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TV-Kritik "The Voice": Wenn Andreas Bourani mit dem Lebkuchen-Herz droht

Zweite Blind Audition bei "The Voice of Germany": Frisuren from outer space, experimentelle Musik, Smudo spricht Finnisch und Samu bekommt den Hintern geküsst. Man feiert sich vor allem selbst. Und das nicht ganz zu Unrecht.

Von Ingo Scheel

The Voice of Germany Jury: Catterfeld, Michi Beck, Samu Haber, Smudo, Andreas Bourani

Zweite Blind Audition bei The Voice of Germany: Die Juroren stellen ihre Teams zusammen - Andreas Bourani (re.) hat dabei so seine Schwierigkeiten

Was erlauben "The Voice“? Streuen so mir nix, dir nix Sand ins vorletzte Fernseh-Lagerfeuer der Nation. Das Casting-Dickschiff verlässt den angestammten Donnerstag-Sendeplatz und geht am Sonntagabend vor Anker. 20.15 Uhr. Primetime. Und vor allem Tatort-Zeit. Die Münchner Kommissare scheinen davon nicht ganz unbeeindruckt, lassen die doch glatt den Mörder entwischen. Aber auch "The Voice" hat seinen Batic und seinen Leitmayr, hier sind Michi Beck und Smudo von den Fanta Vier die Elder Statesmen auf der Koppel. Ersteren würde man zu gern mal nach drei Songs von Joy Division fragen (nächste Sendung dann aber bitte ein frisches T-Shirt, gell, Michi? Vielleicht eins von den Neubauten?), letzterer hat seinen Hang zur Altherren-Rührseligkeit viel besser im Griff als in den letzten Jahren, die Tränen sitzen längst nicht mehr so locker beim fantastischen Viertel.

Um ehrlich zu sein, gibt es bei der zweiten Blind Audition auch nicht allzu viel Stoff aus dem die Tränen sind. Dafür geht es von Beginn an hoch her, haben die Macher, so scheint es, zunehmend das Sendeminuten-Rad von den Kandidaten hin zu den Juroren gedreht. Waren die schon zu Zeiten von Garvey und Co. mit ausreichend Selbstinszenierungswillen bestückt, wird ihnen nun dafür noch mehr an Zeit und Raum zugestanden. Gleich zu Beginn umgarnen die Drehsessel-Sitzer die 17 Jahre alte Mathea mit allen Mitteln. Bourani zieht Absperrungsband durchs Studio, Samu schwelgt und die Fantas versuchen sich an Lagerfeuer-Gitarre und spontanem Blues. Ein rappender Klaus Lage könnte kaum mehr verstören.

Hanna - "zu viel für unsere simple minds"

Das wiederum, also ein gerüttelt Maß Mehr an Verstörung, schüttelt Hanna Czarnezka mit links aus ihrem Cocktailkleid. Die dynamische Diva singt eine experimentelle Musicalnummer im Spannungsfeld zwischen Trevor Horn, Klingelton-Variationen und Bianca Castafiore an einem guten Tag. Während irgendwo im Aromakaffee-gebrandeten Loungebereich die produktplatzierten Gläser springen, bleiben die Drehsessel auf ihrer Position. "Das war zu viel für unsere simple minds", denglischen die Fantas danach. Wer es verstanden hat, wird ihnen Recht geben. Schade drum.

Das hohe C ist kaum verklungen, da tanzbärt Georg Stengel ins Studio. Der Mann mit der Wohlfühlplautze ist zum wiederholten Mal da und röhrt sich durch den Song "Pocahontas" von AlleMannArschgeweih. Kurz vor der Menderes-Werdung wird Georg in die nächste Runde gebuzzert. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er die fiebrigen Prognosen des Herrn Bourani - "Du bringst alles für eine Karriere mit" - sich nicht unters Kopfkissen legt.

Andreas Bourani - der HSV von "The Voice of Germany"

Bourani - so etwas wie der Hamburger SV dieser Sendung. Hatte mal einen Meistertitel, der schon ein bisschen länger her ist, trägt aber die Brust so breit, als könne es sich nur um Stunden handeln, bis der nächste Erfolg - jetzt aber wirklich bitteschön - eingefahren wird. Dass das nicht so einfach ist, wird klar, wenn man sieht, wie sich in seinen Augenwinkeln die Tränen spiegeln, wenn wieder einmal Samu oder Yvonne oder Stuttgarts Alte Herren ihm irgendeinen Adepten vor der Nase weggeschnappt haben.

Nun denn - Bourani trägt nicht nur Schmuck wie ein Karusselbremser vom Hamburger Dom, auch seine Charme-Skills scheint der Mann sich auf der Kirmes angeeignet zu haben. Ruth Lomboto etwa (endlich mal wieder ein Song von Whitney Houston in der Sendung, das sollte Pflichtmaterial sein) hängt er ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift "I Want You“ um den bemitleidenswerten Hals. "Glaubst du, du kriegst so Frauen rum?", entfährt es da der konsternierten Catterfeld. Nein, lautet die Antwort. Ruth tut gut daran, zu den Fantas zu gehen und als wäre das nicht schon Debakel genug, gibt es für Bouranis Andy auch noch ein onkelhaftes Küsschen von Smudo.

Was Sie schon immer auf Finnisch sagen wollten

Der Rest ist schnell erzählt: Pauline Steinbrecher zeigt in der Sendung, dass sie es mit ihrer Aussage, "nah am Wasser gebaut" zu haben, sehr ernst meint. Das Trio "Pigs can’t Fly" bringt den Schweinen doch noch fast das Fliegen bei und hätte mit seiner soliden Version von "Here comes the sun" durchaus einen Sesseldreher verdient gehabt. Dorothea macht es besser, die nämlich, meint Samu Haber jedenfalls, singt wie ein Mann. Also, positiv gemeint jetzt. Mit "fucking balls", um genau zu sein.

Die hat auch Michael, der zwar im Friseursalon arbeitet, am Kopf aber aussieht, als wären darauf zwei Helge-Schneider-Doubles verendet. Gut, dass das Hemd mindestens ebenso psychedelisch aussieht und dadurch ein wenig ablenkt. Und endlich mal jemand hinhört, wenn Bourani sein Mantra von der "Stimmfarbe" mit dem Trademark-Satz "Ich möchte mit Dir arbeiten" kombiniert. Viel Spaß im Team Bourani, lieber Michael. Hier ist der Pflegeschlüssel mit bislang nur zwei Mitgliedern auch noch wohltuend luftig gestaltet. Ein Hoch auf euch!

Am Ende des kurzweiligen Humba-Humba-Täterää erzählt Smudo, was "Haare am Sack" auf Finnisch heißt, bekommt Suomi Haber den Hintern geküsst und präsentiert sich mit Stars aus der Ukraine ein heißer Anwärter auf den Titel. Um es mit Bourani zu sagen: fucking hell!

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