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TV-Kritik "Hart aber fair" Das war höchstens befriedigend, Herr Plasberg!


Bei "Hart aber fair" diskutieren die Gäste über etwas, das jeder kennt und durchlebt hat: die Schulzeit. Doch oft bleibt das Thema zu unkonkret - oder gleitet in Realsatire ab.
Von Christoph Henrichs

Wer selbst nicht mehr jeden Morgen von der Schulpflicht ins Klassenzimmer gezwungen wird, schwelgt manchmal in versonnenen Erinnerungen an seine vergangene Schulzeit. Das zumindest eint alle Beteiligten der Talkshow "Hart aber Fair". Denn als sie zum Ende der Sendung einander mit Schulnoten bewerten sollen, gibt es große Freude mit einem Hauch Nostalgie.

Dass es beim Thema "Problemfall Schule - zu viel Goethe, zu wenig Google?" fast nie so unkompliziert und harmonisch zugeht, ist in den 75 Minuten davor klar geworden. Denn schnell zeigt sich, dass der so vielseitige "Problemfall Schule" natürlich kaum erschöpfend aufgeklärt werden kann - obwohl Frank Plasberg in Höchstform ist: Der Moderator, ohnehin der strengste Pauker unter den ARD-Talkern, hat sichtlich Spaß daran, seine Gäste wie bei einem unangekündigten Vokabeltest ordentlich ins Schwitzen zu bringen.

Flache Debatte, ungenutzte Chancen

Inhaltlich hat die Show jedoch einige Schwächen. So wird ein Tweet als Diskussionsöffner herangezogen, der mittlerweile fast vier Monate alt und dementsprechend totdiskutiert ist: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen."

Zu viel Kultur und Kurvenrechnung, zu wenig Steuererklärung? "Wer twittern kann, kann auch Versicherungsverträge abschließen", sagt Josef Kraus, der Präsident des Lehrerverbandes und ein Bayer der ganz alten Schule. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) seufzt nur und verweist darauf, dass es diese Diskussion immer wieder gebe und dass man nicht einfach im Handumdrehen den ganzen Lehrplan umschmeißen könne.

Verklärte Schulharmonie

Schnell flacht die Debatte danach ab. Das liegt zum einen am Autoren Florian Langenscheidt, der allzu romantisch und naiv vom Segen des Internets für die Bildung schwärmt, (schließlich kann man Goethe in ungekürzter Originalfassung ergoogeln! Was für eine tolle Chance!) und zum anderen an Barbara Eligmann. Die Fernsehmoderatorin sitzt vor allem als Mutter vor Plasbergs Pult und kann außer Anekdoten und Verve nicht viel beisteuern.

Viel zu spät stößt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort zur Runde, der mit konkreten Beobachtungen von zunehmend überforderten Schulkindern wichtige inhaltliche Impulse gibt. Und der "wissen2go"-Youtuber Mirko Drotschmann scheint vom Rest der Runde nicht wirklich ernst genommen zu werden. Schade eigentlich, schließlich hat Drotschmann ein erfolgreiches Lernformat entwickelt, das sich Schüler freiwillig anschauen und das auch von seiner Interaktivität lebt.

Um solche freiwillig lernwütigen Schüler aus gutem Elternhause geht es generell zu oft in der Runde. Dabei stellen die eine Ausnahme dar. Schüler aus sozial benachteiligten Schichten haben es ungleich schwerer - und werden von verkopften, realitätsfernen Pädagogikmaßnahmen oft allein gelassen. Ein Paradebeispiel liefert "Hart aber fair" selbst per Einspielfilm - mit einem leider ernst gemeinten und unkritisch hinterfragten Satz über eine in Bayern praktizierte Feedbackform: "Im persönlichen Lerngespräch gleichen Lehrer und Schüler im Beisein der Eltern ihre Einschätzung miteinander ab, analysieren das Ergebnis und entwickeln gemeinsame Ziele."

Wie viele Grundschüler in der Realität tatsächlich ihr Verhalten analysieren und dann vor allem mit dem Lehrer "gemeinsame Ziele entwickeln", dürfte sehr fraglich sein. Doch wenn es eine samtene Stimme aus dem Off vorliest, klingt diese Vision toll - und ganz nach verklärter Schulharmonie.


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