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Hugh Laurie: "Ich wünschte, ich wäre entspannter"

Der amerikanische Fernseharzt "Dr. House" ist so sympathisch wie eine Magenspiegelung. Sein britischer Darsteller Hugh Laurie wundert sich noch immer über den Erfolg der Serie - und hätte gern wieder etwas mehr Zeit für seine Familie.

Dummköpfe kann er nicht ausstehen, aufgeklärte Patienten noch weniger, und weinende Angehörige schickt er umgehend vor die Tür, sie gehen ihm auf die Nerven. "Sie brauchen mich nicht anzulügen", blafft er gern Frauen im Krankenbett an, "wir sind schließlich nicht verheiratet." Und wenn ihn die Leiterin des Hospitals ermahnt, mit all den Siechen und Versehrten netter umzugehen, verdreht dieser grantige Gott in Weiß die unglaublich blauen Augen und murmelt: "Menschlichkeit wird überbewertet." Gewiss, Dr. House ist nicht der verständnisvollste Arzt im deutschen Fernsehen - aber zweifellos der, zu dem wir alle kröchen, litten wir an rätselhaften Zuckungen, finaler Verkalkung oder Psycho-Knacksen, die Nieren zum Kollabieren bringen. Als brillanter Diagnostiker löst House allwöchentlich dienstags ab 21.15 Uhr auf RTL die bizarrsten BettGeschichten - medizinische Not- und Extremfälle, welche die Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes erfordern; hier vorgetragen mit dem Charme von Ekel Alfred.

Sexistische Sprüche fallen ihm aus dem Mund wie seiner elenden Kundschaft die letzte Mahlzeit, und während andere unkuschelige TV-Helden in der Regel ihre Episoden versöhnlich beschließen, bleibt Dr. House ein Kotzbrocken bis zum Abspann. Gut aussehend, sarkastisch, messerscharf; dabei an der Krücke humpelnd, weil er ein kaputtes Bein, und überraschende Helferinstinkte weckend, weil er eine kaputte Seele hat.

Das krüppelige Äußere verhilft ihm immerhin zum Behindertenparkplatz (als ihm den eines Tages eine Kollegin im Rollstuhl streitig macht - Rollstuhl toppt Gehstock! -, setzt er sich dito auf Räder; für keine kindische Aktion ist sich House zu schade). Und das verkrüppelte Innenleben hat ihn, der Mitarbeiter wie Patienten weiträumig von sich wegbeißt, zum umjubelten Star gemacht: Kein Fernsehheld, da ist sich die internationale Kritik einig, ist so anziehend wie dieser abstoßende Muffelkopf.

Schon 70 Episoden lang ist der britische Komiker Hugh Laurie in diese Rolle geschlüpft, die ihm zwei Golden Globes und einen goldenen Karriereschub beschert hat. Der 47-jährige Arztsohn aus Oxford spielte einst den Papa der Hollywood-Maus "Stuart Little" und fand in der alten Heimat mit schön albernen Fernsehsketchen eine feste Fan-Gemeinde. Doch ausgerechnet der Anti-Typ House machte ihn zum "Leading Man", zum Sexsymbol. Wie seine Ex-Freundin Emma Thompson einmal bemerkte: "Hugh gehört zu diesen seltenen Leuten, die es schaffen, auf traurige Art sexy zu sein, etwa wie ein Aal mit echt imposanter Männlichkeit." Der stern traf den Briten nach Drehschluss im Büro von Dr. House.

Mr Laurie, Sie sind das größte Ekelpaket im deutschen Fernsehen.

Ach ja? Wie klinge ich übrigens? Ich habe nur ein einziges Mal meine Synchronstimme gehört, das war vor vielen Jahren bei der Premiere von "Stuart Little 2", da saß ich neben Gerhard Schröders Frau.

Welcher?

Hat er mehrere? Was für ein interessantes Land. Man hat mir erzählt, dass "House" in Italien sehr erfolgreich sein soll, aus Deutschland hörte ich gar nichts. Ich habe mir Sorgen gemacht.

Das brauchen Sie nicht. Sie brechen regelmäßig Zuschauerrekorde. Überrascht Sie der Erfolg?

Aber selbstverständlich. Ich habe zwar immer gedacht, dass die Serie sehr gut ist, aber zwischen gut und erfolgreich klafft eine Riesenschlucht. Jedes halbe Jahr werfen die amerikanischen Sender 20 oder noch mehr neue Serien auf den Markt, und nur zwei überleben. Manchmal überlebt auch gar keine. Ein brutales Geschäft, und ich weiß genau, in welch seltener, wunderbarer Position ich bin.

Mögen Sie House?

Es ist doch so: Normalerweise sind Fernsehhelden nette Kerle mit netten Haarschnitten, die sympathische Scherze machen, in hübschen Wohnungen leben und obendrein noch einen netten Hund haben. Das ist alles so liebenswert, dass man würgen möchte. Als mein Agent mir vor drei Jahren fürs Casting einen Ausriss aus dem Drehbuch schickte, dachte ich, dieser mürrische House sei die Nebenrolle. Wilson, sein einziger Freund am Krankenhaus, wurde beschrieben als "attraktiv, mit einem offenen, jungenhaften Gesicht". Bingo: Das ist der Held, dachte ich. Ich aber mochte House von Anfang an - weil er nicht aufs Gemochtwerden aus ist.

Warum, glauben Sie, geht es dem Publikum nicht anders?

Meine Theorie lautet, dass die Leute die Nase voll haben von der "Political Correctness" unserer Zeit. Es ist nicht mehr erlaubt, die Wahrheit auszusprechen, alles muss beschönigt werden. House hat kein Interesse daran. Er sagt, was er denkt.

Lassen Sie manchmal eigene schlechte Laune in die Rolle einfließen?

Nein, mein einziger Beitrag zur Gestaltung von House besteht darin, dass ich ihn leiden mag. Dass ich verstehe, wie er tickt. Und ich weiß, dass andere Schauspieler, die als House infrage kamen, ungern eine unsympathische Figur spielen.

Zum Glück hatten Sie keinerlei Skrupel. Wie kamen Sie zu der Rolle?

Ich drehte gerade den Spielfilm "Flug des Phoenix" in Namibia, als mir mein Agent jene paar Seiten aus dem Skript schickte, die an alle möglichen Schauspieler verteilt wurden. Das ist schließlich unser täglich Brot, wir bekommen Zeilen, lernen sie auswendig, sprechen sie vor. Manchmal wird was daraus, meistens hört man nie wieder von dem Projekt. Ich habe damals im Badezimmer des Hotels - dort war das beste Licht - ein Video aufgenommen. Monate später rief mich mein Agent an und sagte: Sie wollen dich kennenlernen, wegen der Ärzteserie! Welche Ärzteserie?, fragte ich - ich hatte House vollkommen vergessen. Also flog ich nach Los Angeles, spielte für die Produzenten und die Sender-Bosse vor - ein verabscheuungswürdiger Prozess für jeden Schauspieler -, und dann haben sie mich tatsächlich genommen.

Und Sie zogen von London nach Los Angeles?

Um Gottes willen. Wir haben ja nur einen Pilotfilm gedreht, und als der ausgestrahlt wurde, hat praktisch niemand zugesehen. Die Sehbeteiligung war winzig. Winzig! Eigentlich hätte man uns absetzen sollen. Aber die fürs Absetzen Verantwortlichen haben uns auch nicht gesehen, also lief alles weiter. Ich bin damals in ein Hotel gezogen, weil ich dachte, dass in der folgenden Woche schon wieder alles gestoppt wird.

Wie lange blieben Sie im Hotel?

Ein halbes Jahr. Erst dann habe ich mir eine Wohnung gemietet. Aber ich denke heute noch, dass es nicht mehr lange gut geht. Jeder Erfolg bedeutet, dass um die Ecke schon die Katastrophe lauert. Mir könnte ein Klavier auf den Kopf fallen!

Sie klingen jetzt ein bisschen negativ...fast wie Dr. House.

Ich fürchte eben immer, dass es von jetzt an nur schlechter werden kann. Ich wünschte, ich wäre entspannter. Ich wünschte, dass mir die Arbeit - nach drei Jahren - endlich leichter fiele. Aber nein, ich bin jeden Abend gleich geschafft und quäle mich jeden Tag mit der Frage, wie ich meinen Text sprechen soll.

Wollen Sie sich etwa beschweren?

Überhaupt nicht. Ich liebe meine Arbeit! Ich liebe die langen Tage! In England lassen immer alle um fünf den Griffel fallen und trinken Tee.

Wie sieht Ihr Leben jenseits von "House" aus?

Es gibt praktisch keines. Am Wochenende spiele ich manchmal Tennis oder fahre Motorrad. Ich spiele gern Klavier, aber nichts Ernstes, nur so Klimpern zur Entspannung. Seit sechs Jahren erzähle ich, dass ich an einem Drehbuch arbeite, aber ich bin nicht in der Verfassung zu schreiben. Ich kann ja kaum noch lesen. Im Bett fallen mir nach einer halben Seite die Augen zu. Weil ich am nächsten Tag alles vergessen habe, lese ich die halbe Seite noch mal, bis ich wieder eindöse. So wird das wahrscheinlich weitergehen bis an mein Lebensende. Ich sollte mir eine wirklich gute halbe Seite vornehmen.

Wie findet es Ihre Frau, dass Sie neun Monate im Jahr in Los Angeles drehen, während sie in London Ihre drei Kinder großzieht?

Nun, meine Frau wusste, wie ich mein Geld verdiene, als sie mich geheiratet hat. Drei-, viermal pro Serienstaffel kommt sie nach Amerika, drei-, viermal fliege ich rüber. Toll findet sie es nicht. Es ist halt so, als wäre ich bei der Marine.

Wie finden es Ihre Kinder, dass ihr Vater mit Doktorspielen zum Star geworden ist?

Es ist ihnen zumindest nicht peinlich. Das war immer ein Ziel von mir: meinen Kindern nicht peinlich sein. Was speziell in meinem Beruf sehr schwer ist.

Hat sich ihr Leben sehr verändert?

Leider ja. Sie müssen sich daran gewöhnen, dass wir keine Privatsphäre mehr haben. Wir leben ja in diesem schrecklichen digitalen Zeitalter, wo Teenager ihr ganzes Leben ins Internet stellen - eine mir unbegreifliche Tatsache - und wo Bilder jederzeit von Millionen Menschen gesehen werden können. Neulich waren wir einen Hamburger essen, und ein Typ am Nebentisch hat uns mit dem Handy fotografiert. Eine Stunde später standen die Bilder im Netz. Er hat natürlich nicht gefragt, ob er uns knipsen dürfe, die Zeiten sind vorbei. Ich werde mich nie daran gewöhnen.

Glauben Sie an das Recht der Öffentlichkeit auf Information?

Ja. Aber sehen Sie, wenn der schöne Satz "Victoria Beckham geht einkaufen" in einer Zeitung stünde, stellte sich sehr schnell heraus, dass nicht viele Menschen sich für diesen Umstand interessieren. Für das Foto hingegen schon - es enthält zwar keinerlei Information außer der genannten, aber es ist unterhaltsam. Ich bin nicht der Meinung, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, unterhalten zu werden.

Als Englishman in Amerika: Was vermissen Sie am meisten aus der alten Heimat?

Meine Familie natürlich. Und dann den Regen. Dieser unermüdliche Sonnenschein kann einem ganz schön aufs Gemüt schlagen.

Interview: Christine Kruttschnitt / print