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"Tatort"-Kritik Der Philip Marlowe aus Hamburg-Billstedt


Die ARD zeigt noch einmal Wotan Wilke Mörings gelungenen Einstand als "Tatort"-Kommissar. Sein Thorsten Falke orientiert sich an einer der großen Figuren der Filmgeschichte. Da stört auch der unlogische Plot kaum.
Von Carsten Heidböhmer

Nur wenige Wochen nach Til Schweigers "Tatort"-Debüt trat auch Wotan Wilke Möhring 2013 seinen Dienst in der Hansestadt an. Während Schweiger seine Variante des zeitgemäßen Action-Krimis abgeliefert hat, geht der zweite Hamburger Ermittler einen ganz anderen Weg. Die Figur des Thorsten Falke ist nach einem Klassiker der Filmgeschichte modelliert: dem Privatdetektiv Philip Marlowe.

Wenn er in seinem ersten Fall durch die sonnenüberfluteten Elbstadt düst, wähnt man ihn glatt in Los Angeles - jener Stadt, in der Marlowe seine einsamen Kreise zieht. Kameramann Matthias Bolliger und Regisseur Özgür Yildirim verleihen der Folge einen ganz eigenen Look. Es gibt zahlreiche Verweise auf die klassischen L.A.-Noir-Filme wie das typische Schattenspiel des durch Jalousien einfallenden Lichts. Oder die schweren Deckenventilatoren, die in den klassischen Detektivfilmen der 40er Jahre obligatorisch sind. Hier sind sie immer wieder im Bild - als herrsche in Hamburg ganzjährig tropisches Klima. Und auch die weitere Ausgestaltung der Figur (Buch: Markus Busch) ist sehr eng an den amerikanischen Detektiv angelehnt. Frappierend sind die zahlreichen Parallelen zu Robert Altmans Marlowe-Verfilmung "The Long Goodbye" von 1973.

Ein Einzelgänger, wie er im Buche steht

In dem Film lebte der Ermittler allein mit seiner Katze, die extrem anspruchsvoll bei der Wahl ihres Futters war - alles genau wie bei Falke, dessen Katze bezeichnenderweise Elliott heißt - Altmans Marlowe wird von Elliott Gould gespielt. Und beide Ermittler haben eine Vorliebe für Milch. Dann der Name. Falke heißt auf Englisch hawk - die berühmteste Marlowe-Verfilmung stammt von Regisseur Howard Hawks. Gleichzeitig verweist der Name auch auf den Kriminalroman "Der Malteser Falke" - ein Buch, das immensen Einfluss auf Marlowe-Schöpfer Raymond Chandler ausübte.

All diese filmischen Referenzen braucht der Zuschauer jedoch nicht zu kennen, um die Figur Thorsten Falke zu mögen. Sie verleihen dem "Tatort" eine ganz spezielle Atmosphäre, der Charakter gewinnt dadurch Kontur und Tiefe. Falke kommt aus dem Arbeiterviertel Billstedt und hat sich hochgearbeitet. Er ist ein Einzelgänger, wie er im Buche steht. "Du hast Schiss, für Menschen da zu sein, denen du was bedeutest", sagt ihm eine Prostituierte ins Gesicht. Und trifft damit ins Schwarze.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Denn außer seinem besten Freund Jan Katz lässt Falke niemanden an sich ran. Der wird gespielt von Sebastian Schipper, der mit "Absolute Giganten" den ultimativen Film über Männerfreundschaften gedreht hat - eine weitere filmische Anspielung. Doch ausgerechnet dieser Jan Katz enttäuscht ihn schwer, als er sich in den Innendienst versetzen lässt. So muss Falke den Fall allein klären. Eine Frau ist ums Leben gekommen. Sie befand sich im Auto, das ein jugendlicher Brandstifter angezündet hat. Wurde sie das zufällige Opfer juvenilen Vandalismus oder gezielt ermordet?

Bei der Aufklärung assistiert ihm - sehr zu seinem Leidwesen - für zwei Wochen als "Praktikantin" die Kriminalkommissarin Katharina Lorenz, die so selbstbewusst wie sexy ist und ihrem Chef gerne widerspricht. Katharina Lorenz wird gespielt Petra Schmidt-Schaller, der Tochter des legendären "Polizeiruf"-Kommissars Andreas Schmidt-Schaller - noch eine filmhistorische Referenz.

Lange hält Falke die junge Frau auf Abstand und möchte sie schnellstmöglich wieder loswerden. Am Ende wachsen sie als Team zusammen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Hanebüchene Auflösung

So interessant und facettenreich das neue Gespann ist, so durchschaubar ist der erste Fall. Der Zuschauer kann "Feuerteufel" nach dem altbewährten Casting-Prinzip lösen: Der bekannteste Schauspieler muss der Mörder sein. Und Bernhard Schütz, der den Ehemann der Toten spielt, ist nun mal das prominenteste Gesicht in dieser Folge. Wie die Ermittler allerdings zur Auflösung kommen, und welche unlogischen Schritte der Täter unternimmt, um sich quasi selbst zu enttarnen - das ist geradezu hanebüchen.

Dennoch kann der Einstand des zweiten Hamburger Teams als gelungen bezeichnet werden. Denn die Figuren machen definitiv Lust auf mehr. Und Thorsten Falke zeigt am Ende doch noch einen wesentlichen Unterschied zu Philip Marlowe: In der Schlussszene versucht er, das Auto seines Freundes Katz aufzubrechen. Er möchte ihm ein Foto der beiden hinterlegen. Marlowe ist dagegen in Robert Altmans "The Long Goodbye" mit Verrat deutlich rabiater umgegangen: Er machte mit seinem Freund kurzen Prozess und erschoss ihn.

Die "Tatort"-Folge "Feuerteufel" wurde erstmals am 28. April 2013 ausgestrahlt.


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