HOME

Jörg Hartmann: Der J.R. von "Weissensee"

Der Schauspieler Jörg Hartmann kann Zuschauer erstarren lassen. Diese hohe Kunst zeigt er nun wieder in der Serie "Weissensee" als Stasi-Mann, der alles richtig machen will - und alles verliert.

Von Oliver Creutz

Wie eine Überwachungskamera, denkt man, wenn man sich mit Jörg Hartmann an einen Tisch setzt und in seine Augen blickt. Die lassen einen nicht los. Es ist fast dieser Blick, den Hartmann auch als Stasi-Offizier Falk Kupfer in der Serie "Weissensee" aufsetzt, wenn er den Verhörraum betritt. Offen. Durchdringend. Wenn nötig: eiskalt. Jetzt, beim Interview, hat er die Kälte abgeschaltet, wir wollen uns ja nicht über Republikflucht unterhalten, sondern über die Frage, wie man das Böse spielt.

Viele Jahre wirkte der Schauspieler Jörg Hartmann, 44, im Halbdunkel deutscher Theaterbühnen, um dann mit Wucht zu einem der Starschauspieler im Fernsehen zu werden. Im September 2012 balancierte er als neuer "Tatort"-Kommissar Faber aus Dortmund auf dem Dach einer Schule und erweckte den Anschein, er werde gleich springen. In der nächsten "Tatort"-Folge zertrümmerte er zum Warmwerden ein Auto. Führende Gewerkschafter der Polizei forderten seine Absetzung. Das war mal ein Einstand.

Er spielt den stillen Bösen

Auch mit seiner zweiten großen Rolle rüttelt er an den Gefühlen der Zuschauer: In "Weissensee" spielt er einen stillen Bösen. In der Geschichte vom Untergang der DDR gibt er als Stasi-Mann den Gralshüter des real existierenden Sozialismus, der seine Frau voller Gleichgültigkeit in den Alkohol treibt und - ebenso unbarmherzig - die Freundin seines Bruders in den Frauenknast werfen lässt.

Jörg Hartmann stammt aus Herdecke, einer Kleinstadt im Ruhrgebiet, wuchs heran in einer kleinen Mietwohnung, seine Eltern haben bis heute kein Auto. 1990, nach dem Zivildienst in einem anthroposophischen Krankenhaus, ging er nach Stuttgart zur Schauspielschule. Danach wechselte er auf die Bühne in Meiningen in Südthüringen. "Ich wollte in den Osten, wollte wissen, was da los ist." Hartmann sagt, die Westdeutschen seines Alters seien in einem gemachten Bett groß geworden. "Die Ostdeutschen aber waren näher am Elementaren, der materielle Quatsch spielte keine Rolle. Sie haben uns Westdeutschen eine Geschichte voraus."

Teile dieser Geschichte werden in "Weissensee" ausgebreitet. Hartmann fühlt sich wohl darin, er freut sich sogar über die Rolle des Bösen, "mit all seinen Ängsten, seiner Verklemmtheit". Ein Bühnentier weiß, wo das beste Schauspiel-Futter steckt.

Hartmann hat für die Rolle eine Familienaufstellung gemacht

"Ich trage einen unangenehmen Menschen in mir", sagt Hartmann über seine Rolle. Er hat sich diesen Menschen auf unorthodoxe Weise erarbeitet: Anders als im Theater, in dem das Ensemble probt, wird ein Schauspieler im Fernsehen mit dem Drehbuch oft allein gelassen. Jeder bereitet sich auf seine Weise vor. Hartmann hat für "Weissensee" eine Familienaufstellung gemacht, wie sie in der Psychotherapie praktiziert wird. Die harte Tour: "Das geht direkt hier rein", sagt er und zeigt auf den Bauch. "Danach war mir drei Tage lang eiskalt zumute. Ich habe gefroren, als komme der Herbst."

Er hat sich den Falk aus Dingen zusammengebaut, die nicht ausdrücklich im Drehbuch standen: "Er ist der ältere, nicht geliebte Sohn." Der Vater, selbst ein hochrangiger Stasi-Mann, konnte durch ihn seine Liebe zu seiner Nebenfrau nicht ausleben. "Seinetwegen musste der Vater bei der Familie bleiben. Er denkt, Papi erkennt ihn endlich an, wenn er noch konsequenter und besser als er selbst ist."

Gedanklich tief in die Stasi-Welt hineingewandert

Und doch wird der Perfektionist Falk Kupfer zum Verlierer. Er verliert seine Frau, beinahe seinen Sohn, seinen Bruder - und letztlich auch sein Land: Die zweite Staffel von "Weissensee" spielt 1987; der Untergang der DDR kann kaum noch aufgehalten werden. Hartmann ist gedanklich tief in die Stasi-Welt hineingewandert. Er kaufte Bücher, in denen ehemalige Offiziere von den eigenen Einkaufsläden erzählen, der eigenen Sporthalle, dem eigenen Schwimmbad. Und von den Krankheiten, die diese hermetische Welt mit sich brachte: "In der Stasi haben einige hart getrunken. Weil sie es sonst nicht ausgehalten haben." Er malte sich aus, wie das Leben der Geheimdienstler im wiedervereinten Deutschland weitergegangen sein könnte: "Die haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht." Darum soll es in der dritten Staffel von "Weissensee" gehen, die nächstes Jahr gedreht wird.

Auch die Geschichte vom kopfkranken "Tatort"-Ermittler geht weiter. Bald sollen die Zuschauer erfahren, warum Faber so kurz davor steht, in den Abgrund zu springen. Hartmann nimmt uns mit in solche unheimlichen Welten. Er hat aber auch die Augen dafür.