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"Tatort"-Kritik: Watergate an der Waterkante

Starker Tobak am Sonntagabend: Die Pressefreiheit ist in Gefahr, der Senat der Hansestadt wird von einer Mafia-Bande unterwandert. In seinem vorletzten "Tatort"-Auftritt übt sich Atzorn in vornehmer Zurückhaltung der eigenen Person und lässt die ganz brisanten Themen im Vordergrund.

Von Kathrin Buchner

Heiligendamm und die zuvor in Hamburg stattfindenden Hausdurchsuchungen bei möglichen linken "Krawallmachern" sind kaum vorbei - und der NDR fährt mit schwerem Geschütz beim "Tatort" auf. Es geht um Pressefreiheit in Gefahr und die Verflechtung von Unternehmen und Staatsmacht. Ein investigativer Reporter wird im Gerichtssaal vor den Augen des Staatsanwalts und einer Schulklasse erschossen. Kommissar Jan Casstorff (Robert Atzorn) und sein Kollege Eduard Holicek (Thilo Prückner) kommen korrupten Strukturen in den eigenen Reihen auf die Schliche.

Illegales Glücksspiel, abgehalfterte Spielsalons, ein zwielichtiger Geschäftsmann mit Wiener Schmäh - zunächst wird ein bisschen Kiez-Flair beschworen. Doch dann ist schnell klar, wo die wirklich dubiosen Geschäfte laufen. Nämlich nicht zwischen "Ritze", Reeperbahn und Rotlichtmilieu, sondern in den schicken Apartment-Häusern zwischen Elbe und Speicherstadt. Dort will nämlich der smarte Geschäftsmann Alexander Radu (Tonio Arango) den neuen HafenCity-Tower bauen.

Sprengstoff explodiert bei Reporterin

Gegen Radu hatte der Tote belastendes Material gesammelt. Auch der Polizei lag belastendes Material gegen den Immobilienhai vor, doch keines der Verfahren gelangte zur Anklage. Stattdessen wurde auf dem Rechner des ermittelnden Beamten Kinderpornografie gefunden - der bis dato unbescholtene Mann wurde suspendiert, gibt aber als Zeuge die entscheidenden Hinweise bei den Ermittlungen. Denn Kathrin Schulz (Anna Schudt), Tochter des Opfers und selbst Fernsehreporterin, führt die Recherchen ihres Vaters weiter. Sie bekommt anonyme Anrufe, ihre kleine Tochter wird belästigt und ein Sprengsatz explodiert in ihrer Wohnung.

Staatsanwältin flirtet mit Mafiaboss

Als Kameramann getarnt schützt Kommissar Casstorff die Reporterin beim Interview mit dem einzigen Zeugen und schnuppert in Welt des Enthüllungsjournalismus. Ansonsten ist sein Auftreten eher zurückhaltend - symbolisch für sein weiteres Verbleiben im "Tatort", es ist Atzorns vorletzter Auftritt. Stattdessen tritt Staatsanwältin Wilhelmi (Ursula Karven) umso stärker in Aktion: Sie flirtet allein mit dem Mafiaboss. Glück gegen Infos - beim Pferderennen misst sie ihre Kräfte mit Radu und setzt auf geballte weibliche Koketterie. Ein bisschen dick aufgetragen zwar, aber durchaus amüsant, wie sie sich als schlechte Spielerin erweist und dem betörenden Wolf im Schafspelz gnadenlos unterliegt. Dafür entlarvt sie ihren Kollegen, den Staatsanwalt, der vom Immobilienhai geschmiert wird.

Brisante Stoff hat reale Vorbilder

Ein bisschen Watergate und "Die Unbestechlichen", ein bisschen "Allein gegen die Mafia", alles in einem 90-Minuten-Sonntagsabend-Krimi. Der gesellschaftspolitisch brisante Stoff stammt von den Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettke, die schon ähnliche Drehbücher für den "Tatort" verfassten und bei ihrer detaillierten Recherche in Hamburg auf durchaus reale Beispiele gestoßen sind, am denke nur an den Fall Osmani.

Hochgepokert haben Autoren und Schauspieler von "Investigativ" und auf jeden Fall Aufmerksamkeit gewonnen: Angesichts so viel Schwarzmalerei kommt man nicht aus dem Staunen heraus. Denn am Ende gibt es zwar keinen wirklichen Mörder, aber nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern es gibt eine leere Mattscheibe: Statt des investigativen Berichts über die Verschwörungen zwischen Politik, Justiz und Wirtschaft schunkeln Seemänner über den Bildschirm, inhaltliche Leere, die Kapitulation der Pressefreiheit, und der einzige Zeuge erhängt sich in Schutzhaft. Eigentlich hätte sich Atzorn diese Geschichte für seinen letzten Auftritt aufheben müssen - stärker könnte man kaum abtreten.