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"Deutschland sucht den Superstar": Jede Stimme zählt

Amateursänger ackern, Bohlen bollert, Fans fiebern mit. "Deutschland sucht den Superstar" steht vor dem Halbfinale. Drei Kandidaten sind noch im Rennen: ein Bayer und ein Verliebter. Der stern blickt hinter die Kulissen.

Manche glauben ja immer noch, es käme auf den Gesang an. Als die Show gelaufen ist und alle zur Bühne stürmen, bleiben Nevios Eltern einfach auf ihren Plätzen hocken, Block C, Sitz 61 und 62, als hofften sie, dass alles noch einmal von vorn beginnt und am Ende keiner sagt: Nevio ist draußen. "Hat mein Sohn schlecht gesungen?", fragt Nevios Papa, Signor Passaro. Nein. Viel besser als Mike zum Beispiel. "Dann verstehe ich das nicht. Verstehen Sie's?"

Es ist die Nacht der zerflossenen Schminke, der verquollenen Augen und des stieren Blicks. Mike ist heulend zu Boden gesunken und Vanessa hinterher, sie streicht ihm übers Gesicht und schnieft ein wenig mit. Tobi schüttelt den Kopf und starrt auf den Boden. Alle drei sind eine Stufe weiter, sie sind im Halbfinale von "Deutschland sucht den Superstar".

Es ist das Drama der kleinen Mädchen, die sich an ihren "Nevio"-Plakaten und den von RTL ausgegebenen Leuchtstäben festhalten und leise vor sich hin schluchzen, als hätte man ihnen ihr Lieblingskuscheltier weggenommen.

Und es ist die Stunde eines strahlenden Verlierers. Nevio, gerade ausgeschieden, doziert schon wieder in eine Super-RTL-Kamera, mit der gewohnten Mischung aus Pasta-Charme und lässiger Überheblichkeit: "That's the way", "shit happens", und dass man jetzt nach vorn sehen muss.

Vielleicht war es gerade Nevios überbordendes Selbstbewusstsein, das den Leuten auf den Geist gegangen ist. Sätze wie: "Klar möchte ich jetzt Superstar werden - und ich hab das Zeug dazu." Und dass er in der Presse gegen die Show gestänkert hat. Vielleicht haben auch weniger Zuschauer ihre 49 Cent pro Anruf in Nevio investiert, weil sie glaubten: Der kommt eh weiter, mit seinen Balladen und seinem Teddybärgesicht.

Mike hatte tags zuvor seinen Koffer gepackt und den andern vorsorglich tschüs gesagt. Weil er spürte, dass er nicht in Form war, und nicht glaubte, dass die Anrufer ihm das verzeihen - oder sogar zum Trost für ihn stimmen würden. "Die Zuschauer sind der X-Faktor", sagt Mike, "sie sind unberechenbar."

Das macht ja den Kitzel aus, hier im ansonsten recht trostlosen Köln-Ossendorf, wo sich hinter der Kaserne, der Justizvollzugsanstalt und dem Abfallcenter riesige Klötze erheben, mit Fenster und ohne - die Magic-Media-Studios, eine der größten TV-Werkstätten Europas. In Klotz 45 wird "Unter uns" produziert, im Doppelklotz 39 und 40 "Verbotene Liebe", und in A2, im Coloneum, neben "Top of the Pops", machen sie die Superstars.

Samstagnachmittag, eine Stunde vor der Generalprobe. Zwei Kamerateams, zwei Fotografen und mehrere Menschen mit Notizblock warten auf einem Flur mit grauem Teppich und orangefarbener Tapete darauf, dass eine RTL-Frau ihnen erlaubt, mal eben kurz zuzusehen, wie die Kandidaten fernsehfein gemacht werden.

Raum 32/310. Mike Leon Grosch, Sohn einer Koreanerin, der bei E-Plus im Vertrieb arbeitet, zwirbelt vorm Spiegel seine Stachelfrisur zurecht. Die Aknekrater auf den Wangen kann auch noch so viel Schminke nicht überdecken. Was hatte er Komplexe - bis er vor zwei Jahren ein Konzert von Seal besuchte und begriff, dass glatte Haut nicht alles ist. Mikes Stimme muss man sich ähnlich vorstellen wie sein Gesicht. Wie Raufaser. Mike ist mit 29 der Älteste hier.

Vanessa Jean Dedmon, 18, bekommt etwas Kunsthaar ans Echthaar gepappt. Die Lady mit der Soulstimme wollte zu "DSDS", seit sie den ersten Platz belegte bei "Alexander-von-Humboldt-Schule sucht den Superstar", im hessischen Asslar. Seit kurzem sind sie und Mike ein Paar. Zum Valentinstag hat er ihr einen Glitzergürtel geschenkt, sie ihm einen Ring. Mike sagt, sie sei ein zerbrechliches Mädchen, schutzbedürftig, nicht so eine Diva wie auf der Bühne. Vanessa findet an Mike alles toll. Die RTL-Frau sagt, jetzt könne ein Kamerateam rein.

Tobias Regner,

23, Kommunikationsdesigner, spricht im zugigen Treppenhaus mit einer Journalistin über sein Verhältnis zum Kölner Karneval. Der bärtige Bayer, der auf New Metal steht und gar nicht "Bravo"-tauglich aussieht, wundert sich jedes Mal, dass so viele Menschen für ihn anrufen: "Die kleinen Mädels vorm Fernseher sagen doch bestimmt: Der sieht so alt aus und hat auch noch Haare im Gesicht." Er stehe ja nicht so oft in der Presse, sagt Tobi - "vielleicht bin ich einfach ein bisschen langweilig". Sagen wir: bodenständig. Womöglich kommt er grade deshalb so gut an.

"DSDS" - "Deutschland sucht den Superstar", die Dritte. Obwohl die meisten Finalisten der früheren Staffeln heute in Dorfdiskos gastieren oder in der stern-Rubrik "Was macht eigentlich?", waren 14 000 Unverzagte bei den Castings angetreten, unter ihnen etliche, die in der Fußgängerzone keinen Cent ersingen würden.

Anfangs bestimmte die Jury, wer weiterkommt; nun, seit der Show der letzten Zehn, geben die Juroren zwar weiter ihren mal süßen, mal scharfen Senf dazu - über das Schicksal der Kandidaten entscheiden aber per Telefon die Zuschauer zu Hause. Sie verabschiedeten sich von Kandidat gewordenen Comicfiguren wie Stephan, der Heulsuse, und Daniel, der gern Latin Lover wäre, aber doch nur Spanier ist. Und von Didi Knoblauch, der mal ein Mädchen war und jetzt ein Mann wird, wozu ihm allerdings noch der Penis fehlt.

In Wahrheit ist "DSDS" eine Soap, in der jeder sich selbst spielt: für die Boulevardpresse, für "RTL Punkt 6", "RTL Punkt 9", "RTL Punkt 12" und "RTL Exclusiv". Man erfährt alles. Auch, wann, wo, mit wem die Kandidaten ihren ersten Sex hatten und ob der zufrieden stellend war.

Seit Januar leben sie in Käfighaltung, in einer Villa in Köln-Hahnwald. Helle Couchen, rote Vorhänge - bei Superstars sieht es aus, als hätte Tine Wittler sich ausgetobt, die RTL-Wohnungsverschönerungsfrau. Die Dusche ist so groß, dass sich alle gemeinsam drunterstellen könnten. Im Keller gibt es einen Whirlpool und eine Sauna, in der Küche dampft mittags Gulasch oder Bolognesesauce. Kochen und Waschen übernehmen die Herbergseltern. Montag und Freitag Bunt-, mittwochs Kochwäsche. Wenn ein Zimmer saumäßig ausschaut, kleben sie einen Zettel an die Tür: "Bitte aufräumen!" Landschulheim de luxe.

"Pop Idol" war 2001 der Anfang. Die Ableger des britischen Wettstreits verkauften sich in 32 Länder, als "Indonesian Idol", "Turkstar" oder "Pan-Arabic Superstar". "DSDS" wurde nach der zweiten Staffel, die zu rasch auf die erste gefolgt war, für tot erklärt. Über die dritte spricht man wieder, auch dank der freundlichen Unterstützung durch "Bild" und "Bild am Sonntag", die selbst dann die Popularität der Show mehren, wenn sie von angeblicher Schummelei berichten. Die Moderationsroboter Michelle Hunziker und Carsten Spengemann hat RTL durch die Nachfolgemodelle Tooske Ragas und Marco Schreyl ersetzt - und die Zahl der Scharfrichter von vier auf drei reduziert: Sylvia Kollek und Heinz Henn, beide Musikmanager - und Dieter Bohlen.

Herr Bohlen,

wie wichtig sind Sie für den Erfolg der Sendung?

"Es gibt nur ein' Dieter Bohlen. Wer sonst hat 140 Hits komponiert und ist vom Kreml bis nach Hongkong getourt? Wenn ich die Jury zusammenstellen müsste - ich würde auch mich besetzen." Bohlen hält Hof in seiner Garderobe. Auf dem Tisch liegen ein Stapel Autogrammkarten und eine abgewetzte Lederjacke.

Herr Bohlen, worin unterscheiden sich die Kandidaten von den früheren?

"Die guten sind diesmal besser und die schlechten schlechter." Ein Visagist knetet Bohlen Gel ins Haar, weil gleich der Fotograf kommt.

Von den Finalisten der ersten und zweiten Staffel hört man nicht mehr viel.

"Du musst die Show sehen wie ein Formel-1-Rennen: Die Jungs und Mädels bekommen auf ihr Auto einen Super-Turbo draufgepackt, das ist die Marke 'DSDS' mit der ganzen Vermarktung drumrum. Nach der Show schrauben wir den Turbo wieder ab, und sie müssen ohne weiterfahren."

Überrascht Sie der Erfolg dieser Staffel?

"Nee, gar nicht. Dass die Zeitungen vor dem Start so negativ geschrieben haben, hat mich angespornt zu kämpfen."

Die "Bild"-Zeitung kämpft an Ihrer Seite, mit mindestens zwei großen "DSDS"-Geschichten die Woche.

"'Bild' hat sicher geholfen."

Schlagen Sie denen Geschichten vor?

"Ja, aber leider machen die nicht immer, was ich will. Sonst stünde jeden Tag auf Seite eins: Bohlen ist der Größte!"

Herr Bohlen, vielen Dank.

Suchte Deutschland die Superfans - es wären Vanessas Eltern, die Dedmons aus Wetzlar. Ihr Haus kann man nicht verfehlen: Überm Eingang haben sie ein knallgelbes Vanessa-Transparent angebracht, drei mal vier Meter. Der Werbe-Jost, ein Bekannter, hat das drucken lassen, der Sport-Kaps und der Metzger-Pfeiffer haben Geld zugeschossen.

Der Metzger-Pfeiffer versorgt die Dedmons auch mit Fleischbällchen, wenn sie zur Show fahren. Das tun sie jeden Samstag, mit ihren engsten Freunden, das sind mittlerweile an die 50, und mit großem Hallo, in gelben Vanessa-T-Shirts und in einem Bus vom Reiseunternehmen Gimmler. Man sollte die Dedmons deshalb unter der Woche besuchen.

Am Hoftor grüßt stumm und schwanzwedelnd Jagdhund Kimba, 15 ist er und hat zwei Schlaganfälle hinter sich. Aus der Küche duftet der Kaffee, im Wohnzimmer steht eine Platte mit Schnittchen, es läuft RTL, und weil Besuch da ist, wird der Ton ausgemacht.

Seit sieben Jahren wohnen die Dedmons hier. Vanessa, ihre Schwester Latascha, 23. Und die Eltern: Waltraud, 48, Verkäuferin, und Russell, 49, Kranfahrer, der als G. I. nach Deutschland kam. Er spricht mit Akzent, unterbrochen durch Kicherattacken, sie in breitem Hessisch, und sie übernimmt gern die Gesprächsführung: "Ich kann schneller schwätze."

Latascha betreut die Fan-Homepage. Um ihrer Schwester nahe zu sein, schläft sie in Vanessas Bett, solange die bei "DSDS" ist. Unter der Tigerdecke, zwischen den Kuscheltieren. Neidisch auf die kleine Schwester? "Ich war kurz davor, meine Koffer zu packen, weil sich alles nur noch um Vanessa gedreht hat", sagt Latascha. "Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Sie braucht mich. Wir halten zusammen." Russell hat 1500 Fotos mit Vanessas Unterschrift drucken lassen; es sind kaum noch welche übrig. "Werd bloß net eingebildet", hat Waltraud ihrer Tochter gesagt.

Ob Vanessa nach "DSDS" wieder hier einzieht, weiß sie nicht. In einer Boutique Klamotten verkaufen, wie früher, will sie jedenfalls nicht mehr. Auch Mike sagt, zu E-Plus zurückzukehren, mit Anzug und Dienstwagen, sei eine Horrorvorstellung.

Gut möglich, dass einer von beiden nach dem Finale mit einem Superstar liiert ist. Mike und Vanessa könnten sich auch im Doppelpack vermarkten lassen. Ike und Tina Turner zwo. Cindy und Bert 2006. Vielleicht gewinnt auch Tobi. Aber man kann ja auch was werden, ohne bei "DSDS" gesiegt zu haben.

Oder, Herr Bohlen?

"Einen 18-jährigen Grönemeyer mit seinem hektischen Gesang hätten wir beim Casting nicht weiterkommen lassen."

Und einen kleinen Bohlen?

"Auch nicht."

Alexander Kühn / print