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Kritik zu "Günther Jauch": "Sagen Sie mal, geht's eigentlich noch?"

Aktuelles Thema? Fehlanzeige! Stattdessen widmete sich Günter Jauch dem Burnout - und führte eine gespenstische Debatte jenseits des Berufs- und Alltagslebens in Deutschland.

Von Christoph Forsthoff

So manches hätte sich als Thema der Woche für Günther Jauchs gestrige Talkrunde angeboten: Die Wahl im Saarland mit dem Überraschungserfolg der Piraten und der Atomisierung der FDP, die neue Terrorgefahr durch Einzel-Attentäter wie in Toulouse, die Rede des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck - aber "Arbeiten bis zum Umfallen?"? Ein mediales Dauersujet wie Stress und Burnout? Schon seltsam, wie die Themenfindung auf dem Talk-Königsplatz offenbar erfolgt. Fast ließe sich glauben, der Moderator meide bewusst die harten politischen Themen, die ein wenig mehr der Vertiefung und des Hintergrundwissens benötigen.

Aktualität also gleich null, doch dafür konnte Jauch prominente Gesichter wie BAP-Sänger Wolfgang Niedecken oder Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen präsentierten - und die sind für die Quote ja manchmal von noch größerer Bedeutung als die Inhalte. Letztere bewegten sich denn auch arg an der Oberfläche, was indes weniger an den Gästen lag: Nein, der Moderator verfiel wieder einmal in die eigentlich doch überwunden geglaubte Angewohnheit des Abfragens. Nur keine Diskussion aufkommen lassen, lieber hier noch ein "Info-Filmchen", dort noch eine alte Geschichte aufwärmen und zwischendurch den verständnisvollen Psychologen geben: "War das im Grunde schon ein krankhaftes Erschöpfungssyndrom?" lieferte seine Frage an von der Leyen die Diagnose gleich mit. Doch Politiker sind es ja gewohnt, unabhängig von der Frage ohnehin vor allem das zu erzählen, was sie gern verkünden möchten, und so hatte die CDU-Politikerin und siebenfache Mutter denn als Ärztin auch gleich das Rezept parat: nur nicht auffressen lassen von Kindern und Beruf und nicht immer die Erwartung haben, alles müsse perfekt sein…

Platitüden auf Frauenzeitschrifts-Niveau

Plattitüden, die in dieser Plattheit heute selbst Frauenzeitschriften nicht mehr abzudrucken wagen. Dabei hätte uns viel mehr interessiert, wer sich denn eigentlich noch so alles neben der vermeintlichen Supermami um ihre Kinder und den Haushalt daheim kümmert, wenn die Ministerin unter der Woche in Berlin weilt? Oder welche Geldmittel notwendig sind, um solche Unterstützung finanzieren zu können? Irgendwann muss wohl auch dem Moderator ein ungutes Gefühl beschlichen haben, hier ein Gespräch mit und für eine ziemlich exklusive Klientel zu führen - und so widmete er sich denn auch für eine Frage dem LKW-Fahrer und der Sekretärin, "die kann sich doch solche Diskussionen gar nicht leisten".

Eben, das kann nur ein Günter Jauch - und das tat er dann nach diesem kurzen Schlenker auch eifrig weiter. Da durfte der nach einem Schlaganfall wieder genesene Niedecken erzählen, wie wichtig es für ihn sei, morgens Sport zu treiben - "ich fahre mindestens anderthalb Stunden den Rhein rauf und runter". Der schleswig-holsteinische FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki plauderte von seinen mehrstündigen Auszeiten auf seiner Segelyacht, und der Benediktinermönch Notker Wolf gab weise Ratschläge. "Ich frage mich einfach: Was ist jetzt in diesem Moment wichtig?" formulierte der Abtprimas. "Wir haben die Zeit eigentlich, wir nutzen sie nur nicht richtig."

Wut im Online-Forum explodiert

Welch ein verbaler Hohn gegenüber der alleinerziehenden berufstätigen Mutter, der Schlecker-Verkäuferin, die vor der Arbeitslosigkeit steht, den Menschen, die in diesem Land um ihren Job bangen oder auf Hartz IV angewiesen sind! Kein Wunder, dass angesichts solcher Ignoranz der Wirklichkeit die Wut im Online-Forum der Sendung geradezu explodierte. "Ich sehe schon tausende von Jachten mit je einer ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterin in See stechen, wie sie da alle im Irgendwo ihren Anker auswerfen, um ihre Seelen baumeln zu lassen", ätzte ein Gast sarkastisch. "Sagen sie mal, geht es eigentlich noch?"