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Henryk M. Broder in der ARD: Die Suche nach dem verlorenen Deutschen

Macht Medienprovokateur Henryk M. Broder jetzt einen auf Michael Moore? Nein, im Gegensatz zu Moore hat Broder jemanden dabei, der ihn kritisieren darf. In der ARD-Reihe "Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" suchen ein Jude und ein Moslem nach dem deutschen Wesen.

Von Sophie Albers

Dieses Land steckt in einer heftigen Identitätskrise: Ein CSUler will die Wehrpflicht abschaffen, laut einem SPDler machen Ausländer ganz Deutschland platt, harmlose Schwaben liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, und die First Lady ist tätowiert. Angesichts der zunehmenden Verschiebung der deutschen Werte und Normen ist eine Bestandsaufnahme des Deutschseins an sich wahrlich von Nöten. Und die kommt nun ausgerechnet vom professionellen Provokateur Henryk M. Broder.

"Menschen, die sich einer anderen Ethnie angeschlossen haben, haben einen schärferen Blick", sagt der Journalist und Polemiker ungewohnt sachlich, als er die ARD-Reihe "Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" in Berlin vorstellt. Und er blickte nicht allein. Broder, "die jüdische Nervensäge" aus Polen, nahm Hamed Abdel-Samad, den "renitenten Moslem" aus Ägypten, mit auf einen 30.000-Kilometer-Roadtrip.

Der führte die beiden "Beute-Deutschen" (Broder) von einer NPD-Kundgebung in eine Moschee, von einem Lachyogakurs ins KZ, vom Friedensexperten zum Psychiater. Das Wunderbare an der fünfteiligen TV-Reihe ist, dass die Fragestellung der derzeit so leidenschaftlich geführten Integrationsdebatte einfach umgedreht wird. Die gut integrierten Ausländer Broder und Abdel-Samad stellen die nicht unwichtige Frage, in was sich all die Ausländern eigentlich integrieren sollen. Womit wir wieder bei der Identitätskrise wären.

It takes two to tango

Und nun wird es wirklich spannend, denn die Identitätskrise kriegt diesmal auch Broder. Wenn auch nur ein bisschen, aber das hat tatsächlich mal etwas mit Mut zu tun. Die Entscheidung, sich nicht allein ins Auto zu setzen und auf selbstgewisse Michael-Moore-Art Deutschland vorzuführen, zeigt, dass Broder lernfähig ist. Auf dem Rücksitz hockt der niedliche Drahthaar-Foxterrier Wilma, denn "Kinder und Tiere bringen Quote". Und der entspannt-schlaue wie coole Abdel-Samad auf dem Beifahrersitz rettet Broder den Hintern. Keine Frage: Ohne das sachliche Gegenhalten und die besonnene Kritik des Historikers wäre die Reihe wohl ziemlich öde geworden. It takes two to tango.

So entwickelt sich ein zuweilen brillanter Bewusstseinsstrom, wenn das ungleiche Paar durch Deutschland reist und über das Gehörte und Gesehene diskutiert. Zugegeben, manchmal wirkt der Dialog etwas hölzern, aber laut Broder und Produzent Joachim Schroeder gab es weder ein Skript, noch Vorbereitungsgespräche, nur ein thematisches Gerüst. Der Rest sei Improvisation. An den Sprachrhythmus hat man sich tatsächlich schnell gewöhnt.

Der Zuschauer wird Zeuge, wie Broder unter einer Burka verschwindet und das Oktoberfest besucht; wie Broder und Abdel-Samad eine NPD-Kundgebung besuchen; wie sie alte DDR-Beamte treffen, die sich immer noch im Recht sehen; wie ein türkischstämmiger Bäcker versucht, die Bedeutung von Ehre zu erklären; wie der Moslem und der Jude an der einen Moschee abgewiesen und bei der anderen freundlich empfangen werden; wie Broder in der Kantine vom KZ Dachau zuviel isst; und auch wie Abdel-Samad sich weigert, neben dem als Stele verkleideten Broder ("Ich bin das mobile Mahnmal") zum Fest des fünfjährigen Jubiläums des Denkmals für die ermordeten Juden Europas zu gehen. Broder geht dann natürlich allein. Dank des daraus resultierenden Streits geht es aber plötzlich auch um Broder selbst.

"Du hast ein Problem, du bist gefangen in der eigenen Rolle, da musst du irgendwann raus", wirft Abdel-Samad dem mobilen Mahnmal (Broder in einem Pappmaché-Monster) vor. "Irgendwann muss man sich zur Ruhe setzen und denken: Wo steh ich überhaupt, und warum muss ich immer den Kasper spielen?" Broder versucht - altbewährt -, die Ebene zu wechseln, indem er Abdel-Samad nicht ernst nimmt. Doch der knickt nicht ein und nagelt Broder tatsächlich fest - und das gleich neben Berlins Holocaust-Mahnmal: "Wenn du nicht in die jüdische Opferrolle schlüpfen würdest, dann würdest du auch nicht in diese Stele hinein schlüpfen." Punkt.

Broders "Rettung" ist in dem Moment ein Sprecher des Jubiläumsfests, der sich nicht entblödet, den Satz zu sagen: "Es gibt viele Länder, die uns um dieses Mahnmal beneiden."

Der Schlüssel für die Integration

"Die Deutschland-Safari" wirkt hin und wieder ziemlich chaotisch, aber diese Stichbohrungen nach Identität fördern neben allerlei Geröll auch immer wieder Wertvolles zu Tage. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass diese Gesellschaft es uns ermöglicht, uns von unserer Herkunft zu emanzipieren (Broder). Dass es ein Schlüssel für Integration ist, wenn man über sich selbst lachen kann (Abdel-Samad). Dass Deutschland längst ein Land der Gegensätze ist - wofür auch spricht, dass die ARD sich dieser verhältnismäßig wilden Sendung angenommen hat. Allerdings wurde sie leider auf einem "Experimentiersendeplatz" um 23:35 Uhr versenkt.

Mit "Wertvollem" darf man Broder aber nicht kommen. Dessen Glas sei eben immer halb leer, sagt Abdel-Samad lächelnd. Auf die Frage, ob er auf seiner Deutschland-Safari denn auch Schönes erfahren habe, gibt es deshalb von Broder nur einen dummen Spruch: "Mein Verhältnis zu Tieren hat sich stabilisiert". Nicht einmal 30.000 Kilometer reichen, um Broder aus seiner Rolle zu kriegen. Auch ein Stück Deutschland.

"Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" läuft ab dem 7. November sonntags um 23:35 Uhr im Ersten. Die schönsten Szenen gibt es auch zum Nachlesen im gleichnamigen Buch zur Sendung, 14,99 Euro im Knaus-Verlag