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Presseschau zu Günter Grass: "Grass irrlichtert durch die Politik"

Günter Grass hat sich eingemischt: In seinem Gedicht geht der Literaturnobelpreisträger hart mit Israels Atompolitik ins Gericht - und erntet dafür scharfe Kritik.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Gedicht die Iran-Politik Israels scharf angegriffen und ist dadurch selbst in die Kritik geraten. Grass warf Israel in dem am Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten Gedicht vor, den Weltfrieden zu gefährden.

Grass gab seinem Gedicht den Titel "Was gesagt werden muss". Darin warf der Nobelpreisträger Israel vor, dass dieses durch einen Erstschlag das gesamte iranische Volk auslöschen könnte, nur weil vermutet werde, dass Teheran eine Atombombe baue. Dabei habe Israel selbst ein wachsendes nukleares Potential, das keiner Prüfung zugänglich sei.

"Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", schreibt Grass in dem Gedicht. Bisher habe er auch deshalb geschwiegen, weil er wegen der deutschen Nazi-Verbrechen gegen Juden glaubte, dies verbiete die Kritik an Israel. Nun könne es aber "schon morgen zu spät sein" und Deutschland "Zulieferer eines Verbrechens" werden. Grass kritisierte damit eine U-Boot-Lieferung an Israel. Durch dieses U-Boot könne Israel "allesvernichtende Sprengköpfe" auf den Iran richten.

"Salzburger Nachrichten" (Salzburg, Österreich)

Günter Grass hat große Meriten als Literat, der sich politisch einmischt. Doch seine jüngste Intervention zeugt vor allem von politischer Inkompetenz. Der Autor verkennt die komplizierte Realität in Nahost ganz und gar. Ein iranischer Atomunterhändler hat soeben dargelegt, dass sein Land kurz vor der Bombe stehe. Wie kann Grass dann die Alarmrufe internationaler Experten als völlig unbewiesene Behauptungen abtun? Irans Präsident Ahmadinedschad hat Israel immer wieder mit der Auslöschung gedroht. Wie kann Grass das als bloßes Maulheldentum bezeichnen - obwohl er als Schriftsteller wissen müsste, wie schnell Verbalattacken in furchtbaren Krieg umschlagen können?

"de Volkskrant" (Amsterdam, Niederlande)

So mancher Schriftsteller hat in seinen späteren Lebensjahren politische Gedichte verfasst, Harold Pinter zum Beispiel im Jahr 2003 aus Anlass des Irak-Krieges. (...) Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solcherart Gedichte zu schreiben? Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop.

"Die Presse" (Wien, Österreich)

Wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den "brüchigen Weltfrieden", wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt.

Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. Der - wie Grass in einer besonders perfiden Passage - dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) "auslöschen" zu wollen.

Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen

"Hannoversche Allgemeine" (Hannover)

Wahr ist vielmehr, dass Israels Politik auch in Deutschland - vom Kanzleramt bis zu den Leitartikel- und Leserbriefspalten der Zeitungen - immer wieder auf Kritik stößt. Dass sich Israel gegen Teherans Aggression rüstet, wird dabei kaum bemängelt. Gegenstand der Kritik ist eher Israels Besatzungsregime und Landnahme in den Palästinensergebieten. Doch darüber verliert Grass in seinem 384-Wörter-Werk kein Wort. Wichtiger als der Nahostkonflikt ist ihm offenbar das Podest des Tabubrechers. Das aber erweist sich bei näherem Hinsehen als ziemlich brüchig.

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg)

Grass hat nun denjenigen, die neben der Willkürherrschaft Ahmadinedschads und der Mullahs auch die Politik des israelischen Premiers Netanjahu zu Recht kritisieren, einen schlechten Dienst erwiesen. So hätte er sagen können, dass es Netanjahu mittlerweile gelungen ist, die Weltgemeinschaft mit Hilfe des Iran-Konflikts sehr geschickt vom weiter völkerrechtswidrigen Siedlungsbau der Israelis und vom Stillstand im Friedensprozess mit den Palästinensern abzulenken. Stattdessen behauptet er, Israel bedrohe das iranische Volk mit der Auslöschung. Das musste nicht gesagt werden. Es ist nämlich Kokolores.

"Leipziger Volkszeitung" (Leipzig)

Man kann Günter Grass eine Menge vorwerfen. Eitelkeit, und Selbstgerechtigkeit zum Beispiel. Er, der sich als Instanz auf den Sockel stellte und das Recht zu moralisieren nahm, hat über 60 Jahre geschwiegen über sich selbst, der im Alter von 17 Jahren der Waffen-SS beitrat. Aber ist Günter Grass ein Antisemit? Ist er, wie Henryk M. Broder behauptet, gar "der ewige Antisemit"? Nein, das ist Günter Grass nicht. Wer diesen Vorwurf macht, sollte Beweise vorlegen. Aber weder Broder, noch Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft in Deutschland, können das. Stattdessen wühlen sie in der Schublade mit den Totschlagargumenten und bestätigen damit doch nur Grass, der da vom "Verdikt ,Antisemitismus'" fabuliert.

"Südkurier" (Konstanz)

Nichts ist schlimmer als Beifall von der falschen Seite. Günter Grass kennt das. Schon 2002, als er sich in sei nen Roman "Im Krebsgang" zu Recht dem Schicksal deutscher Vertriebener angenommen hatte, bekam er Zuspruch aus Kreisen, die dem kritischen Literaten sonst nicht unbedingt nahe stehen. Umgekehrt hatten gerade jene Kreise viel Verständnis für Grass, als dieser 2006 seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zugegeben hatte. Und nun also herbe Kritik an Israel. Wieder werden diejenigen besonders laut applaudieren, deren Israel-Kritik nicht nur lauteren Motiven entstammen dürfte. Dass Grass allerdings die Führung des Iran, die unverhohlen, den jüdischen Staat auslöschen will, überhaupt nicht, die Opfer jener Drohung aber streng in die Verantwortung nimmt, fällt nicht nur in Israel etwas unangenehm auf.

"Badisches Tagblatt" (Baden-Baden)

Würde über dem Gedicht "Was gesagt werden muss" ein unbekannter Name stehen, dann hätte kein Hahn danach gekräht. Zum einen sicherlich deshalb, weil es keine einzige der drei internationalen Gazetten abgedruckt hätte - was vor allem mit der poetischen Qualität zu tun gehabt hätte: Das Werklein ist bei Lichte betrachtet ein recht dürftiges Beispiel engagierter Agitprop-Lyrik - und wäre sicherlich ohne die prominente Autorenzeile ungelesen geblieben. Was Grass da mit "letzter Tinte" (Grass) und somit quasi als politisches Vermächtnis zu vermitteln versucht, ist zwar eigentlich schon im Aufgalopp so verschwurbelt, dass den meisten Lesern der weitere Inhalt ohne das Medien-Ballyhoo verschlossen geblieben wäre, aber es hat eine klare politische Aussage. Und die wäre in der Tat besser ungesagt geblieben.

"Märkische Allgemeine" (Potsdam)

Grass irrlichtert durch die Politik. Es ist nicht Israel, das den Weltfrieden bedroht. Die Vernichtung Israels ist Staatsdoktrin im Iran. Dessen politische und geistliche Führer lassen keine Gelegenheit aus, öffentlich zu verkünden, Israel von der Landkarte tilgen und "die Juden ins Meer" treiben zu wollen. Zweifellos drängt der Iran nach Nuklearwaffen. Doch Grass erklärt in seiner lyrischen Analyse, im Iran sei "die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen". Es ist Grass' Naivität gegenüber dem aggressiven Teheraner Regime, die Verkennung von Ursache und Wirkung, die sprachlos macht. Der Literatur-Nobelpreisträger, der sich einen Israel-Freund nennt, hat einmal gesagt, Unwissenheit spreche nicht frei. Er hat es, wie so oft, anderen ins Stammbuch geschrieben.

"Der Tagesspiegel" (Berlin)

Ach, Grass. Zu fürchten ist, zu befürchten auch, dass sich hier einer um den Ruhm schreibt, wenigstens um den Ruf, dass er was zu sagen hätte. Weil er die Weisheit des Alters hätte. Oder weil er eine moralische Instanz wäre. So ist es nicht. Seine Worte sind ein Schlag gegen moralische Integrität. Weisheit spricht aus seinen Worten nicht; er wägt nicht, er weiß nicht. Was übrig bleibt? Das Alter. Und dass er Willy Brandt gut kannte. Und selbst das ist lange her.

kave/AFP/DPA / DPA

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