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Lars Eidinger im "Tatort": "Ich spiele halt gern den Wahnsinnigen"

Er wirkt so ruhig, so besonnen, doch wehe, wenn er losgelassen wird: Lars Eidinger ist die Sensation im deutschen Theater. Seine Kraft spürt man auch im Fernsehen, aktuell im "Tatort".

Von Oliver Creutz

Lars Eidinger als Psycho-Mörder im "Tatort"

Lars Eidinger im "Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes"

Eines Nachts weckte der Schauspieler Lars Eidinger seine Frau und sagte: "Ich habe im Traum unsere Tochter getötet." Ein solcher Traum, ein solcher Wahnsinn, lässt sich bei ihm als Berufskrankheit einordnen: Oft balanciert Eidinger in seinen Rollen über den Abgründen der Seele. "Mich reizen extreme Charaktere und Psychopathen", hat er mal gesagt.

Das zeigt sich auch in der Rolle, die er 2013 im "Polizeiruf 110" aus München spielte: Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels muss den Tod einer Frau aufklären, die mal ein Mann war, Polizeibeamte sind in den Fall verwickelt. Auf dem rauen Weg zur Wahrheit begegnet er der Transsexuellen Almandine Winter, gespielt von Lars Eidinger.

Der stöckelt über die Straßen, stark geschminkt, die Augenbrauen gezupft. Die Stimme aber klingt wie die eines Mannes. Einmal muss sich Almandine erleichtern, sie biegt ab, lässt die Hose herunter und hockt sich wie eine Dame hin, obwohl sie wie ein Herr gegen die Wand urinieren könnte. Wir sehen einen Menschen, der im falschen Körper lebt, umweht von der Einsamkeit eines Ausgestoßenen. Dank solcher Auftritte beginnt der Krimi zu fliegen.

Kein Künstlergehabe

"Die Szene war meine Idee, ich musste in dem Moment wirklich", sagt Lars Eidinger. "Der Regisseur hatte den Mut, das mitzudrehen." Lars Eidinger ist zum Gespräch ins Café der Schaubühne in Berlin gekommen, seit 14 Jahren gehört er zum Ensemble des Hauses am Kurfürstendamm. In wenigen Stunden muss er auf die Bühne, Titel des Stücks: "Dämonen" - wie passend.

Der 37-Jährige ist groß gewachsen, die Haare trägt er halblang, er erscheint im blauen Jackett. Keine Hektik umströmt ihn, kein Künstlergehabe, eher Besonnenheit.

Schauspielerische Urgewalt 

Wir wollen über Leidenschaft und den Inhalt seines Lebens sprechen, das Spielen. Denn wenn Lars Eidinger spielt, kann man nicht wegschauen. So wie in jenem Kieler "Tatort" von 2012: Er war der Postboten- Mörder, er schwebte wie ein Geist in die Wohnungen seiner Opfer. "Wer ist der Psycho-Mörder aus dem 'Tatort'?", fragte daraufhin die Boulevardpresse. Eine schauspielerische Urgewalt war über die Fernsehgucker hereingebrochen.

Eingeweihte Kinozuschauer kannten ihn bereits aus dem Film "Alle anderen" von 2009, einer Studie über den Schluffi-Mann von heute. In der Schaubühne hat er bis heute mehr als 150 Mal den Hamlet gespielt und sich mehr als 150 Mal an den Punkt gebracht, "wo man fast im Jenseits ist", wie er sagt.

Ein schauspielerischer Extremist

Ein Punkt, an dem er trotzdem noch Kraft für Ausbrüche hat. Einmal verfolgte er einen Zuschauer bis zur Garderobe, weil dieser nach den letzten Worten - "Der Rest ist Schweigen, das Licht geht aus" - gesagt hatte: "Na endlich." Einmal erlitt ein Zuschauer einen Herzinfarkt, nachdem Eidinger, der sich vom ständigen Husten gestört fühlte, ihm zugerufen hatte, er solle doch endlich gehen. Der Mann überlebte.

Eidinger tritt als schauspielerischer Extremist auf. "In dieser Schublade fühle ich mich wohl", sagt er. Seinen Auftritt im "Polizeiruf" erklärt er so: "Diese Rolle hat mir klargemacht, warum ich Schauspieler geworden bin. Man sucht sich selbst." Es sei ein Missverständnis zu glauben, ein Schauspieler wolle durch seine vielen Rollen von sich selbst weggehen. "Ich begreife meinen Beruf genau andersherum: Ich will durch andere Figuren mehr über mich herausfinden." In der Schule hatte er sich zum Klassensprecher wählen lassen, allerdings nicht, um sich für die Bedürfnisse der Mitschüler starkzumachen.

Abgründe, Tod und Angst

"Es ging mir ums Gewinnen der Wahl. Ich wollte hinter meinem Namen 30 Striche sehen." Da habe er gemerkt, dass er nicht richtig ticke. "Ich habe immer dazwischengerufen - und den warmen Schauer genossen, der mir den Rücken herunterlief, als die Klasse lachte." Er wählte die Schauspielerei als Beruf, weil er diesen Schauer immer aufs Neue erleben wollte.

Ein Gespräch mit Lars Eidinger bietet ein seltenes Erlebnis. Bald balanciert man mit ihm über die Abgründe. Wir reden über die Intensität, die er auf der Theaterbühne erlebt. "Der Moment, nach dem ich mich sehne, ist eigentlich der Tod", sagt er. "Da gibt es, wie in der absoluten Gegenwart beim Spielen, kein Vorher und Nachher." Wir reden über das Streben nach Glück. "Meine Sehnsucht ist nicht erfüllbar. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder erkenne ich, dass diese Unerfüllbarkeit meinem Leben einen Sinn verleiht und mich antreibt. Oder ich bringe mich um." Es fänden sich viele Beispiele, in denen Künstler den zweiten Weg gewählt hätten.

Und wir reden über die Angst.

"Der Schauspieler macht das Leben schön"

Nach der Geburt seiner Tochter stellten die Ärzte fest, dass das Mädchen am Herzen operiert werden musste. Der Eingriff gelang, Eidingers Tochter ist gesund. Die Angst um sie aber hat ihn geprägt, auch als Schauspieler. "Mein Intendant Thomas Ostermeier sagt, erst diese Angst habe mich für den Hamlet qualifiziert." Und noch etwas habe er gelernt: "Ein Arzt hat eine klare Aufgabe: Er soll Leben retten. Und der Schauspieler? Der macht das Leben, das der Arzt rettet, schön. Ich bin verantwortlich dafür, dass dieses Leben einen Wert bekommt."

Es sind noch etwa zwei Stunden bis zum Auftritt. Eidinger scheint frei von Aufregung zu sein. Es reiche ihm, kurz vor Beginn der Aufführung die Augen zu schließen und an die Anarchie auf der Bühne zu denken - "gleich bin ich frei, alles machen zu können". Eidinger spielt so viel, dass er sich wie austrainiert fühlt. Er kann jederzeit loslegen.

Seine Frau darf "Stopp" rufen

Im Herbst 2013 waren zwei weitere Fernsehfilme mit ihm zu sehen. Einmal "Du bist dran", das Drama eines Mannes, der die Kinder großzieht und das Klo putzt, während die Frau Karriere macht. Zum Zweiten die Verfilmung des Erfolgsbuches "Grenzgang" von Stephan Thome, einer Geschichte aus der deutschen Provinz über verfehlte Träume und Swingerklubs.

"Ich habe im Moment einen Run", sagt Eidinger. Aber seine Frau, eine Opernsängerin, darf ab und zu mal "Stopp" rufen. "Sie beschimpft mich, wenn ich etwas Peinliches in einem Interview gesagt habe. Sie holt mich von meinen Höhenflügen zurück."

Einmal hat er sich, noch berauscht von seiner Rolle als der Dichter Georg Trakl, in Amsterdam eine Lederjacke und eine Lederhose gekauft. Für 3000 Euro. "Mein Frau hat mir den Vogel gezeigt. Eine Lederhose! Ob ich mich für Jim Morrison hielte?!" Er hat die Sachen zurückgeschickt. "Seitdem habe ich in Amsterdam einen Gutschein über 3000 Euro." Und der Wahnsinn? Alles nur vorgetäuscht, sagt Lars Eidinger. "Ich spiele halt gern den Wahnsinnigen." Im Moment findet sich kein Zweiter, der diese Täuschung so gut beherrscht wie er.


Dieser Text erschien im Juli 2013 im stern.