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E-Mail von Till: Wo sind denn all die Topmodels?

Schlankheitswahn, Klum-Imperium und eine kurze Model-Karriere - es gibt viele Gründe, "Germany's Next Topmodel" nicht zu mögen. Aber etwas mehr Schönheit und Grazie könnte Deutschland schon vertragen, findet stern.de-Kolumnist Till Hoheneder. Vor allem im Freibad.

Leute, mal ganz ehrlich! Ich habe mich gewundert, dass bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" mit dem Topmodel-Thema nicht mehr Radau war als sonst! Schließlich war Jutta Ditfurth als Gast geladen! Jutta Ditfurth, die eigentlich eine Topbesetzung in jeder Hinsicht hätte sein können: Als eine Art intellektuelle, zynische Links-Öko-Fundi-Emanzen-Amazone im konsequenten, Topfigur-verweigerndem Obelix-Look (fehlte nur noch Helm, Zöpfchen und Idefix auf dem Tisch!). Aber entweder ist die Gute altersmilde geworden, oder sie wollte nicht so recht das Klischee "Du bist ja nur dagegen, weil du dick und asselig am Auge bist" bedienen. Schade!

Ich bin - das mag manchen überraschen - ein Fan von "Germany's Next Topmodel" und ich bedauere sehr, dass trotz der guten Quote und des Medienrummels noch immer so viele Damen offensichtlich Cindy aus Marzahn als optische Vorlage nutzen. Heute standen im Supermarkt zwei Mädels (Anfang 20, Ende 40) vor mir, mit Chips, zwei Tüten Weingummi und einer Packung Schokoküsse. Dazu mehrere Flaschen Alcopops, Geschmacksrichtung: Küstennebel-Pirinha (Hauptsache es schädelt!). Kurze Beschreibung der zwei Standard-Grazien: Frenchnails mit Glitzer, die satte Speckrolle quoll aus den wie üblich zu kurzen Tops. Schlechtgefärbte Haare mit zehn Zentimeter langem schwarzen Ansatz am Mittelscheitel. Arschgeweih, ist ja klar - das sah aber aus wie ein schlechtes Klebe-Tattoo. Dazu enge, beziehungsweise viel zu enge Capri-Hosen im schicken KiK-Design!

"Topmodel" mit Blümchenbadekappe

Als ich mich fragte, ob die beiden wohl einen Zusammenhang sehen zwischen dem Gesamtkalorienhaushalt von Uganda im Einkaufskorb und den überflüssigen Bruttoregistertonnen an ihrer Hüfte, sagte die eine zur anderen: "Geil, dass Jennifer gewonnen hat!" Ja, klar! Aber wo sind sie denn nun, die Jennifers? Im Freibad sind sie jedenfalls auch nicht! Stattdessen besetzte die dicke Schwester von Moby Dick gleich drei Bahnen im Sportbecken: mit Blümchenbadekappe und Achselhaaren wie ein Mangrovensumpf! Als ich dann noch gesehen habe, wie sich ein Kind darin verheddert hat, war ich fertig mit "schön" schreiben.

Als der Bademeister das Kind gerettet hatte, raunzte er ein Mädel an, dass praktisch unbekleidet ins Wasser springen wollte: Frollein, runter mit dem Ritzenputzer für die Nutella-Falte und 'ne ordentliche Badehose anziehen! Leider hat den Adiletten-Despot auch meine Primaten-Körperbehaarung zu der Uraltzote inspiriert: Hey Glatzkopf, ganz schnell mit dem Pulli aus dem Wasser, aber dalli! Harharhar!

Nein, ich finde nicht, dass ein bisschen "Germany's Next Topmodel" der weiblichen Jugend schadet! Nicht jeder Amy-Winehouse-Fan greift auch zur Crackpfeife. Wer sich durch die Sendung zu Schönheitsoperationen oder Magerquarkorgien hinreißen lässt, hatte auch vorher schon einen Schaden! Nicht jeder Fußballfan will auf dem gleichen Bildungsstand wie Lukas Podolski hängen bleiben. Nein, ich würde eher krank vor Sorge werden, wenn meine Tochter nach einer Maybrit-Illner-Sendung sagen würde: Ich will Politiker werden... oder zur Telekom! Ne, dann schon lieber: "Germany's Next Topmodel"!

Bis die Tage!