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Boris Nemzow Wer war der ermordete Putin-Widersacher?


Der Mord an Kremlgegner Boris Nemzow schockiert die Welt. Warum wurde der russische Oppositionelle zur Zielscheibe? Wie er vom liberalen Reformer zum erbitterten Putin-Widersacher wurde:

Auch sein letztes Interview nutzte Boris Nemzow für eine Abrechnung mit der russischen Regierung. Der Oppositionelle verurteilte die "unsinnige Aggression" gegen die Ukraine. Er hoffte darauf, dass der Funken der Revolution auf Russland übergreift. Dabei hatte er selbst unlängst von Ängsten seiner Mutter erzählt, die um sein Leben gefürchtet habe.

Wenige Stunden später wurde der 55-Jährige auf brutale Weise zum Schweigen gebracht: Unbekannte erschossen Nemzow auf offener Straße im Herzen von Moskau. Der frühere Vize-Regierungschef zählte seit Jahren zu den ärgsten Widersachern von Präsident Wladimir Putin. Am Sonntag wollte er eine Großdemonstration gegen die russische Regierung anführen.

Mit der Ermordung Nemzows verliert die Opposition in Russland einen ihrer führenden Köpfe. Der studierte Physiker arbeitete zunächst in einem Forschungsinstitut, bevor er kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion die politische Bühne betrat. 1990 wurde er zum Abgeordneten gewählt, mit gerade einmal 32 Jahren übernahm Nemzow das Amt des Gouverneurs in der zentralrussischen Region Nischni Nowgorod.

Von Jelzin nach Moskau geholt

Im März 1997 holte ihn der damalige Präsident Boris Jelzin nach Moskau. Nemzow übernahm für die kommenden eineinhalb Jahre das Amt des Vize-Ministerpräsidenten. Er gilt als einer der Architekten der liberalen Wirtschaftsreformen und wurde sogar als möglicher Nachfolger Jelzins gehandelt, der sich schließlich aber für Putin entschied. Nemzow unterstützte den späteren Kreml-Chef zunächst, bevor er zu einem seiner ärgsten Widersacher wurde. Im August 1998 schied Nemzow aus der Regierung aus. Als Fraktionschef der liberalen Partei Union der rechten Kräfte kritisierte er die Regierung fortan von der Oppositionsbank aus. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 schickte ihn die Partei ins Rennen, Nemzow legte die Kandidatur aber vor der Wahl nieder.

Einschüchterungen und Gefängnis

Nemzow wurde regelmäßig Opfer von Hacker- oder Abhörattacken, Kreml-nahe Websites berichteten über sein angeblich ausschweifendes Privatleben und vermeintliche Affären. Weil er gegen Haftstrafen für Putin-Gegner protestierte, wurde er vor einem Jahr selbst zu mehreren Tagen Gefängnis verurteilt. Den Einschüchterungen durch die Behörden trotzte er aber immer wieder. 2008 gründete er mit anderen Oppositionellen wie dem früheren Schachweltmeister Garri Kasparow die Bewegung Solidarnost. Bei den Protesten gegen die Wiederwahl Putins ins Präsidentenamt zählte er 2012 zu den Hauptrednern.

Nemzow wurde in den vergangenen Jahren nicht müde, die grassierende Korruption in Russland anzuprangern. Dabei nahm er den Energieriesen Gazprom, die Verschwendung von Steuergeldern sowie die mutmaßliche Bestechung bei der Organisation der Olympischen Winterspiele in Sotschi ins Visier. Auch wenn Nemzow bei den Kundgebungen der Opposition in Moskau noch immer in der ersten Reihe stand, überließ er die Bühne zunehmend jüngeren Kreml-Gegnern wie dem Anwalt und Blogger Alexej Nawalny. Zuletzt war Nemzow Abgeordneter im Regionalparlament von Jaroslawl.

Unermütlicher Anwalt seines Landes

US-Präsident Barack Obama würdigte den ermordeten Oppositionellen als "unermüdlichen Anwalt seines Landes", auch die Regierungen in Berlin und Paris lobten Nemzows Kampf gegen die Korruption. Die für Sonntag geplante Kundgebung in Moskau wurde als Reaktion auf den Mord abgesagt. Stattdessen wurde ein Gedenkmarsch für Nemzow angesetzt. Die Route soll auch über die Bolschoi-Moskworezki-Brücke in Sichtweite des Kreml führen - den Ort, an dem Nemzow am Freitagabend erschossen wurde.

lie/AFP/DPA DPA

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