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Saisonbilanz Der beste "Tatort" war der Blutigste


Mit einem Fall des Schweizer Teams ist am Sonntag die "Tatort"-Saison zuende gegangen. Wir blicken zurück auf die Höhe- und Tiefpunkte der zurückliegenden zehn Monate und küren Sieger in verschiedenen Kategorien.

Die "Tatort"-Saison ist vorbei, wir blicken auf die Sonntagskrimis des vergangenen Fernsehjahres zurück ziehen Bilanz: Das sind unsere Sieger und Verlierer:

Der beste "Tatort" des Jahres

Es war die Folge mit den meisten Toten. Doch nicht deshalb war "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot für uns der Höhepunkt des "Tatort"-Jahres. Vielmehr  zeigt der Film auf beeindruckende Weise, dass auch das deutsche Fernsehen unterhaltsame und intelligente Produktionen abliefern kann. Filme, die auf der Handlungsebene packend sind und gleichzeitig auf der Meta-Ebene die Kulturgeschichte von Shakespeare über Truffaut bis Tarantino reflektieren. "Im Schmerz geboren" erbrachte damit den Beweis, dass Unterhaltungs- und Bildungsfernsehen kein unversöhnlicher Gegensatz sein muss.

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Der Quotensieger

13,13 Millionen schalteten am 21.  September 2014 den "Tatort" ein - so viele wie seit 1992 nicht mehr. Dabei war die Münsteraner Folge "Mord ist die beste Medizin", bei der Boerne (Jan Josef Liefers, l), und Thiel (Axel Prahl) einem Abrechnungsbetrug im Krankenhaus auf die Spur kommen, gar nicht mal so gut. "Die Pointen sitzen wie ausgelatschte Schlappen, das Timing wirkt sediert, die Handlung schleppt sich wie am Tropf voran", lautete der Tenor bei "Spiegel-Online". Und unser Rezensent urteilte: "Leider sind auch Helden manchmal müde."
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Die Liebesszene des Jahres

Haben sie - oder haben sie nicht? Die schönste Liebesszene in einem "Tatort" war eigentlich gar keine. Zumindest bekam der Zuschauer nichts zu sehen:  Die Ermittler Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) stürzten zusammen in der Kneipe ab - und wachten am nächsten Morgen zusammen im gleichen Zimmer auf. Was dazwischen lag? Das bleibt der Phantasie eines jeden Einzelnen überlassen.
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Die schlechteste "Tatort"-Folge

Sind mal wieder die Fernsehredakteure schuld? Jedenfalls gab es in der zurückliegenden Saison erschreckend viele schwache bis mäßige Fälle. Es mangelte vor allem an plausiblen Drehbüchern, bisweilen kommt eine lieblose Umsetzung dazu. Nachdem sich der bisherige Klassenletzte, der Saarland-"Tatort" mit Devid Striesow, in dieser Spielzeit ein wenig berappelt hat, kommt der Wiener Folge "Gier" vom 7. Juni die zweifelhafte Ehre der schlechtesten Folge der Saison zu., Die Geschichte um einen Chemie-Konzern war abstrus, fast alle Charaktere wirkten wie am Reißbrett gezeichnet. Hier wirkte alles gekünstelt und unpassend. So wie Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), die zu Beginn der Folge völlig overdressed auf der Party ihres Chefs erschienen.

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Die beste Musik

Manchmal bleibt ein Film wegen eines einzigen Songs in Erinnerung.  Jasmine Hamdans "Aleb" ist so ein Beispiel dafür. Das Lied lag noch Tage später im Ohr, lange nachdem der Abspann des "Tatorts" verklungen war. Der am 14. September 2014 ausgestrahlte Münchner Fall "Der Wüstensohn" war gar nicht übel, doch es waren die fremdartigen und doch irgendwie vertrauten Piano-Klänge und die melancholische Stimme der libanesischen Sängerin, die im Gedächtnis geblieben sind. 
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Das beste Solo

Gewöhnlich tauchen die Fälle des Kölner "Tatort"-Teams eher selten in den Jahresbestenlisten auf, zu routiniert sind die Abläufe des Duos Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, zu - seien wir ehrlich - auserzählt und abgenutzt ist die Konstellation. Doch dann gab es in der am 1. Februar 2015 ausgestrahlten Folge "Freddy tanzt" diesen einen Moment, für den sich die langjährige Treue zu den beiden sympathischen Wahl-Rheinländern gelohnt hat: Freddy Schenk hatte mit einer Verdächtigen ziemlich intensiv geflirtet und sich wohl Hoffnungen gemacht. In der Disco wird ihm klar, dass für einen alten Knacker wie ihn keine Hoffnung besteht. Philip Marlowe wäre jetzt an die Bar gegangen und hätte einen doppelten Bourbon bestellt. Doch was macht Freddy? Der begibt sich auf die Tanzfläche und wiegt sich selbstvergessen und voller Trauer zu den Klängen der Musik.

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Das schönste Paar

Klar, man kann das alles furchtbar albern finden, den Klamauk, den die Münsteraner Ermittler Thiel und Boerne regelmäßig veranstalten. Man kann sich aber auch einfach mal locker machen und das Sinnfreie genießen. Das Leben ist schon ernst genug. Und ganz ehrlich: Wie sich die beiden ewigen Streithähne zusammenraufen und ein schwules Paar spielen, Frankie-Boy und Mausebärchen, um einen reichen Erbonkel gnädig zu stimmen, das ist furchbar komisch. Zwar verfehlte die Folge "Erkläre Chimäre" mit 13,01 Millionen Zuschauern hauchdünn den eigenen Rekord, dafür konnte er die meisten Streamingabrufe verzeichnen: Satte 308.605 Mal wurde die Folge in der ARD-Mediathek angesehen. Ein schöner Erfolg für Axel Prahl und Jan Josef Liefers, der im Film allerdings nichts zu lachen hat: Am Ende waren alle Mühen umsonst - er geht im Testament seines Onkels leer aus.

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Die Zugänge des Jahres

Die neuen "Tatort"-Teams
Sie sind die Neuen beim "Tatort": Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs ermitteln in Franken, Meret Becker und Mark Waschke halten Berlin sauber, Wolfram Koch und Margarita Broich sind ab sofort in Frankfurt im Einsatz (v.l.)
© Picture-Alliance/Combo: stern.de

Was haben wir uns darauf gefreut: Für den Neustart der Teams in Frankfurt, Berlin und Franken konnte die ARD durch die Bank herausragende Schauspieler gewinnen. Solche, wegen derer man allein schon den Fernseher einschaltet, denen man zutraut, innerhalb des "Tatort"-Kosmos zu den Großen zu zählen. Nach dem ersten Durchgang lässt sich konstatieren: Der Start ist geglückt - doch überall ist noch Luft nach oben. Der Berliner "Tatort" mit Mark Waschke und Meret Becker deutet zudem an, dass er auch horizontal erzählen wird - also folgenübergreifend. Ähnlich wie der Dortmunder "Tatort" oder der "Polizeiruf 110" aus Rostock. 

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Die Abgänge des Jahres

Abschiede beim "Tatort"
Sie nahmen Abschied vom "Tatort": Joachim Król als Frankfurter Kommissar Steier, das Leipziger Team um Martin Wuttke und Simone Thomalla sowie Boris Aljinovic alias Felix Stark in Berlin.
© Picture-Alliance/Combo: stern.de

Hier fällt die Bilanz gemischt aus. Ein weinendes, zwei lachende Augen - so könnte man die Abschiede dieser Saison auf den Punkt bringen. Die Ermittlerfiguren aus Leipzig und Berlin waren auserzählt, dass sie Platz machen für neue Gesichter und Geschichten, ist gut. Dagegen hätte man dem ursprünglichen Frankfurter Team um Joachim Król und Nina Kunzendorf gerne länger bei der Arbeit zugesehen. Doch Kunzendorf warf bereits 2013 hin - und mit Król allein erreichten die Fälle nie das alte Niveau. Immerhin: Zur Schlussvorstellung drehte Armin Rohde noch einmal kräftig auf. Ein Abschied mit Knall!

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