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Kerner wechselt zu Sat1: Ein Befreiungsschlag für das ZDF

Beim ZDF weint man dem scheidenden Johannes B. Kerner kaum eine Träne nach. Zu oft gab es in den letzten Jahren Konflikte mit dem werbefreudigen Moderator. Insbesondere Chefredakteur Nikolaus Brender geriet einige Male mit Kerner aneinander. Bei Sat1 gibt es dagegen einige Verlierer.

Eine Analyse von Bernd Gäbler

Natürlich ruft Markus Schächter, der Intendant des ZDF, seinem langjährigen Allround-Moderator nur Nettigkeiten hinterher, womöglich bedauert der Programmdirektor Thomas Bellut tatsächlich den Weggang des 44-jährigen Talk-, Koch-, Sport-, Jahresrückblick- und Show-Moderators zurück zur privaten Konkurrenz Sat1 - aber in diesem Transfer steckt für das ZDF auch eine Chance: Es kann sich wieder klarer öffentlich-rechtlich profilieren und hat eine neue Offenheit für die Programmgestaltung gewonnen.

Wie ein Riegel lag Kerners werktäglicher Talk Abend für Abend quer zu interessanten Programm-Ideen. Da ist jetzt etwas möglich - sogar deutlich vor Mitternacht könnten nun wieder gute Filme laufen, ungewöhnliche Formate gesendet oder schlicht neue erfunden werden. Außerdem ist ein Missverständnis zu Ende, das der Moderator nur allzu gerne selbst gepflegt hat: Kerner sei das TV-Gesicht des ZDF, das bedeutendste Aushängeschild der Mainzer, ja sogar ihr wichtigster Journalist.

Natürlich hat Kerner den Sender in der Regel mit einer ordentlichen Einschaltquote versorgt, das journalistische Profil hingegen hat er stärker mitgeprägt, als dem Mainzer Sender gut tat. Das ZDF hat ihn gehätschelt, daraus ist ein überbordendes Selbstbewusstsein des Moderators, der sich anfangs nur Kennedy-gleich als "JBK" vorstellen ließ, erwachsen, das die Verantwortlichen am Ende kaum noch einhegen konnten. Jetzt gibt es die Chance der ZDF-Führung zur Klarstellung auch gegenüber den Zuschauern: Was ist Politik? Was ist Unterhaltung? Lasst uns in Zukunft nicht beides ständig miteinander vermengen!

ZDF und Kerner - da war nicht nur Harmonie

So gerne beide voneinander profitierten und wechselseitige Wertschätzung nach außen kehrten - zwischen Kerner und dem ZDF gab es keineswegs nur Harmonie. Am liebsten nämlich hat Kerner alle Chancen genutzt, die ihm das ZDF bot, sich gleichzeitig aber gegen "Einmischungen" gewehrt. Dezente Hinweise aus Mainz, dass Kerner eventuell nicht jeden Quoten-Heini konkurrierender Sender umgehend in sein Programm holen möge, ließ er in der Regel ungehört verhallen.

Dafür klappte aber die Vernetzung mit der "Bild"-Zeitung wunderbar. Als der ZDF-Chefredakteur von Kerner verlangte, dieser möge seine Fußball-Popularität doch auch nutzen, um in einer Halbzeit einmal Wissen zu propagieren und über die Roboter-WM berichten, empfand Kerner dies als bürokratische Zumutung und geriet heftig mit Brender aneinander. Öffentlich und laut beklagte er auch mangelnde Rückendeckung aus Mainz, als er wegen seiner Werbung für die Fluggesellschaft "Air Berlin" kritisiert wurde.

Am Ende scheiterte eine Vertragsverlängerung mit dem ZDF wohl tatsächlich nicht in erster Linie am Geld oder an der angebotenen Laufzeit, sondern am Verständnis der künftigen Zusammenarbeit. Kerner sieht sich als ein weitgehend unabhängiger Produzent, der den Sender als Sendefläche nutzt und ihm nützlich ist, weil er Quote bringt. Ansonsten sollen sich die Mainzer am besten einfach weitgehend heraushalten. Das ZDF aber war lediglich bereit, ihn wie einen privilegierten Angestellten zu behandeln, nicht als autonome Einheit. Zudem sieht sich Kerner vom ZDF, namentlich von dessen Chefredakteur Nikolaus Brender, als Journalist unterschätzt. Das Angebot von Sat1, nicht nur Star der Champions-League-Präsentation zu werden, sondern sich selber auch ein wöchentliches Magazin-Format - dessen Erfolg übrigens keineswegs automatisch kommen wird - auf den eigenen Leib schneidern zu dürfen, musste ihm da verlockend erscheinen.

Kerner - der Soft-Talker

Kerner ist sehr lernfähig. Als er vor zwölf Jahren zum ZDF kam, dachte er anfangs noch, er sei ein ganz tolles Show-Talent, hat sich die Haare rot gefärbt, wenn er mit Franka Potente über "Lola rennt" sprach, versucht Witze zu erzählen und Sketche zu spielen. Dann hat er sich immer mehr reduziert auf Gesprächsführung und Moderation. Er ist clever, weiß, wie man stets sympathisch wirkt, hält sich selbst mit Meinungen oder gar Konfrontationen zurück und sucht fast bedingungslos den Mainstream: harmlos, nett, ausgleichend, mäßigend tolerant, im Zweifel eine Spur sozialdemokratisch.

Während der Fußball-WM 2006 hat er an der Seite des Naturtalents Jürgen Klopp in den Zuschauer-Emotionen geradezu gebadet. Das gefiel ihm. In seinen Gesprächen simuliert Kerner umfassendes Verstehen und Intimität: "Hand aufs Herz..., wir sind doch unter uns..., nicht dass ich insistieren will, aber wäre doch nett, wenn Sie uns jetzt noch erklären könnten,..." - das sind so seine Floskeln. Sie haben sein Wirken als geschmeidiger Soft-Talker begründet. Und diesen Talk hat er mit großer Kondition und Konzentration durchgezogen, mit Höhepunkten - wie dem wunderbar dramatisch inszenierten Aufeinandertreffen von Verona Pooth (damals noch Feldbusch) und Alice Schwarzer, und schrecklichen Tiefpunkten. Einer war der Tag des Schulmassakers von Erfurt, an dem Kerner glaubte, am Abend unbedingt live von vor Ort senden zu müssen. Um den Effekt dieser Mobilität noch zu unterstreichen, zerrte er auch noch ein Kind als Augenzeugen vor die Kamera.

Fehler und Übereifer können immer passieren - Kerner aber hat nie selbstkritisch über diesen schrecklichen Fehler gesprochen. Vielmehr fühlt er sich zum Journalisten berufen und zugleich als Journalist unterschätzt. Da würde er gerne noch mehr zur Geltung gekommen. Dass das ZDF ihm immer einen Schutzschirm der Legitimität für seine Seichtheit verschaffte, hat er selten gedankt. Streit hatte er immer wieder mit dem Chefredakteur Nikolaus Brender. Wenn der einen führenden Politiker aus aktuellem Anlass zum konfrontativen "Was nun, Herr ...?" einlud, war nicht selten parallel zur Einladung aus Mainz auch schon eine aus der Hamburger Redaktion von Kerner unterwegs.

Der hielt es für große Politik, wenn er mit Ministern oder gar dem Bundespräsidenten reden durfte; die Politiker aber wichen gerne in Kerners seichtes Terrain aus. Auch Maybrit Illner musste darunter schon leiden. Jetzt hat das ZDF die Chance, wieder sicher zwischen purer Unterhaltung und echtem Journalismus zu unterscheiden. Kerners vielfältigem Engagement als Werbe-"Testimonial" - sei es für Fluggesellschaften, Wurst oder Mineralwasser, das ohnehin nie so recht zu einem öffentlich-rechtlichen "journalistischen" Aushängeschild passen wollte, wird nun sicherlich auch kein Bedenkenträger mehr entgegenstehen.

Netzwerk, Werbung, Journalismus

Statt sich für Kerner in die Bresche zu werfen, hatte der ZDF-Chefredakteur nämlich lapidar, allerdings ohne direkten Bezug zu Kerner erklärt: "Ein Journalist wirbt nicht." Und damals war Kerner noch nicht einmal - wie jetzt - Bestandteil einer Werbekampagne für die "Bild"-Zeitung, in der er pseudo-raffiniert ausgerechnet von dieser "mehr Bildung" fordert.

Dass Kerner anlässlich der zarten öffentlichen Kritik an seiner Werbung sofort massiv die Unterstützung seines Auftraggebers einforderte, mag auch daran liegen, dass er Kritik einfach nicht gewohnt ist. Da ist in der Regel seine gute Netzwerkerei vor. Dem doch ansonsten allseits kritischen Nachrichtenmagazin "Spiegel" kann man kaum etwas über Kerner entnehmen - weder im Guten noch im Schlechten. Spiegel-TV ist Produzent, also Geschäftspartner der Kerner-Sendungen. Auch den Wechsel am Mittwoch meldete "Spiegel-Online" zwar, hielt sich aber kommentierend auffällig zurück. Auch bei Sat1 bleibt Spiegel-TV Kerners Partner.

Eine Zeit lang war es sogar so, dass die Sendung im ZDF gleichzeitig von "Focus" als Sponsor präsentiert wurde und der Redaktionsleiter verwandtschaftlich mit der "Bild"-Redaktion verdrahtet war. So kann sich - wer selbst ständig öffentlich diskutiert, dennoch weitgehend gegen eine öffentliche Diskussion immunisieren. Kerner hat solche Techniken virtuos beherrscht.

Sieger und Verlierer

Der angeschlagene Sender Sat1 feiert den Vertrag mit Johannes B. Kerner als neuen, großen Coup. Aber selbst dort gibt es auch Verlierer. Einer ist sicher Oliver Pocher, der sich bisher gerne imitierend über "den Kollegen" Kerner fröhlich machte. Er konnte sich schon auf dem Weg zum großen Allround-Entertainer und neuen Sender-Gesicht von Sat1 fühlen. Nun muss er sich wieder hinten anstellen.

Ein zweiter Verlierer ist sicherlich Oliver Welke. Neben seinen komödiantischen Ambitionen, mit denen er insbesondere bei "Panel-Shows" gelegentlich auch schwer daneben greift, gehört er zum Pulk der routinierten Sportreporter, die inzwischen mit den Sportrechten von Sender zu Sender tingeln: gestern Arena, heute Sat1. Er konnte sich schon als hervorgehobener Moderator der großen Champions-League-Spiele sehen. Jetzt sitzt auf diesem Thron ein anderer.

Als Sieger kann sich sicherlich Markus Lanz fühlen. Der ehemalige RTL-Mann hat ja inzwischen eine empfindsame Ethik in sich entdeckt und steht beim ZDF bereit, um in jedweden Fußstapfen zu treten, den Kerner dort hinterlassen hat. Beim Kochen und im Urlaubsvertretungs-Talk hat er schon geübt.

Ein Sieger kann auch das ZDF sein - allerdings nur, wenn es jetzt nicht einfach so weiter macht wie bisher und schlicht überall, wo bisher "Kerner" draufstand nun "Lanz" 'reintut, sondern die künftigen, kernerlosen Zeiten auch als Befreiung begreift.

  • Bernd Gäbler