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Gastkommentar von Thomas Koschwitz: Rettet die deutsche Late-Night!

Lustlose Gastgeber ohne Profil, müde Gags, schlecht vorbereitete Gäste - die deutsche Late-Night ist in einem desaströsen Zustand und reicht nicht an amerikanische Vorbilder heran. Das kann auch Pocher nicht retten. Eine Abrechnung von Thomas Koschwitz.

Die Geschichte der deutschen Late-Night ist voller Missverständnisse ... Geht nicht so ein Werbespot los? Egal! Den ganzen Mist mit dem Abschreiben kennen wir eigentlich aus der Schule. Du hast exakt dasselbe auf dem Papier stehen wie dein Nachbar, und dann kommt der Lehrer und will an der Tafel deinen Lösungsansatz kennenlernen. Zum Heulen.

Genauso ist es mit der deutschen Late-Night. Die Deutschen haben abgeschrieben. Es wird kolportiert, Jörg Grabosch, inzwischen Produzenten-Millionär und ganz eindeutig der Messias der deutschen Late-Night, habe bäuchlings mit einem befreundeten Regisseur vor dem Videorekorder gelegen, um sekundengenau den Ablauf der "David Lettermann Show" zu rekonstruieren. Heraus kamen diverse Figuren, die so aussahen wie Harald Schmidt oder Thomas Koschwitz, die sich aber bewegten und agierten, als seien sie David Lettermann, gefangen im falschen Körper.

Um im Bild zu bleiben: Der Lehrer fragt den Abschreiber: "Warum hat denn eine Late-Night-Show einen Schreibtisch und immer die Skyline und einen roten Fußboden und eine Band?" Und dann steht man da als Abschreiber. Tja, wegen der Stimmung. Und damit die Gags mit einem Tusch untermalt werden - überhaupt, die Gags: Wie kommt es, dass solche Flitzpiepen wie Niels Ruf, statt vom Pförtner einer Fernsehstation aufgehalten zu werden, tatsächlich vor eine Kamera dürfen, um dort erniedrigenden Mist, selbstherrliche Fragen an sich selbst und müde Lacher zu erzeugen? Weil man in Deutschland glaubt, gute Comedy habe zunächst mal mit dem Verarschen von anderen Menschen zu tun.

Das "Grillen" von Promis

Ich glaube, das ist ein Missverständnis. In Amerika kennt man zwar das "Grillen": Ein Promi oder ein Jubilar wird nach Strich und Faden auf den Arm genommen. Peinliche Geschichten werden rausgekramt, man hat viele Lacher auf seine Kosten auszuhalten, aber all das vergisst nie den Respekt vor der zu "grillenden" Person. Wie überhaupt die Amerikaner immer erst die Leistung eines Menschen bewundern und beklatschen. Keine typisch deutsche Eigenschaft. Wenn in Deutschland in einer Talkshow Gäste sitzen, dann sind sie meist ergriffen von der eigenen Wichtigkeit, oder sie haben was zu verkaufen.

In Amerika ist das oberste Prinzip der Late-Night-Show immer zu unterhalten, mit allen Mitteln: der Stand-up-Comedy, den Gästen, der Live-Musik. Selbst das traurigste Thema sollte den heiteren Moment haben. Was dazu führt, dass die amerikanische Jugend Late-Night-Shows als Nachrichtenersatz nimmt. Als New York vom Anschlag am 11. September 2001 gebeutelt war, sendete David Lettermann zunächst nicht, um sich dann ein paar Tage später mit Rudolph Giuliani, dem damaligen New Yorker Bürgermeister, wieder zu melden. Es wurde geweint und gelacht in dieser Show. Sie war das, worauf die Fernsehfans gewartet hatten: ein Lichtblick.

Und der Lehrer fragt gnadenlos weiter: "Warum ist die Show eigentlich täglich?" Tja, liebe ARD-Planer, weil Harald Schmidt und seine amerikanischen Vorbilder nur dann wirklich funktionieren können, wenn sie wie der Arbeitstag eines jeden Menschen organisiert sind. So 'ne Show ist wie ein Möbel: Wenn man sich reinsetzen will, sollte man es sofort finden. David Lettermann sendet immer um punkt 23.55 Uhr. Johnny Carson genauso. Bei der "Tagesschau" klappt es doch auch. Nur die "Harald Schmidt Show" wurde dauernd verschoben, mal kam die Sendung früher, mal später, auch bei Sat1 schon.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Koschwitz' Abrechnung mit Kerner, Pocher, Ruf und Raab...

Gastgeber muss 'ne Type sein

Was also haben sich die Amis gedacht, als sie unbedingt eine Late-Night-Show ins Fernsehen heben wollten? Der Gastgeber muss 'ne Type sein, mit dem das Publikum wirklich etwas anfangen kann. Einer mit Meinung, Ecken und Kanten. (Oder wissen Sie, wer Johannes B. Kerner wirklich ist?) Er ist sowohl Entertainer mit Leib und Seele, als auch Interviewer mit Leib und Seele. Johnny Carson war eine, wenn nicht die Stimme Amerikas in allen Belangen. Politik. Show. Sport. Er hatte das, was Harald Schmidt zum Schluss auch hatte: die Intelligenz, unser Leben zu kommentieren und damit eine Hilfe zu sein. Können Sie sich diese "Hilfe" von Niels Ruf oder - etwas besser in der Qualität - von Olli Pocher vorstellen? Pocher, der im Zweifel über Gags nicht hinauskommt, die auf Kosten seiner ausländischen Gäste gehen, die ihn nicht verstehen, weshalb es so leicht ist, diese zu verarschen.

Die Show muss etwas von einem Arbeitsplatz haben, so eine Gästeeinladung ähnelt einem Vorstellungsgespräch. Der Schreibtisch unterstreicht den offiziellen Charakter. Deswegen ist der Sessel so zum Publikum gedreht, dass der Gast als ganzer Mensch gesehen werden kann, während der Gastgeber in der Rolle des Fragers vom Schreibtisch verdeckt ist, was ihn stärker macht.

Zweideutige Redewendungen von Hugh Grant

Es gibt mehrere Kategorien von Gästen: Helden (die werden gefeiert), Armleuchter (die werden verarscht), gute Erzähler (die werden einfach gelassen). Gäste die jeder kennt, die aber nicht unterhalten können, werden entweder nicht eingeladen oder bekommen Hilfe von einem Coach. Hugh Grant, der ewige Studentenschauspieler, hatte ausgerechnet in Los Angeles seinen Hang zu oralen Freuden in einem Cabrio ausleben müssen, was ihm eine Anzeige und viel Öffentlichkeit einbrachte.

Statt sich zu verstecken, ging er zu Jay Leno in die "Tonight Show". Dort gab er nicht den Zerknirschten, sondern hatte sich - gut unterstützt von Ghostwritern der Show - vollgepumpt mit zweideutigen Redewendungen zum Thema "Blasen", ohne dass es zu anstößig wurde. Die Amerikaner sind da sehr prüde. "To blow my own trumpet" (was so viel bedeutet wie: um auch mal meine Position klar zu machen) - so und ähnlich fing Hugh Grant seine Antworten an, und das Publikum lag am Boden vor Lachen. Es war also gelungen, aus einem möglicherweise rührseligen Selbstbezichtigungsstück pure Comedy zu machen. Pocher würde in so einem Fall doch sicher lieber Sekrete von Rapperinnen verschenken.

Die Hausband ist wie der Plattenspieler einer Radiostation. Musik macht die Show groß. Eine Liveband kann alles aus dem Stand, macht aus der Show, die auch von der Improvisation leben muss, immer wieder ein Erlebnis. Wenn dann der Bandleader auch noch reden kann und Widerworte gibt, wird's großartig.

In den Hintern getreten vom Senderchef

Zurück nach Deutschland: Es war der selbstverliebte Roger (ganz weiches jeeee bitte Rogééé) Schawinsky, der anstatt seine Künstler zu schützen, diese auch noch schriftlich mit seinem Buch in den Hintern trat, der die Karriere von Anke Engelke auf dem Gewissen hat. Wenn man weiß, dass der Nacht-Talker eine gestandene Persönlichkeit sein muss, der uns müden Fernsehjunkies das Leben erklärt, dann muss der Sender demjenigen auch Zeit geben, um zu reifen, so wie weiland Harald Schmidt von Fred Kogel, trotz anfänglichen Misserfolgs, den Rücken frei gehalten bekam.

Niels und Olli werden vermutlich ganz ordentliche Comedy machen, aber Late-Night? Der geschätzte Kollege Olli Welke im ZDF versucht, sich an scharfen politischen Shows à la Jon Stewarts "Daily Show" zu orientieren. Das kann ganz witzig werden, landet aber vermutlich in der Relevanzecke von "Rudis Tagesshow". Bleiben zwei Herren, die 'ne Chance haben. Der eine, Stefan Raab macht keine wirkliche Late-Night. Und er macht sie lustlos. Der taut nur in seinen Sonderprojekten auf. Da ist er genial zuweilen. Und Harald? Der müsste halt wieder arbeiten. Der hatte sich vom Abschreiber zum Gestalter gemausert. Klug. Frech. Respektlos. Kein großer Talker, das mag er leider nicht. Schade. Stattdessen schwurbelt er jetzt in intellektuellen Höhen herum, die Sloterdijk zur Ehre gereichen, aber doch längst die Bodenhaftung verloren haben. Und wir Zuschauer? Wir kriegen Talker vorgesetzt, die sich hinter Themen und Gästen verstecken (sagen Sie mal, das interessiert mich jetzt aber mal wirklich...).

Weil unsere Leute im Gegensatz zu den frechen Bill Mahers und Jon Stewarts so wenig "Unkorrektes" zu sagen haben, reagiert auch die Internetcommunity lieber auf die amerikanischen Vorbilder der mittlerweile dritten US-Late-Night-Generation. Alle naselang sieht man kurze Ausschnitte von bösen Sprüchen im Netz. Wohlgemerkt von Fans ins Netz gestellt und nicht vom Künstler selbst.

Tja, und während ich das alles so schreibe fällt mir auf, dass ich doch noch sehr davon träume, noch mal eine deutsche Late-Night zu machen. Es bleibt halt die Königsdisziplin!