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Sarrazin zu Gast bei Anne Will: Die absurden Rechnungen des Herrn S.

"Wie human ist es, Flüchtlinge abzuweisen?", fragte Anne Will zu Beginn ihrer Sendung am 17. April. Darüber sollten Joachim Herrmann (CSU), Katrin Göring-Eckardt (B'90/Grüne), Flüchtlingshelfer Elias Bierdel, Thilo Sarrazin und Gerald Asamoah diskutieren. Von einer Lösung des Flüchtlingsproblems auf Lampedusa entfernte sich die Gesprächsrunde allerdings stetig.

Von Hannah Wagner

Thema der Sendung waren die Flüchtlinge auf Lampedusa. 26.000 sind es inzwischen. 26.000 Menschen, die ihr Leben auf’s Spiel gesetzt haben, um in Europa ein besseres Leben zu führen. Ein Leben mit Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg und, vor allen Dingen, mit Chancen auf das Überleben der Familie. Zu tausenden kommen sie täglich in Nussschalen über das Mittelmeer.

Thema war außerdem: Wie gehen wir mit diesen Flüchtlingen um? Wen lassen wir einreisen und wen weisen wir ab? Und wer hat das Recht, genau diese Entscheidung zu treffen?

Kein Land in Europa möchte die afrikanischen Flüchtlinge haben. Gründe und Ausreden dafür gibt es immer reichlich. Zum Beispiel, dass Deutschland im letzten Jahr schon insgesamt 50.000 Flüchtlinge aufgenommen hätte. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann versteht nicht, warum Italien da schon mit nur knapp der Hälfte an Flüchtlingen überfordert sei. Nun, die 50.000 Aufgenommenen kamen wahrscheinlich nicht alle auf einmal nach Deutschland.

Außerdem müsse klar unterschieden werden zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politisch Verfolgten. Natürlich nähme Deutschland Flüchtlinge aus Libyen auf, denn schließlich herrsche dort noch Bürgerkrieg. In Tunesien hingegen sei die alte Regierung gestürzt worden, die Menschen also keiner akuten Gefahr mehr ausgesetzt. So einfach kann man es sich natürlich machen. Wenn man will.

Bei den Flüchtlingen auf Lampedusa handelt es sich also laut Definition um illegale Einwanderer. Genauer gesagt um die Vorreiter einer Einwanderungswelle aus Afrika, eine Welle, die Europa zu überrollen droht. Das fürchten zumindest Herrmann und Sarrazin. Der Bestsellerautor gibt dazu ein ganz einfaches Rechenexempel zum Besten: Jeder Flüchtling, der nach Europa einreist, hole ja mindestens noch sieben bis acht Afrikaner nach. Oder fünf bis sechs. Oder zehn. So ganz sicher scheint er sich da nicht zu sein.

Und nur ein geringer Prozentsatz habe bis dato Asyl beantragt. Was bei der politisch und gesellschaftlich chaotischen Situation auf Lampedusa und in Europa im Allgemeinen nicht allzu verwunderlich ist. Der nächste Flüchtlingsstrom hat die Einwanderungspapiere vielleicht schon vorsorglich im Gepäck.

Außerdem sei die Aufnahme von zu vielen Flüchtlingen den Afrikanern ja auch keine Hilfe, argumentierten der SPD- und der CSU-Genosse im Einklang. Nehme man den afrikanischen Ländern die Hochqualifizierten, schade man ihnen im Endeffekt nur. Auch dazu kann Herr Sarrazin eine Statistik wiedergeben: Afrika hat eine Milliarde Einwohner, bald werden es zwei Milliarden sein. Jedes Jahr werden dort 35 Millionen Geburten verzeichnet. Selbst wenn wir also jährlich eine Million Flüchtlinge aufnähmen, verblieben in Afrika immer noch 37 Millionen. Ganz klare Rechnung, oder?