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Ermittler zu Attentat auf Putin-Gegner Mord an Boris Nemzow war "minutiös geplant"


Nach dem Mord an Kremlgegner Boris Nemzow bleibt die Frage: Wer steckt dahinter? Das Attentat war minutiös geplant, sagen Ermittler. Putin spricht von einem Auftragsmord als politische Provokation.

Der Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow war nach ersten Angaben der Ermittler "minutiös geplant". Auch der Tatort sei sehr genau ausgewählt worden, erklärte das zuständige Ermittlungskomitee am Samstag. Der 55-jährige Kritiker von Präsident Wladimir Putin war am Freitagabend im Herzen Moskaus auf offener Straße erschossen worden.

Den Ermittlern zufolge wurde aus einem Auto heraus auf Nemzow gefeuert, der mit seiner "weiblichen Begleitung" zu seiner nahe gelegenen Wohnung gehen wollte. Das Paar befand sich auf einer Brücke, die sich unmittelbar am Kreml befindet. Es sei "offensichtlich", dass die "Organisatoren und Ausführenden des Verbrechens" wussten, welchen Weg Nemzow nehmen würde, hieß es in der Erklärung weiter.

Der Täter habe aus einem Auto heraus sieben oder acht Schüsse auf Nemzow abgefeuert, sagte Innenministeriumssprecherin Jelena Alexejewa. Vier Kugeln trafen Nemzow in den Rücken. Anschließend flüchtete der Schütze in einem weißen Auto.

Der oder die Täter nutzten den Angaben der Ermittler zufolge offenbar eine Makarow-Pistole, wie sie vom russischen Militär und der Polizei verwendet wird. Am Tatort seien sechs Patronenhülsen verschiedener Hersteller gefunden worden, was die Fahndungsarbeit erschwere. Die Zeugen des Mordes wurden laut dem Komitee bereits vernommen. Am Tatort gibt es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es.

Auftragsmord als politische Provokation?

Putin sprach von einer politischen "Provokation". Die Bluttat habe alle Anzeichen eines Auftragsmordes, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Kremlchef Michail Gorbatschow warnte vor einer Destabilisierung der Lage in Russland.

Die Situation in Russland ist angesichts des Ukraine-Konflikts gespannt. Nemzow gehörte zu den prominenten Wortführern der Opposition, die an diesem Sonntag in Moskau Tausende unzufriedene Russen zu einem Marsch von Regierungsgegnern auf die Straße bringen wollte. Die Organisatoren sprachen sich dafür aus, die Kundgebung abzusagen. Nemzow hatte Putin eine Aggression gegen die Ukraine vorgeworfen.

Russland verdächtigt Islamisten und Ukraine

Die Ermittler in Moskau gehen nun mehrern Spuren nach, sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde. Verfolgt werde auch eine islamistisch-extremistische Spur. Demnach soll Nemzow Drohungen erhalten haben, weil er sich nach dem Terroranschlag auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo"mit den Journalisten solidarisch gezeigt hatte.

Die Ermittler gehen zudem einer möglichen ukrainischen Spur nach. Nemzow galt als glühender Unterstützer der prowestlichen Führung in Kiew. Demnach halten es die Fahnder für möglich, dass außer Kontrolle geratene Kräfte in der Ukraine, die Russland schaden wollten, für den Auftragsmord verantwortlich seien. Markin sagte, dass nicht zuletzt die geschäftlichen Kontakte des früheren Vize-Regierungschefs und Energieministers untersucht würden.

Obama fordert Aufklärung

Präsident Putin verurteilte den "brutalen Mord" ebenso wie US-Präsident Barack Obama. Nach Kremlangaben beauftragte der russische Präsident die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen. In einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung forderte Obama die russische Führung zu einer "schnellen, unvoreingenommenen und transparenten" Aufklärung des Verbrechens auf. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele weitere europäischen Staaten forderten eine rasche Aufklärung.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, Nemzows Tod mache ihn "traurig und wütend". Steinmeier würdigte #link;http://www.stern.de/2176777.html;Nemzows politische Unerschrockenheit#. Er habe sich "gegen Korruption und Willkür" gestellt - sein Tod sei "ein schwerer Rückschlag für alle, die sich mutig für ein offenes Russland einsetzen".

Keine Überraschung

Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Dort äußerte sich Präsident Petro Poroschenko schockiert über den Mord. In Kiew legten Bürger noch in der Nacht Blumen vor das Gebäude der russischen Botschaft. Auch in Moskau lagen am Tatort Blumen und Kerzen.

Nemzow hatte nach Informationen des früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili an einem Bericht über die russische Verstrickung in den Krieg in der Ostukraine gearbeitet. Er habe die russische Öffentlichkeit darüber informieren wollen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN. Die Ermordung Nemzows sei für ihn keine Überraschung. "Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde." In einem eindringlichen Appell hatte Nemzow den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als "illegal" kritisiert.

lie/AFP/DPA DPA

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