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Maus-Erfinderin Isolde Schmitt-Menzel: "Die Maus ist wie ein Kind für mich"

Vor gut 40 Jahren zeichnete die Grafikerin Isolde Schmitt-Menzel im Auftrag des WDR eine orangefarbene Maus. Sie eroberte die Herzen der Kinder im Sturm - und ist heute Kult und eine der erfolgreichsten Kindersendungen im deutschen Fernsehen.

Vor gut 40 Jahren zeichnete Illustratorin Isolde Schmitt-Menzel im Auftrag des WDR eine orangefarbene Maus. Sie eroberte die Herzen der Kinder im Sturm - und ist heute Kult. "Die Sendung mit der Maus" wird 40 Jahre alt und gehört zu den erfolgreichsten TV-Kinderformaten überhaupt. Schmitt-Menzel als "Maus-Mutter" dagegen ist kaum bekannt geworden. Die in den USA lebende Illustratorin (80) übt im schriftlich geführten Interview mit der Nachrichtenagentur dpa in Köln auch Kritik am WDR. Hintergrund ist eine inzwischen lange geklärte Auseinandersetzung um die Urheberrechte an der Fernsehmaus. Diese liegen bei Schmitt-Menzel, wie mehrere Gerichte klarstellten, 1982 auch der Bundesgerichtshof. Die Marketingrechte gab sie nach langem Streit 1996 aber an den WDR ab.

Wie kommt es, dass Sie eher selten mit der Maus in Verbindung gebracht werden?


Isolde Schmitt-Menzel:

Diese Frage müsste eigentlich der WDR beantworten. Ich wurde sehr oft gefragt, warum ich bei Mausgeburtstagsfeiern in der Vergangenheit nie erwähnt wurde. Vermutlich liegt der Grund darin, dass der WDR meine gerichtlich eindeutig bestätigte Urheberschaft der Fernsehmaus über viele Jahre nicht anerkennen wollte. Ich freue mich, dass jetzt eine neue Generation von Redakteuren beim WDR mit einem unvoreingenommenen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Maus und auf ihre Erfinderin schaut.

Warum war für Sie nach gut drei Jahren Schluss mit "Maus-Mutter"?


Schmitt-Menzel:

Ich habe in dreieinhalb Jahren von 1970 bis 1974, 130 Storyboards mit Mäusespots entwickelt, habe die Hauptphasen gezeichnet und danach war der Charakter der Maus geprägt. Ich hätte gerne länger als die dreieinhalb Jahre für den WDR Geschichten mit der Maus erfunden, jedoch bekam ich wegen beginnender Verwertungsstreitigkeiten - Merchandising - keine weiteren Aufträge vom WDR.

Was sagt die Schöpferin der nun weltbekannten Maus zum Geburtstag?


Schmitt-Menzel:

Ich bin sehr glücklich, dass meine Figur, meine Maus, so lange Interesse und Zuwendung findet. Die Maus ist für mich wie mein Kind. Und man freut sich immer, wenn das eigene Kind so erfolgreich und glücklich lebt.

Es gibt viele nette Tierfiguren. Was ist besonders an der Maus?


Schmitt-Menzel:

Die Maus verhält sich sehr abenteuerlich und ist voller Ideen, voller Einfälle, die auch Kinder interessieren. (...) Ich habe in dieser Figur wiedergeben, was ich als Kind erlebt habe. Ich hatte sehr viel Freiheit. (...) Die Maus ist Kindern ähnlich in ihrer ganz eigenen Intelligenz, ihrer Lebendigkeit, ihren verrückten und tollen Ideen. Und auch in ihrem abenteuerlichen Dasein. Kinder können sich identifizieren mit der Figur.

1969 hatten Sie den WDR-Auftrag, die Geschichte "Die Maus im Laden" zu bebildern, wie wurde daraus "Die Sendung mit der Maus"?


Schmitt-Menzel:

Die Geschichte von der "Maus im Laden" hat mich nicht gerade fasziniert. (...) Es hat mich ungeheuer gelangweilt in dem Laden mit Mehl- und Zuckertüten. Diese Maus, wenn ich die mache und wenn die mir Spaß machen soll - so dachte ich - wird die mal ganz anders als alle normalen Mäuse. Und deshalb ist sie orange geworden und deshalb hat sie diese Figur, die sich bewegt und die alle Möglichkeiten offen lässt. 1970 hat mich Gert K. Müntefering, Redaktionsleiter des WDR Kinderfernsehens, gebeten (...), ich solle mir doch mal Geschichten dazu ausdenken. Er plane eine neue Sendung und die Maus solle in kleinen Zwischenfilmen auftreten, in den "Lach- und Sachgeschichten". Ich dachte mir: Die Maus muss ganz anders sein als andere Mäuse. Und da habe ich sie erstmal auf zwei Beine gestellt. Und nicht auf vier. Sie konnte sitzen wie ein Kind und auf ihren Beinen stehen wie ein Kind.

Wie kann sich ein so Tierchen 40 Jahre halten?


Schmitt-Menzel:

Sie sollte eine Trickmaus sein, die Sachen kann, die sich Kinder in ihrer Fantasie ausmalen. Sie sollte lebendiger sein als Erwachsene. Das waren meine Grundideen, als ich die Fernsehmaus entwickelt habe. Schon in meinen ersten Storyboards war die Maus sehr kreativ und hat Erfahrungen gemacht, die denen eines Kindes ähnlich waren. (...) Heute wissen wir aus der Wissenschaft und aus dem Leben, dass viele Sachen möglich sind, die man sich früher nicht vorstellen konnte. Deshalb war die Maus eine Figur, die modern wurde.

Hat die Maus Zukunft?


Schmitt-Menzel:

Ja, andere Mäuse sind meistens grau oder braun. Die Maus brachte (...) die Fantasie in die Kinderwelt und die Lustigkeit und die Freiheit (...). Heute kriegen Kinder viele vorgefertigte Sachen im Fernsehen und Internet. Sie werden weniger gefordert, selbst etwas zu tun.

Yuriko Wahl, DPA / DPA
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