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"DSDS"-Finale: Der Sieger heißt Seeger

Severino Seeger gewinnt das Finale von "DSDS". Quälend lange waren die drei Stunden, bis das Ergebnis feststand. Eine Liveshow wie ein viel zu langes Vorspiel. Ohne Orgasmus.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Severino Seeger freut sich über seinen Sieg bei der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar"

Severino Seeger freut sich über seinen Sieg bei der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar"

Seine tiefschwarzen Augenbrauen sind so akkurat gezupft als wäre er eines von Heidi Klums Model-Mädchen. Doch Severino Seeger kann nicht nur perfekt zupfen, er kann auch, zumindest sieht es Jurorin Mandy Capristo so, "so perfekt singen, dass es unverschämt ist". Überzeugt hat der 28-Jährige in der Finalshow von "Deutschland sucht den Superstar" denn auch 58,57 Prozent der Zuschauer, die am Telefon oder via SMS ihre Stimme abgaben. Und so hat auch die zwölfte Staffel ihren obligatorisch zu Tränen gerührten Gewinner. 500.000 Euro und einen Plattenvertrag mit Universal Music gibt es zum Superstar-Titel mit dazu. "Wir sehen uns am Montag", verkündete Dieter Bohlen noch, denn er ist Komponist und Produzent des Siegeralbums, und überreichte Severino einen goldenen Umschlag: "Da steht alles drin, alle Songs, üb' schön."

Wieder einer mehr, der auf das "ganz große Ding" hofft. Dabei gehört es längst zum Allgemeinwissen, dass man sich übertriebene Karriereträume in die Haare beziehungsweise in die Augenbrauen schmieren kann. Aber wenigstens, es ist ihm zu Gute zu halten, hat Severino Seeger mit seiner Teilnahme bei DSDS einen legalen Weg eingeschlagen. Nicht selbstverständlich, denn dem Halbitaliener aus dem hessischen Wächtersbach soll Anfang Juni am Frankfurter Amtsgericht das Verfahren wegen "gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs" gemacht werden. Auf dem DSDS-Facebook-Account hagelte es deshalb seit Wochen Kritik an dem Favoriten. "Warum macht der immer noch in der Sendung mit? Der Mann hat arme Rentner um ihr Geld geprellt", hieß es beispielsweise.

Fotostrecke zum DSDS-Finale: FS
Blumenverkäufer Antonio Gerardi sang "You Give Me Something" von James Morrison und überzeugte die Zuschauer in dem Dreier-Finale am wenigsten. Er schied als Erster aus.

Blumenverkäufer Antonio Gerardi sang "You Give Me Something" von James Morrison und überzeugte die Zuschauer in dem Dreier-Finale am wenigsten. Er schied als Erster aus.

"Endlich sind die Italiener wieder im Endspiel"

Ist DSDS also auch als Resozialisierungsmaßnahme zu verstehen? Dieter Bohlen jedenfalls hatte bereits beim Casting auf Severino gesetzt und verkündet: "Von mir aus kannst du das Ding hier gewinnen." Ins Finale schafften es außerdem die 17-jährige Viviana Grisafi und der 30-jährige Antonio Gerardi . Und weil alle drei italienische Gene in sich tragen, sprach nicht nur Moderator Oliver Geissen davon, die Sendung umzubenennen in "Deutschland sucht den Superitaliener". Und witzelte außerdem: "Endlich sind die Italiener wieder im Endspiel, lange nicht mehr gehabt."

Gut, das ist nicht unbedingt ein Brüller, aber man nimmt's ihm nicht krumm, denn er hat nicht diese krampfhafte Attitüde eines Markus Lanz, komisch sein zu wollen. Wenn keiner lacht, dann lacht eben keiner – Oli Geissen hat diese wohltuende Unangestrengtheit und Lässigkeit, die den meisten Moderatoren fehlt. Und es war vor allem ihm zu verdanken, dass die auf drei Stunden aufgeblähte Finalshow - eine Stunde hätte es auch getan - nicht vollends zur öden Veranstaltung wurde. Schon bald konnte man es nicht mehr sehen, wie die Kandidaten ihre Finger zu Herzchen formten und mit Hündchenblick um Anrufe bettelten. Begleitet von dem Mantra: "Danke für eure Unterstützung, ihr seid die Besten, ich liebe euch."

Popballaden-Einheitsbrei

Sprach Barbara Schöneberger beim überraschenden ESC-Verzicht des Vorentscheid-Gewinners Andreas Kümmert von einem "Coitus Interruptus der schlimmsten Sorte", könnte man beim DSDS-Finale davon sprechen, dass das Vorspiel einfach zu lang war - viel zu lang. Noch dazu: Sollte der Sieg von Severino, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwa der Orgasmus sein? Der ebenfalls von Dieter Bohlen - von wem sonst - produzierte Siegersong "Hero Of My Heart" ist auch nicht mehr als Popballaden-Einheitsbrei. Die etwa 11.000 Zuschauer in der Bremer Stadthalle jubelten und johlten zwar, aber das tun Zuschauer bei diesem Format immer. Wahrscheinlich, um sich selbst wach zu halten. Niemand will an Langeweile sterben. Und auch sonst würde man Liveshows gerne überleben. Nachdem das Finale von "Germany's next Topmodel" am Donnerstag wegen einer Bombendrohung abgebrochen worden war, sorgte RTL deshalb für "verschärfte Sicherheitsbedingungen".

Um 21.40 Uhr wurde Antonio, er performte "You Give Me Something" von James Morrison, rausgewählt. Und das, obwohl Juror Heino dessen Stimme, und hier war der Vergleich schon extrem weit hergeholt, mit der von Caruso und Pavarotti in eine Reihe stellte. Um 22.05 Uhr verkündete Oli Geissen, die nunmehr zwei Finalisten seien "so was von gleich auf". Einer habe lediglich zwei Prozent Vorsprung. Nach der Präsentation des Miley-Cyrus-Songs "Wrecking Ball" gab es für Viviana noch das seltsamste Jurorenurteil des Abends. "Du streckst keinem die Zunge raus, du rasierst dir die Achseln", lobte Bohlen. Moment Mal, Achselhaare, darum kümmert sich doch sonst Heidi Klum.

Doch die rasierten Achseln rissen es auch nicht mehr raus. Viviana musste aus Jugendschutzgründen um 23 Uhr runter von der Bühne. Ihre Mama Maria kam stattdessen rauf. Um 23.13 Uhr schließlich stand der Sieger fest - er hatte sich gegen mehr als 30 000 Bewerber durchgesetzt. Trotz schwächelnder Quoten soll es auch im nächsten Jahr wieder eine DSDS-Staffel geben. Wer weiß, wie lange noch. Das US-Vorbild "American Idol" wurde inzwischen eingestellt.

  • Sylvie-Sophie Schindler