet Herbstlaub zu Traumfängern, um schließlich ganz entspannt – das suggerieren uns die Bilder – durch die Shorts in den kleinen Tümpel zu salzen. Pipileaks im Dschungelcamp? Der Wind steht jedenfalls so ungünstig, dass ausgerechnet der Kannibalistin in spe – und die hat schon eine ganz kurze Hutschnur – die Mannschaftsaufstellung von Juventus Urin um die Restnase weht. "Mann, das stinkt hier vielleicht!", entfährt es Kader Loth und kurz denkt man, gleich isst sie noch einen auf. Einfach so aus Bock.

An anderer Stelle wird es nicht unbedingt appetitlicher, als Malle-Jens blankzieht und sein bauchiges Überhangmandat unter die Dusche hält. Wieso ist der eigentlich noch so dick, wo es doch gar nichts zu essen gibt? Ach ja, man ist fast schon so kurzatmig wie die Loth, sind ja erst zwei Tage. Lang genug jedenfalls, um schon die Schatulle mit den Nahtod-Erfahrungen zu öffnen. Darin zum Beispiel Frau Menke, die uns ein wenig daran teilhaben lässt, dass ihr persönliches "Tretboot" auch nach 1983 noch gehörig in "Seenot" geriet. Nach einem falschen Medikament versuchte sie sich 2015 umzubringen und entkam nur knapp dem Tod. Der schwärzeste Tag in ihrem Leben, das sie heute jedoch ungleich optimistischer angeht. Wie sie Kader Loth etwa davon in Kenntnis setzt, dass sie jetzt mal einen schönen Fake-Kaffee (heißes Wasser) kocht und dass das toll über den Hunger hinwegtröstet, dampft förmlich vor positivem Denken.

Malle-Jens und sein Elf-Sekunden-Herzstillstand

Eine Exit-Erfahrung jedenfalls, die so ähnlich auch Malle-Jens, von Florians Drogen-Döntjes aus Wessworld angetriggert, zum Besten geben kann. Der 47-jährige Schlagersänger hatte, nach Einnahme von Tabletten und einer Flasche Saurer Apfel, satte elf Sekunden Herzstillstand und Vortod-Starre auf der Uhr, bevor ihn die Ärzte wieder zurück ins Leben holten. Schaut man ihn sich so an, wie er in Rainer-Langhans-Gedächtnisstarre dahindekubitiert, ahnt man, dass er heutzutage locker eine halbe Stunde ohne Herzschlag auskommt.

Bei so viel Tod und Verdammnis und Menschenfresserei ging die große Versöhnung dagegen fast unter. Am Ende einer dramatischen Dschungelprüfung, in der Honeylein dem Flori das Nachsehen gab, vertrugen sich die beiden so ganz nebenbei. "Gönn ich dir", flötete Flori. Und der Honey grinste so breit, dass man kurz meinte, ihm seien über Nacht noch zwei Zähne dazugewachsen.

Hanka Rackwitz, die Lillyfee der Psychotherapie

Das eigentliche Drama im Dschungel ist und bleibt jedoch Hanka Rackwitz, die Lillyfee der Psychotherapie, mal entspannt wie eine Squaw im Frühling, dann wieder auf Zinne wie ein wild gewordenes Wiesel. Eben noch von einem Tässchen Zahnpasta-Tee (!) ganz beseelt, spürt sie kurz darauf 200 Puls bis hoch an den klaustrophobischen Kehlkopf schlagen. Der Grund? Eine Schlange im Camp! Und damit ist nicht etwa eine Mitbewohnerin gemeint, auch nicht Kaa-der Loth, nein, ein echtes Reptil schlängelt sich da um die Pritschenbeine und muss schließlich von einem vermummten Ranger zur Raison gebracht werden.

Großer Tränenkrampf im Sprechzimmer und ganz kurz meint man, gleich den Ruf des Ibes zu vernehmen, aber statt sich zu verpieseln, reibt Hanka sich selbst, uns und der ganzen Welt da draußen noch einmal den eigentlichen Sinn dieser ganzen Chose – und damit auch den Grund ihres Bleibens und warum wir – Sie, liebe Leser, und ich – das alles überhaupt mitmachen, ganz dicht unter die Nase: "Es geht um unser Leben."

RTL Dschungelcamp 2017 Hanka Rackwitz