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Ina Müller: "Singen, saufen, sabbeln"

Das ist das Erfolgsrezept der Sängerin, Autorin und Moderatorin Ina Müller bei ihrem ungewöhnlichen Siegeszug durchs deutsche Showgeschäft. Eine Nacht unterwegs mit einer Frau, die vieles kann, nur nicht still sitzen.

Von Hannes Roß

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Oder Ina Müller. Das Konzert läuft schon einige Minuten, als sich ein verhuschtes Pärchen im Halbdunkel zu seinen Plätzen in der ersten Reihe schleicht. "Moment, Moment", ruft Ina Müller. Plötzlich geht das Licht im Zuschauerraum an, und die verdutzte Band unterbricht die Musik. "Ihr könnt da jetzt nicht mehr sitzen! Da habe ich eben zwei andere mit schlechten Plätzen hingesetzt. Nicht so schlimm, oder? Jetzt ist ja hinten was frei geworden."

Die Zuschauer in der Kampa-Halle in Minden toben vor Lachen. Eben hat Frau Müller noch einen atemlosen Monolog darüber gehalten, dass die gemeinsame Wohnung das Ende jeder Beziehung bedeutet, "nach fünf Wochen unterhält man sich bloß noch, damit es nicht so still ist, bis dann das erste Kind da ist". Die meisten im Publikum lachen, einige nicken auch nur still. Es ist die alte Lebensweisheit von Loriot, die sich durch Ina Müllers Lieder und Sprüche zieht: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.

Ina Müller. Was für ein hübscher Allerweltsname, klingt so aufregend wie Max Mustermann, aber das täuscht. Ina Müller kann vieles gleichermaßen, und das Bemerkenswerte ist: Mit allem hat sie Erfolg. Sie singt und war für den Musikpreis Echo nominiert, sie hat drei gut verkaufte Bücher geschrieben, und zwar auf Plattdeutsch, sie moderiert ihre eigene Late-Night-Show, "Inas Nacht", und wurde dafür mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Männermagnet und beste Freundin

Dabei gelingt Ina Müller bei allem ein erstaunlicher Spagat zwischen den Geschlechterlagern: Die Frauen hätten sie gern als beste Freundin. In ihren selbstironischen Liedern, die sie zusammen mit Songwriter Frank Ramond schreibt, der auch schon Annett Louisan und Roger Cicero zum Erfolg verhalf, wird Frauensolidarität beschworen, und die Männer, nun ja, die machen auch Spaß, sind aber nur mit Vorsicht zu genießen. So besingt sie in ihrem Song "Maxi-Cosi" einen hormongeladenen Familienvater, der sie ganz dreist mit Babysitz auf dem Beifahrersitz abschleppen will.

Männer lieben Ina Müller trotzdem, vor allem die in den besten Jahren. Sie hat das gewisse Etwas. Frau Müller bekommt jede Menge Heiratsanträge per Fanpost, eben weil sie kein profilloses, Prosecco-trinkendes Modepüppchen ist, sondern eine attraktive 43-jährige Frau, die ihre Lebensfalten nicht versteckt, sondern mit Stolz und Würde trägt.

Und was ist ihr Erfolgsgeheimnis? "Sabbeln, saufen und singen", so Ina Müller in ihrer Dankesrede zum Fernsehpreis. Manche sagen, das sei der Moment gewesen, als Marcel Reich-Ranicki beschloss, seinen Ehrenpreis am Ende des Abends abzulehnen.

Stimmungskanone

Der Müller'sche Dreiklang "sabbeln, saufen, singen" funktioniert an diesem Abend in Minden sogar ohne Alkohol. Die Kampa-Halle ist eigentlich eine Sporthalle, steril, schlecht belüftet und atmosphärisch schwer depressiv, heute wird so etwas "Multifunktionshalle" genannt. Und betrinken darf man sich hier auch nicht, es herrscht strengstes Alkoholverbot. Macht nichts. Frau Müller sabbelt und singt ihr Publikum promillefrei in Stimmung. "Wisst ihr, dass mehr Geld für Brustimplantate und Penisverlängerungen ausgegeben wird als für die Erforschung von Alzheimer? Eines Tages laufen wir alle mit dicken Titten und langen Pimmeln rum und wissen nicht mehr, was wir damit wollen." Und dann singt sie mit ihrer verrauchten Eckkneipen-Stimme davon, wie schön es ist, "keine kichernde Backfischfrau mehr zu sein", sondern "auf halber Strecke zwischen Kuscheltuch und Rheumadecke". Best-Ager-Pop.

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Reporter pflichtbewusst vor dem Hinterausgang auf Frau Müller wartet. Das Interview soll auf ihren Wunsch während der Autofahrt von Minden nach Hamburg stattfinden. Nun gut, das ist eben der Preis einer harten Nachtrecherche. Dafür wird man gleich eine ganz andere Frau Müller bekommen, nicht aufgekratzt, sondern erschöpft nach einem dreistündigen Konzert.

Das denkt man - bis Frau Müller plötzlich vor einem steht. Ein Glas badischen Rotwein in der linken Hand, eine glühende Zigarette in der rechten. "Na, Kleines", sagt sie mit heiserer Stimme und springt in eine schwarze Mercedes-Limousine. Kaum sitzt man auch drin, drückt sie einem eine Gauloises-Zigarette in den Mundwinkel und eine Bierflasche in die Hand. Man wehrt sich nicht, ist ja nett gemeint. So wird die Rückbank zur rollenden Eckkneipe, ohne Rauchverbot und Sperrstunde.

Frau Müllers Gabe

Jetzt könnte eigentlich ein vertrauliches Gespräch stattfinden, nur, so einfach ist das auch wieder nicht. Ina Müller ist ein Talk-Profi. Sie mag es nicht gern, ausgefragt zu werden, viel wohler fühlt sie sich in der Rolle der Fragerin, die ihr Gegenüber aus der Reserve lockt.

So wie sie es bei "Inas Nacht" regelmäßig macht. Die Show wird in einer winzigen Hamburger Hafenkneipe aufgenommen, es passen nur 14 Leute rein. Da wird dann getrunken, gesungen, gesabbelt, und es kommen Gäste wie Richy Müller, Heino und Reinhold Beckmann vorbei. Oft entstehen in dieser gedrängt intimen Kneipenstimmung außergewöhnliche Fernsehmomente. Da singt Ina Müller im Duett mit Annett Louisan, und einer der Wildecker- Herzbuben spielt Trompete dazu. Oder Heino erzählt, wie seine Hannelore ihm jeden Morgen eine frische Unterhose hinlegt und wie hoch seine Rente (1546 Euro im Monat) ist. Sie hat diese Gabe: Leute zu öffnen, ohne sie bloßzustellen.

Auch jetzt scheint sich Frau Müller sehr für das Privatleben des Reporters zu interessieren. "Sag doch, los, wie ist es bei dir so?" Dann schaut sie einen mit ihren funkelnden dunklen Augen an, und man kommt schnell in die Versuchung, jetzt irgendeine tolle Geschichte aufzutischen. Man will ja, dass sie mit einem lacht, nicht über einen. Eine McDonald's-Filiale an der Autobahn rettet die Situation. Frau Müller will eine 20er-Packung-Chicken-McNuggets haben, sie ist aber bereit zu teilen. Sie weiß, "wie das Zeug bei Frauen von 40 aufwärts abends ansetzt".

Zwei Leben

Das Leben von Ina Müller lässt sich in Leben eins und Leben zwei aufteilen, obwohl es nie einen harten Bruch gab. Alles scheint sich mit norddeutscher Gelassenheit ergeben zu haben. In Leben eins wuchs sie auf einem Bauernhof in der Nähe von Cuxhaven auf, als vierte von fünf Töch- tern. "Da habe ich schnell gelernt, wie man sich im Gespräch durchsetzt." Sie machte eine Ausbildung zur pharmazeutischtechnischen Assistentin, mit 27 arbeitete sie in einer Apotheke auf Sylt. Sie hatte einen festen Freund, mit dem sie in einem Reihenhaus lebte. "Ich war glücklich, mir fehlte es an nichts."

Nebenher sang Ina Müller ab und zu in den Kursälen von Sylt, weil "das Rumträllern" ihr Hobby war. In ganz kleinen Schritten wurden die Bühnen immer größer. Dann kam ein Redakteur vom NDR auf die Idee, dass sie im Radio plattdeutsche Geschichten vorlesen sollte, und irgendwann wurde das Fernsehen auf sie aufmerksam. Schließlich kündigte Ina Müller ihren Apotheken-Job, weil der Chef sagte: "Mensch, Ina, mach jetzt mal dein Ding. Kannst ja jederzeit zurückkommen." Sie ließ sich das schriftlich geben, den Zettel hat sie noch in einer Schublade. Leben zwei hatte längst begonnen. Sie war jetzt Ina Müller, die Alleinunterhalterin.

Vielleicht ist dieser geruhsame Aufstieg die Erklärung dafür, dass sie heute so genau weiß, was sie will und was nicht. Sie hat viele Angebote für große Shows abgelehnt, "weil, wenn das Thema mich nicht interessiert, kann ich mich da nicht hinstellen. Außerdem hab ich das finanziell nicht nötig". Zurzeit entwickelt sie eine neue Sendung für den NDR, wo sie als Reporterin die Unterschiede zwischen Stadt und Land erkunden will. Nebenbei dreht sie neue Folgen für "Inas Nacht", die seit einiger Zeit im Ersten läuft. Sie schreibt an Songs für das nächste Album. Ach ja, und sie überlegt, ob sie mal wieder ein Buch schreiben könnte, einen Krimi, die Handlung hat sie schon im Kopf.

Immer unter Strom

Letztes Jahr war sie eine Woche auf Rügen. "Nach ein paar Tagen habe ich mich gelangweilt, irgendwie bin ich nicht mußefähig - außer, ich sitze mal in der Sauna." Ihr letzter Freund war ein Oberarzt aus Bonn, doch seit gut einem Jahr ist sie wieder Single. "Ich weiß, es klingt elendig, aber ich brauche im Augenblick keine Zweisamkeit. Ich genüge mir selbst."

Kurz nach drei Uhr nachts kommt Ina Müller in ihrer Hamburger Altbauwohnung an. Sie könnte jetzt eigentlich ins Bett gehen, aber sie wird noch ihre Fanpost lesen (ein Mann bietet an, für ein Rendezvous seinen Arm zu amputieren), die letzten drei Ausgaben des "Kicker" studieren (sie ist Bayern-Fan), und sie wird auch noch einen Haufen verrauchter Tournee-Wäsche in die Maschine stopfen. Am nächsten Tag um zwölf Uhr geht die rastlose Frau Müller dann wieder auf Konzertreise.

Diese Frau hat wirklich viele Talente - das Talent zum Innehalten gehört nicht dazu.

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