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TV-Kritik "Günther Jauch": Kraft kriegt Kontra

Wenn die Sondierungen zwischen CDU und SPD so ablaufen wie bei Günther Jauch, wird es nichts mit einer Großen Koalition. Besonders unter Beschuss geriet eine Schlüsselfigur der Sozialdemokraten.

Von Mark Stöhr

Mit Hannelore Kraft war nicht gut Kirschen essen. Genervt blickte sie in die Männerrunde, aus der für sie nur Saures kam. Der wendige Peter Altmaier (CDU) rechnete ihr noch einmal die historisch hohen Steuereinnahmen vor. Warum also die Abgaben erhöhen? Theo Waigel (CSU) appellierte an ihre staatsbürgerliche Verantwortung. Wir brauchen in diesen komplizierten Zeiten eine starke Regierung! Der Journalist Michael Jürgs prophezeite, sobald bei den Koalitionsverhandlungen genug Milliarden für Nordrhein-Westfalen herausgesprungen seien, würde sie sowieso alles abnicken. Und dann schob Jauch noch einen Einspieler ein. Der brachte das Fass zum Überlaufen.

In dem Filmchen wurde der SPD-Politikerin ihre kritische Haltung gegenüber einer Großen Koalition als bloßes Mittel zur Macht ausgelegt. Sie wolle die CDU in eine Zusammenarbeit mit den Grünen drängen, um die Sozialdemokraten bei den Bundestagswahlen 2017 besser dastehen zu lassen. Das Ganze dann mit einer Kanzlerkandidatin Kraft natürlich. "Unsinn!", rief die 52-Jährige aus und war ernsthaft empört. Sie hat einen Ruf als ehrliche Haut zu verlieren, der es nicht in erster Linie um Posten geht, sondern um Positionen. Doch auch bei ihr geraten die beiden wichtigsten Ps der Politik in Zeiten des Sondierens schon einmal durcheinander.

Ende der Streitkultur durch Große Koalition

Und genau das war ja auch das Thema am Sonntagabend in der Talkshow "Günther Jauch": das Taktieren um die Macht. Tricks statt Thesen, wenn man so will. Dazu hatte er neben Kraft und Altmaier zwei Gäste eingeladen, die außerhalb der Realpolitik stehen und von einem reflexiven Hochsitz aus den derzeitigen Verhandlungspoker analysieren sollten. Um es vorwegzunehmen: Der Erkenntnisgewinn durch sie war sehr überschaubar.

Der Philosoph Bernhard Bueb attestierte der aktuellen Politikerklasse eine generelle Ehrlichkeitskrise, was als Vorwurf nicht besonders originell war. Noch unorgineller war nur noch sein Befund, mit einer Großen Koalition sei die Streitkultur am Ende. Buebs Wunschlösung: Eine Minderheitsregierung, "dann muss Merkel endlich sagen, was sie will."

Die Beiträge von Theo Waigel, dem Endlos-Finanzminister in der Endlos-Ära des ehemaligen Kanzlers Helmut Kohl, waren nicht eben ergiebiger. Der Bayer nahm in seiner Karriere an insgesamt fünf Koalitionsverhandlungen teil und präsentierte in der TV-Talkrunde als Schlüsselbegriffe für erfolgreiche Gespräche Vertrauen und Fairness. Immerhin hatte er noch ein aufschlussreiches Zitat des einstigen Kanzlers Konrad Adenauer parat. Der antwortete einmal auf die Frage, ob er schon mal gelogen habe: "Gelogen eigentlich nicht, geschwiegen manchmal." Damit war zum Thema Macht und Moral eigentlich das Wichtigste gesagt.

Blaupause für das Scheitern der Sondierung

Was die Sendung jedoch trotzdem interessant machte, war etwas anderes. Sie führte vor, wie sich Positionen im Laufe einer Stunde auseinander bewegen und verhärten können. Sie war, so gesehen, wie eine Blaupause für das Scheitern einer Sondierung. Kurz vor Schluss sagte Michael Jürgs, langjähriger stern-Chefredakteur, mit Blick auf Kraft und Altmaier: "Am Anfang dachte ich, wir hätten eine Große Koalition. Jetzt glaube ich, könnte es noch mal spannend werden."

Und in der Tat verdunkelte sich die zu Beginn durchaus freundliche Atmosphäre zwischen den politischen Kontrahenten zusehends. Hannelore Kraft, die als passionierte Doppelkopf-Spielerin gilt, sah sich mehr und mehr in die Defensive gedrängt und reagierte mit Trotz und Zuspitzung. Sie rückte mit der CDU kaum zu vereinbarende Programmpunkte wie die doppelte Staatsbürgerschaft oder die Abschaffung des Betreuungsgelds in den Vordergrund. Waigel goss noch weiteres Öl ins Feuer, als er mit dem Hinweis kam, 90 Prozent der Steuereinnahmen stammten von den zehn Prozent der Spitzenverdienern. Die solle man doch bitte nicht verprellen. Kraft schäumte.

Am Ende werden CDU und SPD allen Unkenrufen zum Trotz doch irgendwie zusammenkommen. Wie es jedoch auf keinen Fall etwas wird mit der Großen Koalition, zeigten sie bei Jauch.