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Kritik zu "Hart aber fair" Armes Deutschland


Plasberg lädt zur Gerechtigkeitsdebatte und kommt über den Smalltalk eines faden Familientreffens nicht hinaus. Und zum Schluss ging's doch wieder nur um den Restposten FDP.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Familientreffen haben wenig Überraschendes. Also besser bleiben lassen. Niemand braucht Tanten, Cousins und Opas, die seit Jahrzehnten schon dasselbe Blabla herunterleiern und x-mal fragen, was man denn eigentlich beruflich macht.

Was das mit Frank Plasbergs Montagstalk zu tun hat? Abgesehen davon, dass der Moderator etwas verdammt Onkelhaftes an sich hat, sind es vor allem seine Gäste, die einem das Gefühl geben, als hätte man sie gestern erst bei Kaffee und Kuchen getroffen. Und bevor sie den Mund aufmachen, kennt man längst ihre Sätze, ihre Themen, ihre Plattitüden. Da würde es sich fast lohnen, es den Filmfreaks gleich zu tun, die bei ihren Lieblingsszenen auf lautlos stellen und dann mitsprechen. Dass beispielsweise eine Sahra Wagenknecht über den Mindestlohn redete - vorhersehbar. Kein Wunder, lautete der Titel der gestrigen "Hart, aber fair"- Sendung doch "Wenn Arbeit arm macht - wie kann Deutschland gerechter werden?"

Uschi Glas macht ein ernstes Gesicht

Inzwischen haben wir alten Talkshow-Glotzer ja gelernt, dass nichts zu lernen ist. Vor der Show ist nach der Show. Am meisten Spaß macht eigentlich, sich zu überlegen, wieso gerade diese Gäste im Studio hocken und keine anderen. Was verspricht man sich von denen?

Ist beispielsweise Uschi Glas jetzt da, um über Bademode zu reden oder über ihren neuesten Film? Oder wird sie, apropos Job, etwa gar neue "Tatort"-Kommissarin? Falsch getippt. "Unser Uschi" kam, um ein ernstes Gesicht zu machen und Horror-Zahlen runterzubeten. Und sie wollte uns auch erzählen, dass sie sich hier in diesem Land engagiert.

Okay, zugegeben, sie machte kein großes Ding draus wie etwa eine Veronica Ferres. Deswegen kam ihre traurige und wichtige Botschaft an, und das musste sie, denn Tausende von Kindern gehen ohne Frühstück zur Schule. "Eine Katastrophe", kommentierte die Schauspielerin. Ihre Initiative "Brotzeit", die in mehreren deutschen Städten läuft, schaffe nun Abhilfe. Ihre Position ist klar: Deutschland könne gerechter werden, wenn es sich von Anfang an um die Kinder kümmere und es gelingen würde, ausnahmslos jeden später zu einem Abschluss zu bringen. Momentan aber sei sie sehr beunruhigt um die Kinder in bildungsfernen Familien.

Pfarrer-Fliege-Stimmung im Studio

Den Einsatz von Uschi Glas in allen Ehren, befand Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, aber es gehe nicht an, dass sich der Staat auf ein Netz aus Solidarität verlasse. Vielmehr sei es dessen Aufgabe, solcherlei Lücken wie etwa mangelnde Versorgung mit Essen überhaupt nicht erst zuzulassen. Das sah Uschi Glas völlig anders. "Du kannst dich doch nicht immer auf den Staat verlassen", argumentierte die Münchnerin.

Auch Selfmade-Millionär Niederberger, einst klein angefangen, hält nichts von fremder Hilfe, zumindest nicht dann, wenn es ihn selbst betrifft. Seine Devise: Nimm dein Leben selber in die Hand, mach was draus. Nicht lange herum überlegen, sondern es einfach tun. Nur so komme der Erfolg. "Mach dich schlau, schau, wo es Chancen gibt", riet er. "Du kannst nicht immer warten, warten, warten." Wenn Arbeit arm mache, dann liege es doch wohl an einem selber. "Man darf sich nicht mit Leuten abgeben, die negativ denken", so sein nächster Tipp zum großen Glück. Womit auf jeden Fall bewiesen wäre, wer sich den Niederberger einlädt, der hat auf jeden Fall deftige Pfarrer-Fliege-Atmosphäre in der Sendung - und erspart sich jede politisch orientierte Debatte.

Positiv denken, dann läuft der Laden? Von wegen!

Na, na, Herr Niederberger, so einfach könne man es sich aber nicht machen. Positiv denken und dann läuft der Laden, nein, so nicht - heftigsten Gegenwind gab es von Susanne Quinting, jahrelange Niedriglohnarbeiterin und mit ihrem schnörkellosen Sprech ein großes Plus für diese Sendung. Bitte mehr von solchen Gästen, die das tatsächlich erlebt haben, worüber andere nur reden. Susanne Quinting, die einzige im Bunde, die jeden Euro zweimal umdrehen muss, protestierte deshalb gegen Niederbergers "don't worry, be happy". "Es gibt Umstände, die es einem schwer machen, beispielsweise kam mir unerwartet eine Herz-OP dazwischen", berichtete sie. Dass sie für netto 850 Euro monatlich geschuftet hat, ernsthaft und zehn Jahre lang, schlimm genug für sie, Plasberg nahm's zum Anlass, ihr auch noch Versagen einzureden. "Warum sind Sie nicht Millionär wie Herr Niederberger?", "Warum haben Sie es nicht geschafft?", "Was hat sie falsch gemacht?", donnerte er drauf los.

Dass Jobschicksale wie das von Susanne Quinting längst keine Seltenheit sind, zeigen aktuelle Zahlen: Jeder vierte Job in Deutschland ist ein Job aus dem Niedriglohnsektor. Damit das Übel nicht weiter seinen Lauf nehme, müsse man, so Sahra Wagenknecht, die Legalisierung von Zeitarbeit und Minijobs wieder rückgängig machen. Mindestlohn sowieso.

Restposten FDP

Und was die Reichen betrifft, auf ging's zur Winterkorn-Debatte. Verdient einer mit 16,6 Millionen zu viel? Muss es einen Höchstlohn geben? Hinter all diesen Fragen aber durfte Patrick Döring sich nicht verstecken. Eine aktuelle Stellungnahme eines FDPlers wollte sich Plasberg nicht nehmen lassen. "Ist die FDP jetzt Schnäppchen oder Restposten?", kam es gewohnt kokett vom Moderator. "Man sollte sich durch saarländische Besonderheiten nicht verrückt machen lassen", befand Döring. Und dürfte wohl auch gestaunt haben, als Plasberg für ihn auf Mitgliederfang ging. Der verdutzten Sahra Wagenknecht schob er ein Beitrittsformular zur FDP über den Tresen. Seine Begründung: Es gebe da Parallelen zwischen der FDP und der Linken. Er habe schließlich genau hingehört. Sahra Wagenknecht sagte: "Leistung wird nicht belohnt." Und ein alter FDP-Slogan lautet: "Arbeit muss sich wieder lohnen." Überzeugt? Sahra Wagenknecht blickte streng. Das Formular blieb unausgefüllt. Wäre ja noch schöner, wenn es auf Familientreffen Überraschungen gibt.


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