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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Gute Pointen, schlechte Pointen - über den Karrierefahrstuhl Humor


Ist Jan Böhmermann der Joseph Beuys der Humorkunstszene? Und wieso wärmt Niels Ruf alte Kurt-Cobain-Witze auf? Micky Beisenherz macht sich Gedanken über deutschen Humor.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Deutschland ist in der Welt ja nun so bekannt für seinen Humor wie, sagen wir mal, Saudi-Arabien für gute Cocktail-Bars. Allerdings wird die Welt sich langsam daran gewöhnen müssen, denn plötzlich wird deutscher Humor vermehrt zum internationalen Nachrichtenthema.

Zum doch sehr nationalen Thema wurde vor ein paar Tagen Niels Ruf. Von Atze Schröder halb totgeschlagen und PR-technisch ohnehin schon etwas angeknockt, fiel der deutschen Pöbellegende am Tage des Bekanntwerdens des Todes des vielbetrauerten Sängers nichts Besseres ein als zu tweeten, dass er noch zwei Roger-Cicero-Tickets zum halben Preis abzugeben habe. Ein Spruch, der in etwa so frisch ist, wie Kurt Cobain, auf dessen Kosten wir 1994 auf dem Schulhof schon ganz ähnlich gewitzelt haben.

Das Echo allerdings war so laut, dass es Letzteren wieder hätte aufwecken können. Wild Gunman Ruf, bis dato ohnehin schon niemand, dessen Gesicht auf Tassen und Tellern reißenden Absatz finden würde, wurde ab sofort gehandelt als umgehend einzuschläfernder Amokposter. Jetzt durfte jeder mal ran, dem German Psycho zu sagen, was er von ihm hält.

Die einen brüllten: ignorieren! Was natürlich den exakt gegenteiligen Effekt erzielen musste. Für die anderen wurde Ruf zur menschlichen Hundewiese, auf der jeder mal mit dampfender Moral abkoten wollte. Und durfte. Auch nicht sehr souverän.

Komödie ist Tragödie plus Zeit, heißt es. Es ist aber auch wichtig, von wem es kommt. Und jemand, der in der öffentlichen Wahrnehmung als so eine Art Humorbreivik fungiert, braucht auf Gnade eben nicht zu hoffen. Dass derzeit bei Twitter ein "Je suis Niels" in seinem Profilbilderrahmen hängt, ist Krisenmanagement aus der Hölle.

Dabei kann Humor so ein wunderbarer Lift sein, wie die Kollegen von "extra3" unlängst feststellen durften. Der Anlass war ein lustiges Liedchen über den türkischen... nun ja... Politiker Erdogan, in dem so ziemlich alles aufgeführt wurde, was diesen Mann auf dem Weg zur Diktatur gerade ausmacht. Dabei musste nicht einmal das Stilmittel der Satire, die gnadenlose Überzeichnung, ausgeschöpft werden - im Grunde genommen war es ein gesungenes Protokoll tatsächlicher Menschenrechtsverletzungen.

Martin Schulz pflaumt Erdogan an

Hat aber trotzdem gereicht, dass Sultan Recep verlässlich über dieses Stöckchen sprang und so wütend wurde, dass ihm fast das Blattgold von der Decke seines Palastes gebröckelt wäre. Sogar der deutsche Botschafter Erdmann musste antanzen, um ein Verbot des schä(n)dlichen Songs durchzudrücken. (Der musste bereits so oft zu dem mies gelaunten Alten, dass er am besten gleich bei ihm einzieht.)

Kaum wurde das bekannt, wanderte die Meldung durch alle Presseinstanzen, alle Nachrichten, inklusive diplomatischer Krise und öffentlicher Anpflaumung von EU- Parlamentspräsident Martin Schulz in Richtung Erdogan, der ihn wissen ließ, dass es in Deutschland Pressefreiheit gibt.

Kurzum: Wunderbare (und hochverdiente) PR für "extra3", die deutschlandweit dermaßen gefeiert wurden, dass mittlerweile sogar diverse NDR- Fernsehdirektoren bemerkt haben, dass da seit 40 Jahren etwas ganz Gutes auf dem eigenen Sender läuft.

Als Jan Böhmermann nicht mehr Wochengespräch war 

Aber wie muss das für Jan Böhmermann gewesen sein, aus der "Tagesschau" erfahren zu müssen, nicht Wochengespräch zu sein? Das konnte natürlich nicht so bleiben, also machte man sich daran, noch einen draufzusetzen und Erdogan mit einer sogenannten "Schmähkritik" zu überziehen. Gewünscht beleidigend, wenig satirisch und herrlich verboten.

Natürlich war es, gespickt mit allen erdenklichen Türkenklischees, auch rassistisch, das sollte es ja sein - nur eben nicht von einem Rassisten verfasst und vorgetragen. Ein fröhliches Borderlinern, das seinen Zweck vollauf erfüllt hat.

Erdogan bestellte wieder mal Herrn Erdmann ein (der mittlerweile durch viel Bewegung ca. acht Kilo abgenommen hat) und die Presse - jep - sprang selbstverständlich ihrerseits über das hingehaltene Stöckchen. Wenig überraschend, da das ZDF sich zu fein für den Vortrag war und ihn prompt zensierte. Bingo. Doch noch Wochengespräch.

Der Joseph Beuys der Humorkunstszene

Ich gebe gerne zu, dass ich mich über die verletzenden Zeilen teilweise ganz gut beömmelt habe, so herrlich stumpf sind sie. Viel spannender aber ist doch, dass Böhmermann an dem Punkt angelangt ist, der Joseph Beuys der Humorkunstszene zu sein. Da wird sich wundinterpretiert, was hinter diesen schweinisch- gemeinen Zeilen wohl für ein tieferer Sinn, für eine feinsinnige Medienkritik stecken mag. Fettnapf oder Fettecke - es ist halt immer wichtig, von wem es kommt.

 Ja, es war ein schönes Experiment von Böhmermann, zu zeigen, wo in Deutschland die Demarkationslinie zwischen erlaubter Satire und löschenswerter Beleidigung verläuft - jetzt weiß auch der türkische Präsident, dass im vogelwilden Deutschland nicht unbegrenzt gelacht werden darf.

Aber vielmehr war es einfach: gute PR. Glückwunsch. Ich bin ja auch über das Stöckchen gesprungen.

 P.S.: Falls es irgendwie hilft, hier noch 'n Stück vom Aufmerksamkeitskuchen abzubekommen: Herr Erdogan, ich finde Sie auch scheiße!


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