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ARD-Krimi: Diskussion um den Terror-"Tatort" - die ARD hält am Sendetermin fest

Ausstrahlen? Nochmal verschieben? Der Dortmunder "Tatort" wird wenige Tage nach dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus gesendet. Einmal war er bereits abgesetzt worden - diesmal hält die ARD am Termin fest.

Von Christian Ewers

"Tatort" aus Dortmund

Zwei Polizisten wurden mitten in Dortmund erschossen. Die Kommissare Faber (Jörg Hartmann, 2.v.r.) und Bönisch (Anna Schudt, r) werden nachts zum Tatort gerufen.

Dieser Artikel enthält Informationen über den am Ostermontag ausgestrahlten "Tatort". Wer ihn noch sehen möchte, sollte die ersten beiden Absätze überspringen.

Sekunden nach der Explosion steht die Welt still in Dortmund. Menschen liegen auf dem Asphalt, grau vor Asche, und die einzige Farbe in diesen monochromen Bildern ist das Rot des Blutes, das aus Wunden rinnt. Wer überlebt und wer zerrissen wurde von der Bombe, die ein junger Islamist gezündet hat, bleibt in einer Staubwolke verborgen.

Mit dieser Szene endet der "Tatort: Sturm", der aktuelle Fall des Dortmunder Ermittlerquartetts mit Hauptkommissar Faber, gespielt von Jörg Hartmann. Es sind Bilder eines Krieges, verstörend und quälend zugleich. Sie beziehen ihre Wucht nicht nur aus einer dramatischen Komposition, sondern vor allem aus ihrem Bezug zur deutschen Lebenswirklichkeit. Wenige Tage vor der geplanten Ausstrahlung des "Tatorts" an Neujahr fuhr der Islamist Anis Amri mit einem Sattelschlepper in eine Menschenmenge auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen starben, 65 wurden verletzt. Berlin war Ziel eines Anschlags, so wie zuvor Paris, Nizza, Brüssel oder Istanbul. Städte, die zu Synonymen für islamistische Attentate geworden sind.

Die ARD verschob daraufhin den Sendetermin des Dortmunder "Tatorts" zunächst auf den 29. Januar und schließlich auf Ostermontag. Programmdirektor Volker Herres sagte, man wolle Rücksicht nehmen auf "die Opfer, ihre Angehörigen, Betroffene und das Empfinden von Zuschauern".

Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund lehnt die ARD nun eine weitere Verschiebung ab. "Es bleibt bei dem Sendetermin am Ostermontag", sagt Gebhard Henke, Fernsehspielchef des WDR und "Tatort"-Koordinator. "Der 'Tatort' kann aufgrund seiner zeitaktuellen inhaltlichen Ausrichtung der Realität nicht ständig ausweichen."

Wie soll man Terror begegnen?

Die Kontroverse, ob es richtig war, den "Tatort" zu verschieben, dauert noch immer an. Denn im Kern geht es um die grundlegende Frage: Wie soll man Terror begegnen? Mit stoischem Trotz, wie jüngst die Briten, die nach dem Anschlag in London erklärten, sie ließen sich nicht einschüchtern von Hass und Gewalt? Oder ist es pietätlos den Opfern gegenüber, einfach weiterzumachen - ohne einen Moment des Innehaltens, ohne eine Geste? Wie etwa der Verschiebung eines möglicherweise verletzenden Fernsehfilms? Richard Huber, der Regisseur von "Sturm", sagt zu Verlegung des Neujahr-Termins: "Ich verstehe die Entscheidung der ARD, halte sie aber nicht für zwingend. Der Film gießt kein Öl aufs Feuer. Für mich ist er eine Bestandsaufnahme dessen, was wir erleben. Wir können uns sowieso nicht dagegen schützen."

Gebhard Henke tut sich schwer mit einer klaren Haltung. "Letztlich war es eine Abwägung", sagt Henke. "Wir wollten sensibel mit dem Thema umgehen und die Gefühle der Berliner Opfer achten. Andererseits kann ich es nachvollziehen, wenn jemand sagt: Man darf sich von Terroristen nicht das Fernsehprogramm diktieren lassen."

Ein Argument, das Steffen Schroeder nicht überzeugt. Schroeder ist Botschafter des Weißen Rings, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, und im Hauptberuf Darsteller eines Kommissars in der TV-Serie "Soko Leipzig". Er kennt beide Welten, die der Medien und die der Leidtragenden. Die Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt habe das Leben vieler Menschen für immer dramatisch verändert, sagt Schroeder. "Die Vorstellung, dass das Fernsehpublikum sich kurz nach einem solchen Ereignis bei Chips und Bier eine ähnlich gelagerte fiktionale Geschichte anschaut, wäre schwer erträglich. Die Verschiebung ist richtig."

Auch Til Schweigers "Tatort" musste verschoben werden

Schon einmal hat die ARD in Reaktion auf Terroranschläge "Tatort"-Folgen aus dem Programm genommen. Nach den Attentaten in Paris im November 2015, bei denen 130 Menschen starben, verschob der Sender Anfang 2016 zwei "Tatorte" mit Til Schweiger, in denen heftig gemetzelt und gemordet wird.

Dass den "Tatort: Sturm" derselbe Bannstrahl getroffen hat, ist erstaunlich. Es gibt zwar dieses apokalyptische Schlussbild, aber zuvor ähnelt die Folge eher einem Kammerspiel. Sie erzählt leise und in berührenden Dialogen eine außergewöhnliche Geschichte. Im Computerraum einer Privatbank sitzt Kommissar Faber dem IT-Spezialisten Muhammad Hövermann (Felix Vörtler) gegenüber. Hövermann trägt einen Sprengstoffgürtel. Er hockt schwitzend vor seinem Rechner und manipuliert Überweisungen. Mehr als 50 Millionen Euro versucht er auf Konten von Islamisten zu lenken. 

Zwischen Faber und Hövermann entwickelt sich langsam ein Gespräch über Religion und den Wert des Lebens, immer wieder unterbrochen von Drohungen des nervösen Hövermann, er zünde gleich die Bombe, wenn Faber nicht endlich verschwinde. Während die beiden Männer sich einander vorsichtig annähern im Souterrain der Bank, recherchieren Fabers Kollegen draußen die Radikalisierung Hövermanns. Und je tiefer sie einsteigen in sein Leben, umso dringlicher stellt sich die Frage, ob er wirklich nur ein Täter oder selbst auch ein Opfer ist.

Die Ausbeutbarkeit von Angst

"Sturm", geschrieben von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler, ist ein feinfühliger "Tatort" über religiös motivierten Terror. Die beiden Drehbuchautoren verzichten dabei auf volkshochschulhafte Erklärstücke. Alles, was die Handlung lähmen könnte, haben sie ausgespart. Sie wissen, dass ein gutes Thema nicht automatisch eine gute Geschichte bedeutet. Und sie wissen, dass die 90 Minuten eines "Tatorts" gerade mal dazu ausreichen, einzelne Aspekte des islamistischen Terrors zu behandeln.

Die Ausbeutbarkeit von Angst ist das überwölbende Thema dieses Fernsehfilms. In seinen besten Momenten, in den Dialogen zwischen Faber und Hövermann, erinnert er an Romuald Karmakars "Der Totmacher" mit Götz George. Am Schluss von "Sturm" steht nicht die Sühne des Bösen, sondern eine Katastrophe, ein gewaltiges Schlachtengemälde. Das macht diesen "Tatort" angreifbar. Und realistisch.

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