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TV-Kritik "Günther Jauch" Nemzow-Tochter glaubt nicht an Aufklärung


Ist Russland auf dem Weg zur Diktatur? In der Talkshow von Günther Jauch sollte diese Frage beantwortet werden. Für Zhanna Nemzow, Tochter des ermordeten Putin-Kritikers, gibt es die Diktatur bereits.
Von Andrea Zschocher

Es gibt TV-Sendungen, da weiß man hinterher genauso viel wie vorher. Die Talkshow von Günther Jauch war eine solche. Das Thema war "Putins Russland – auf dem Weg zur Diktatur?" und eingeladen waren die Tochter vom ermordeten Oppositionellen Boris Nemzow, Zhanna Nemzowa, die ehemalige Leiterin des ARD-Studios in Moskau, Ina Ruck, der ehemalige Schachweltmeister und russische Oppositionelle Garri Kasparow, Alfred Reingoldowitsch Koch, ein Freund von Boris Nemzow und ehemaliger Vize-Ministerpräsident, der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums und ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg Matthias Platzeck sowie der langjährige Deutschlandkorrespondent für das russische Fernsehen, Vladimir Kondratiev. Sie alle hatten ihre Meinung zu Staatschef Putin und seiner Politik, hatte Erfahrungen vor Ort in Russland sammeln können und waren als Diskutierende für die Talkshow durchaus eine gute Wahl. Aber sie alle konnten zu diesem sehr umfangreichen und komplexen Thema nur Fragmente beisteuern.

Tod eines Oppositionellen

Der traurige Aufmacher der Show war der Tod Boris Nemzows. Er wurde am 27. Februar dieses Jahres in Moskaus Zentrum erschossen. Seine Tochter, Zhanna Nemzowa, war nach Berlin gekommen und dankbar über die Möglichkeit über ihren Vater, ihre Trauer und das Leben des Oppositionellen zu sprechen. Für sie stand fest: "Es gibt bereits eine Diktatur." Sie war die Einzige, die sich so genau positionierte. Alle anderen wägten ab, berichteten von Erlebnissen, kritisierten die Medien und waren manchmal einer Meinung, manchmal nicht.

Die ehemalige Leiterin des ARD-Studios in Moskau, Ina Ruck und der ehemalige Schachweltmeister und russische Oppositionelle Garri Kasparow waren sich einig. "Der Ort des Mordes war ein Zeichen." Denn, so berichtete Ruck, die Brücke, an der Nemzow erschossen wurde, wird normalerweise sehr streng bewacht. Dass minutenlang niemand Notiz von der Ermordung nahm, ist für Beide unvorstellbar. Vladimir Kondratiev sah genau darin aber den Beweis, dass nicht Russlands Regierung für die Ermordung verantwortlich ist. "Wenn der Staat Nemzow hätte beseitigen wollen, hätte er einen anderen Weg gewählt", meinte der Deutschlandkorrespondent.

Berichterstattung zu suggestiv

In einem Einspielfilm hatte Jauchs Redaktion zehn Journalisten und Russlandkritiker gezeigt, die in den letzten zehn Jahren ermordet wurden. Matthias Platzeck war dieser Film zu plakativ. Er beschwerte sich, es sei ihm "zu suggestiv". Er wünschte sich mehr Differenzierung und nicht so viel Vorurteile. Jauch konterte sofort: "Aber ermordete Putinfreunde haben wir keine gefunden." Auch der langjährige Deutschlandkorrespondent für das russische Fernsehen, Vladimir Kondratiev versuchte, die Stimmung zu entschärfen. "Ich beteilige mich nicht an der Hetze", sagte er. Ina Ruck wollte dies nicht recht glauben, kritisierte die russischen Medien scharf. "Die Opposition wird nicht gehört, die Massenmedien geben den Ton an." Da musste Platzeck zustimmen, bei einem seiner letzten Besuche wäre ihm die "Militarisierung" im TV auch aufgefallen. Dies war der einzige kritische Kommentar vom ehemaligen Ministerpräsidenten. Den Rest des Abends rang er um Verständnis für Russland. Man solle, so forderte er, die Ereignisse "nicht bewerten, bevor die Ermittlungen begonnen haben." Die Ermittlungsergebnisse im Fall Nemzow werden von allen mit Spannung erwartet, auch wenn es noch sehr lange bis zu einem Ergebnis dauern wird. Die Familie Nemzows glaubt nicht an eine umfassende Aufklärung. "Wir wissen nicht, wer die Auftraggeber sind", sagte Nemzowa, und glaubt, dass die auch nie gefasst werden.

Das Regime will Isolation

Platzeck setzt auf Bildung und wünschte sich deswegen, dass der Westen sich Russland gegenüber mehr öffnen und die Visumspflicht für Reisende abgeschafft wird. Denn so würden junge Russen Europa kennen lernen, weltoffen agieren und eine Diktatur Russlands verhindern.

Nemzowa widersprach dem sehr deutlich. "Ich glaube, Sie verstehen das nicht. Putin hat kein Interesse daran, dass Menschen reisen." Viele können es sich darüber hinaus auch gar nicht leisten. Während Platzeck über Weltoffenheit und positive Beispielhaftigkeit referierte, wischte Nemzova diese Hoffnung mit einem Satz vom Tisch. "Dieses Regime möchte die Isolation." Mit diesem Satz endete die Sendung sehr abrupt. Zurück bleiben viele offene Fragen. Das Thema war zu umfassend, um in 60 Minuten ein Ergebnis zu präsentieren. Das war der Redaktion der Talkshow sicher im Vorfeld bewusst. Dennoch, beim Interview mit Putin vor einigen Wochen war eine Verlängerung der Sendezeit möglich. Die Diskussion, die an diesem Abend in Gang kam, hätte es verdient gehabt, weitergeführt zu werden. So aber hieß es um 22.45Uhr: "Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit den Tagesthemen." Zurück bleibt ein Gefühl, dass zu viel angesprochen und viel zu wenig gesagt wurde.


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