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Jan Casstorff: Beinhart und nicht witzig

Als Robert Atzorn im Herbst 2001 die Nachfolge von Manfred Krug und Charles Brauer beim Hamburger "Tatort" antrat, lastete ein schweres Erbe auf ihm. Das Duo war längst zum Kult avanciert. Atzorns Ausweg: Alles anders machen.

Krasser hätte der Unterschied kaum ausfallen können, als Robert Atzorn im Herbst 2001 die Nachfolge von Manfred Krug und Charles Brauer beim Hamburger "Tatort" antrat. 16 Jahre lang waren Krug und Brauer als Stoever und Brockmöller für die ARD als "Tatort"-Kommissare unterwegs. Jahre, in denen sie sich vor allem durch ihre berüchtigten Gesangseinlagen einen Platz in den Herzen der Zuschauer sicherten. Doch mit Atzorn als Jan Casstorff sollte alles anders und vor allem nicht witzig werden. Mit diesen unmissverständlichen, nahezu drohenden Worten hatte Regisseur und Drehbuchautor Thomas Bohn damals die Weichen für ein neues Konzept gestellt. Für ihn genauso wie für Atzorn war klar: Bloß nicht an dem Vorgänger Manfred Krug messen lassen. Mit anderen Worten: keine Gesangseinlagen, keine Flachsereien. Ein Vorhaben, das Atzorn gleich zu Anfang beinhart umsetzte. Bei seinen ersten beiden Fällen lacht er genau an zwei Stellen: Ein Mal in "Exil", ein Mal in "Hasard".

Atzorn hatte schon vor seinem ersten Auftritt als Hauptkommissar Casstorff einen grundlegenden Imagewandel angekündigt: Er wolle mal was Schmuddeliges machen, so seine Worte. Ganz offensichtlich wollte er weg von dem Image des ewig freundlichen, in schludrige Jacketts gehüllten Dr. Specht, die Rolle, mit der er beim ZDF Karriere machte. Und tatsächlich - Atzorn hat sich verändert. Von Dr. Specht ist nichts mehr zu spüren. Im "Tatort" trägt er grauen Stoppelbart und schwarze Kluft. Ein Outfit, mit dem er die Idee des "ernsthaften" Krimis auch nach außen trägt.

Intellektueller mit Einfühlungsgabe

Um möglichst authentisch zu wirken, hat Atzorn sich von Profis beraten lassen. "Ich habe mit zwei Kommissaren bei der Mordkommission gesprochen", berichtete er. "Es ist schon hammerhart, wie sie ihre Arbeit verkraften müssen." Bei so viel Sinn für Authentizität bleibt wenig Platz für Spaß. Auch Regisseur Bohn besteht darauf, dass er ausschließlich zeigen wolle, wie eine Mordkommission wirklich arbeite, und nichts beschönigen möchte. "Es gibt schon viele Kommissare, die sich anflachsen. Davon wollen wir weg", fügt er hinzu. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er aus Hauptkommissar Jan Casstorff keinen eingefleischten Rechtshüter, sondern eher einen Intellektuellen gemacht hat. So ist Casstorff eigentlich nur über Umwege in der Kriminalarbeit gelandet. Ursprünglich hat er Psychologie studiert, seine Stärke ist in erster Linie die Einfühlungsgabe. "Sein Motto lautet: Der Kommissar ist der erste Anwalt des Opfers", beschreibt Atzorn die Rolle.

Doch auch wenn Casstorff den intellektuellen Einzelkämpfer mimt, allein bleibt er bei der Jagd nach Verbrechern nicht. Atzorn wird von zwei Kollegen unterstützt. Jenny Graf findet als unerfahrene Polizistin bisweilen als Einzige im Trio Zugang zu Frauen. Und Hauptkommissar Eduard Holicek alias Tilo Prückner ist ein ebenso erfahrener wie ausgebuffter Fuchs, auf den sich Casstorff jederzeit verlassen kann. Doch der Kollege ist manchmal mit Vorsicht zu genießen. Gleich bei seinem ersten Auftritt in "Exil" kam es zu Protesten der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg und zu Zuschauerbeschwerden. Der Grund: Eine Szene, in der Oberkommissar Eduard Holicek während einer langen Wartezeit im Krankenhaus seinem Frust freien Lauf lässt. Der genau Wortlaut: "Wenn hier jemals ein Serientäter rumlaufen sollte, der geldgeile Ärzte abknallt, kriegt der von mir 'ne Woche Vorsprung." Die Szene wurde für Wiederholungstermine schließlich herausgeschnitten.

Britta Hesener mit Material von DPA