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Interview Niels Ruf: "Ich werde nicht auf den Tisch kacken"

Zum Jahrtausendwechsel galt er als "Kotzbrocken" und "Ferkel" der TV-Nation, flog schließlich aus dem Programm, und es wurde still um Ex-Viva-Moderator Niels Ruf. Nun wird er wieder laut und das auch noch in der Königsdisziplin Late-Night-Show. stern.de hat sich den mittlerweile 34-Jährigen im Interview vorgenommen.

Von Sophie Albers

Fülliger ist er geworden, mehr Mann, weniger Junge, auch wenn die Krawatte neonlila ist. Aber ja, Niels Ruf trägt jetzt dunklen Anzug, schließlich ist er von nun an jeden Freitag in seiner eigenen Late-Night-Show auf Sat 1 zu sehen. Die war bisher Abonnenten vorbehalten, wandert jetzt jedoch ins Free-TV.

Es war ein langer Weg für Ruf, der sich Ende der 90er als gegen alle Schmerzgrenzen scherzender Moderator der Viva-Show "Kamikaze" sowie als zeitweiliger Freund von Anke Engelke einen Namen gemacht hatte. Die Kombination aus beidem machte ihn schließlich zum liebsten Boulevardmedienfeind, was im Rausschmiss bei Viva gipfelte. Laut Medienberichten sollte Ruf auf Kosten einer kranken Kollegin gescherzt haben. Da half ihm auch ein Sieg vor Gericht mit anschließender Richtigstellung nicht mehr. Er verschwand von der Bildfläche, gründete eine Produktionsfirma und trat als Schauspieler auf. 2006 holte ihn Sat 1 zurück. Seine 2007 gedrehte RTL-Anwaltserie "Herzog" floppte und wurde nach nur drei Folgen abgesetzt.

Trotz allem bester Dinge sitzt Ruf an einem vor Brötchen, Kuchen und Keksen überbordenden Tisch und soll erzählen, warum Deutschland eine weitere Late-Night-Show braucht. Eine Dame vom Sender ist auch mit dabei, vorsichtshalber. Das sei ihm lieber, sagt er und grinst ganz so wie früher.

Nach Ihren Erfahrungen mit den Medien letztes Mal, haben Sie sich vorgenommen, es diesmal anders zu machen? Kurz gesagt: Haben Sie Schiss?

"Kamikaze" war darauf angelegt, ein bisschen provokant zu sein. Das hat dann vielleicht besser funktioniert, als ich mir das in meinen kühnsten Träumen vorgestellt habe... [lacht] Zu Anfang hat mich das eigentlich gar nicht so gestört. Es störte dann irgendwann aber doch, wenn man in ein Taxi steigt und der Fahrer sagt "Ich habe ihre Sendung noch nie gesehen, aber was ich da über sie gelesen habe..." Kann schon anstrengend werden, wenn die Leute alles glauben, was in der Zeitung steht. Aber Schiss habe ich nicht. Würde ja auch nicht helfen.

"Als die Kampagne 14 Tage am Stück ging, wurde mir schon mulmig...", lautet ein Zitat von Ihnen.

Das war irgendwann sonntags und eine Headline lautete: "Sehen Sie mal hier: die Akte der Schande!" Ich dachte, das ist sicher die Überschrift für einen Mörder. Aber nein, ich war gemeint. Und das lesen dann doch mehr Leute, als man denkt. Zumindest war das damals so. Da war das Internet noch nicht so stark.

Und ist der Plan nun, es anders zu machen?

Würde ja zu dieser Sendung alles nicht mehr so gut passen, finde ich. Insofern ja.

Ist das eine Schere im Kopf?

Nein, ich denke nicht viel über die Presse nach, wenn ich etwas mache. Das war auch früher nicht so. Es gibt jetzt vielleicht Leute im Team, die sagen: "Hm, meinst du, wir sollten das machen? Das könnte vielleicht jemand so zitieren", und dann sagen wir: "Okay, dann machen wir es vielleicht nicht."

Und das wäre früher nicht so gewesen?

Nein, dazu gab es bei Viva auch gar nicht das Personal.

Personalmangel war also der Grund?! Und deshalb kontrollieren Sie Ihre Interviews jetzt auch vor Veröffentlichung?

Naja, Sie tippen hier am Ende ein Band ab, lassen hier was weg, fügen da etwas hinzu. Ich muss mich da ja schon wieder finden können. Das hab' ich früher auch schon gemacht, nur unter anderen Gesichtspunkten. Vielleicht wurden damals Charaktermerkmale von mir zu einseitig herausgearbeitet. Und jetzt achtet man darauf, dass auch die anderen zum Tragen kommen: Tierfreund, liebevoll, Ihnen fallen bestimmt noch ein paar nette Sachen ein. Wir autorisieren das dann. [lacht]

Fühlen Sie sich mit der neuen Show rehabilitiert?

Rehabilitiert klingt so krass. Ich habe ja keine Bank überfallen.

Wenn man sich die damalige Presseschau anguckt, war das mindestens auf der Höhe von bewaffneter Raubüberfall.

Sie würden doch auch nicht Metallica fragen, ob sie zu Rehabilitationszwecken eine Ballade schreiben, nur weil die frühen Lieder so lärmig waren.

Ist "Die Niels Ruf Show" eine Ballade?

Ja, aber eine Rockballade. Mit fettem Gitarrensolo und Feuerwerk und Zunge an den Saiten.

Sie haben gesagt, "Als alle Tabus zigmal gebrochen waren, wurde es langweilig." Glauben Sie, dass es keine Tabus mehr gibt? Wachsen die nicht nach? Und wenn es keine mehr gibt, was ist dann "Die Niels Ruf Show"?

Das ist ja leider so eine einseitige Sicht auf Humor. Es geht mir doch nicht um den Tabubruch. Gags leben eben auch von Schockelementen, das ist nun mal so. Die kann man schnell ummünzen zu Tabubrüchen, um sein Blatt voll zu schreiben. Aber letzten Endes geht es um einen Witz, und das ist natürlich nach wie vor so. Ich glaube schon, dass das Ende der 90er im deutschen Fernsehen in einigen Sendungen dieser Couleur ein bisschen einseitig betrieben wurde. Es gab in einigen Redaktionen Ideen à la "Hey, wie wäre es, wenn wir nachts bei Leuten klingeln und sie fragen, ob sie 1000 Euro gewinnen wollen. Ja, das ist lustig, die gucken bestimmt ganz schön doof." Ich glaube aber, dass diese Art von Humor langsam ein bisschen durch ist, dass man da mal zu neuen Ufern aufbrechen könnte. Wobei: Als ich "Borat" gesehen habe, dachte ich: funktioniert schon noch.

Sie haben auch mal gesagt, Sie würden nicht Geschmacksgrenzen überschreiten, sondern Verklemmtheiten.

Ja. Die Geschmacksgrenzen verklemmter Menschen. Vielleicht habe ich gar nicht so viele Geschmacksgrenzen überschritten, wie mir nachgesagt wird. Vielleicht ist das einfach nur bei ein paar verklemmten Leuten so rübergekommen.

Um noch mal auf die Tabunummer zurückzukommen, mit der Sie ja verheiratet sind...

Ich bin gar nicht verheiratet. I don't see no ring on this finger.

Imagetechnisch schon. Also: Gibt es noch Tabus?

Ja. Bestimmt, oder? Also, ich werde jetzt nicht auf diesen Tisch kacken. Das können Sie sich abschminken!

Danke. Nach Ihrem Rauswurf damals haben Sie zu Ihrer Verteidigung gesagt "Schwule beschweren sich nicht über Eminem, weil er Schwule beleidigt, denn schwul steht schon längst für alles Mögliche." Deutsche Rapper wie Sido und Bushido werden heute genau deshalb kritisiert. Haben Sie das Publikum überschätzt?

Sido ist doch lustig, und "Mein Block" ist ein Meisterwerk der Gegenwartsmusik.

Sie haben also nichts vorweg genommen?

Jetzt wollen Sie mir auch noch den Asi-Rap in die Schuhe schieben? Ich fand es einfach lustig, dass aus so einem super toleranten Musiksender jemand tönt mit: "Ach, Sie sind schwul, dann gebe ich Ihnen lieber mal nicht die Hand". [lacht] Ich hab da so ein Ding laufen mit Fallhöhen und Kontrast, glaube ich. In vollbesetzten Flugzeugen, eingekeilt auf dem Mittelplatz, da spüre ich das schon auch: Jetzt aufstehen und irgendwas brüllen...

Was denn?

Das Unpassende. Die Wahrheit. Das, was man wirklich denkt. Aber das ist etwas, was sich bei mir geändert hat: Man darf einfach nicht durchgehend ignorieren, wie sich andere Menschen dabei fühlen.

Neben der Schäbigkeit und Kotzbrockigkeit wird Ihnen auch Ehrlichkeit unterstellt.

Schäbigkeit wird mir gar nicht unterstellt, das haben Sie verwechselt. Ich selbst habe mal gesagt, dass ich am Menschen an sich das Schäbige durchaus liebe und dass ich den Sitcom-Charakter "Herzog" deshalb gerne gespielt habe. Grundsätzlich glaube ich, dass man Menschen schon lieben muss, um sich über sie lustig zu machen.

Sind Sie ein ehrlicher Mensch?

Ja. Ich verklausuliere das aber mit den Jahren immer mehr. Aber ich kann auch lügen, so ist es nicht. Sie würden den Unterschied nicht bemerken.

Wollen Menschen überhaupt Ehrlichkeit?

Ich nicht. Bis zu einem gewissen Punkt ja, aber wenn jemand sagt "Hey, ruf jetzt an und triff Menschen, die genauso sind wie du", da denke ich mir "Oh nein, auf gar keinen Fall!" Und junge Moderatoren, die bei Musiksendern anfangen, die sagen auch immer "Ich bin einfach ich selbst, ich lasse mich nicht verbiegen". Dann denke ich "Um Gottes Willen, sei bloß nicht du selbst, wer will das denn sehen?!"

Unpassendes auszusprechen ist in manchen Situationen durchaus passend. Haben Sie darin für sich eine Wahrheit gefunden?

Naja, es gibt schon diese Momente. Auf Beerdigungen beispielsweise. Man guckt sich um und denkt: Keiner hier hat den doch gemocht. Warum sagt denn keiner mal: "Was ist los, ihr habt den doch alle gehasst. Lasst uns gleich Kuchen essen gehen." Aber macht man ja meistens dann doch lieber nicht. Der wird ja nur einmal beerdigt. Hey, wollen Sie da so was hören?

Ich habe hier ein paar Zitate von Ihnen: wahr oder falsch?

"Es gibt nichts, worüber man keine Witze machen kann."

[grübelt] Wahrscheinlich ist es schon wahr. Es kommt drauf an, in welchem Rahmen. Klar, kann man das, theoretisch.

"Harald Schmidt ist in der Gnadenbrotphase."

Ja, aber dafür schlägt er sich doch ganz wacker.

"Man lernt aus seinen Fehlern."

Ja, so sind wir Männer.

Und Niels Ruf?

Der ist ja auch ein Mann.

"Ich habe mit 'Kamikaze' ein Lebensgefühl rübergebracht. Die Fuck-You-Show war eine Reaktion auf die 80er."

Stimmt genau! Das ist ja der Punkt: Das war eine Fuck-You-Show. Es gibt auch Fuck-You-Songs, im Punk, beispielsweise "Last Caress" von den Misfits. Da heißt es: "I got something to say/ I killed your baby today/ And it doesn't matter much to me/ As long as she's dead" (Ich muss dir was sagen, ich hab deine Freundin umgebracht, aber das ist mir egal, Hauptsache sie ist tot). Da singen nicht 10.000 Leute mit, weil die sagen "Super, jemand hat die Freundin seines Kumpels umgebracht, und das finden wir gut". Es ist einfach ein Song der Widerwärtigkeiten aneinander haut, und es macht Spaß, das mitzugrölen - vielen Leuten, mir natürlich nicht. Sie können sich vorstellen, wie angewidert ich immer wieder wegguckt habe. [lacht] Das ist eben ein Fuck-You-Song, genauso war "Kamikaze" auch eine Fuck-You-Show. Man muss das nicht alles auf die Goldwaage legen. Es gibt ja auch T-Shirts, da steht drauf: "Dead People are cool". Das meint ja keiner ernst. Das ist ein Lebensgefühl für diesen Tag.

Und was ist "Die Niels Ruf Show"?

Das ist jetzt eine Schlaf-mit-mir-Show. Aber eine "Schlaf-mit-mir-ich-hab-dich-gern"-Show. [lacht]

"Die Niels Ruf Show" läuft am Freitag um 23:15 Uhr auf Sat 1.