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Raab vs. Halmich: "Er hat Eier gezeigt"

Achtung Prekariat: Man kann sich von einer Frau die Fresse polieren lassen und nachher grinsen. Stefan Raab hat's im Kampf gegen Regina Halmich vorgemacht. Nun ist er Boxvizeweltmeisterin - und um geschätzt eine Million Euro reicher.

Von Lutz Kinkel

Sportinszenierungen nerven. Erst kommen die Ankündigungen. Dann die Bänkelsänger. Schließlich die Rückblenden aufs Training. "Regina, Du hast Angst", schnauft Stefan Raab in die Kamera. "Eigentlich will ich Stefan nur eins in die Fresse hauen", keift Regina Halmich. Und noch ein paar Bänkelsänger. Vorkämpfe. So viel Bier kriegt man gar nicht in einen Kühlschrank rein, um sich Bier holend die Wartezeit zu vertreiben.

Dann endlich, gegen 23.00 Uhr, betreten die Showgladiatoren die Arena. 19.500 Leute hat Pro Sieben in die Köln-Arena gekarrt, angeblich war sie "ausverkauft", wahrscheinlicher ist, dass sie einfach nur voll besetzt war. Ein Cadillac parkt werbewirksam vor dem Ring, das unvermeidliche SMS-Gewinnspiel flimmert über den Schirm, die Kamera klebt wie Kaugummi an den Schildern des Sponsors. Stefan Raab, Ex-Viva-Kasper und Medienunternehmer (Kampfname: Killerplauze) gegen Regina Halmich, 44-fache Weltmeisterin im Fliegengewicht und Ex-Playboy-Model. Vor sechs Jahren hat sie ihm - damals noch im TV-Studio - beim ersten Kampf die Nase zertrümmert. Nun will er sich rächen. Eine Million Euro Schmerzensgeld kassiert er dafür angeblich. Sie auch.

Schwensen fehlt

Auf den Stühlen vor dem Ring ein wenig Promi-Dekor, Karl-Heinz Schwensen fehlt. Elton, die moderierende Leberwurst, wettet darauf, dass Raab die fünfte Runde nicht erlebt und kündigt an, ab Montag "TV Total" zu übernehmen. Anke Engelke, die offenbar nicht wusste, wo sie war, stottert irgendwas Belangloses ins Mikrophon der Moderatorin. Helge Schneider verrät, er sei früher auch mal Boxer gewesen und könne sich ein Comeback vorstellen. Das ist so absurd, dass dieser Satz einen schrägen Charme versprüht. Helge Schneider gegen Marcel Reich-Ranicki. Drei Runden auf Arte. Warum auch nicht.

Halmich schwebt zu Rockmusik in einem Käfig von der Decke. Ihr Trainer hatte ihr eine einfache Devise mit auf den Weg gegeben: "Müde machen und zuschlagen". Wer ihre Oberarme sieht, wagt nicht daran zu zweifeln, dass ihr das gelingen wird. Dann Raab: Er rollt in einem Panzer (!) in die Arena, ein Bademantel in Tarnfarben hängt über seinen Schultern, auf der Nase eine Sonnenbrille. Er sieht aus, als wollte er die Robert de Niro in "Taxi Driver" nachahmen - ein sinnfreies Zitat in einem sinnfreien Medienspektakel.

Halmich lässt klammern

Gong zur ersten Runde. Halmich dreht mächtig auf, sie scheint den Kampf halbwegs ernst zu nehmen und surrt wie eine Killerwespe um Raab herum. Körpertreffer in rauen Mengen, manchmal gibt's auch etwas auf die Omme, Raab wirkt einfach nur groß und fleischig und defensiv. So sieht er auch in den nächsten Runden aus, nur gelegentlich bricht etwas aus ihm heraus, eine Art Überlebenswille, der sich in wütende Aggressivität steigert. Halmich weicht ein bisschen zurück, lässt sich klammern, so dass er verschnaufen kann und sticht nach einer Pause wieder zu. Hätte sie gewollt, hätte sie ihn vermutlich ungespitzt in den Boden gerammt. Aber der Kampf soll über sechs Runden gehen. Elton muss seine Wette verlieren, damit Pro Sieben das nächste Event inszenieren kann - er will, wenn er verliert, den New-York-Marathon laufen -, außerdem sind die Werbeblöcke gut gebucht. Viele Spots mit Männerkrams: Autos, Mobilfunk und Badreiniger, die das Putzen angeblich überflüssig machen.

Raab steckt viel ein, er wird mehrfach angezählt. Manchmal sieht man ihn in Slow-Motion in die Kamera schreien, weil Halmich seine Leber erwischt hat. Aber: Er hält durch und Halmich lässt ihn durchhalten. In den letzten beiden Runden rumpelt er sogar noch mal nach vorne, dengelt ein paar Fäuste Richtung Halmich, versucht, das Geschehen an sich zu reissen. Das trägt ihm den Respekt und die Sympathie des Publikums ein. "Er hat Eier gezeigt", sagt Dariusz Michalczewski, Ex-Boxer und Ko-Kommentator, nach Halmichs Siegerehrung.

"Kämpfen, egal wie"

Als Raab nach dem Kampf bei Michalczewski steht, hat er schon wieder das breite Grinsen im Gesicht. "Sie hat nur auf meinen Scheitel geguckt", sagt er in Anspielung auf seinen neugeschnittenen Irokesen-Look. "Deshalb bin ich auch manchmal [mit den Fäusten] durchgekommen." Regina Halmich, ganz gnädige Jugendfreizeitleiterin, erlaubt Raab die dicke Lippe und lobt seinen Mut. Michalczewski schafft es, seinen Eier-Spruch noch mal zu variieren: "Insgesamt hat er wie eine Flasche geboxt. Aber er hat Herz gezeigt." Raab, nun auch fast ernst: "Wichtig ist nur, dass man kämpft - egal, auf welchem Niveau man spielt."

Klar: Es war ein fettes, sinnfreies Medien-Event, selbsreferentiell, selbstironisch, und vollständig überflüssig. Aber es hatte neben der Sendezeitverfüllung doch auch volkspädagogischen Charakter. Ein Mann lässt sich in der Öffentlichkeit von einer Frau verprügeln, die nur halb so groß und halb so schwer ist. Er zieht danach keinen Krummdolch aus dem Mantel sondern freut sich wie ein Schnitzel, dass er es zumindest durchgestanden hat. Diese Haltung würde man sich auf den Straßen von Berlin-Neukölln häufiger wünschen.