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TV-Kritik "Günther Jauch": Kristina Schröders verpatzter Talk-Abend

Kinder gehen immer. Und deshalb sprach Günther Jauch über Kita-Plätze und andere Katastrophen. Leider waren seine Gäste mit dem Thema überfordert - besonders Familienministerin Schröder.

Von Sophie Lübbert

Es ist kein guter Abend für Kristina Schröder. Angespannt sitzt die Bundesfamilienministerin auf ihrem Stuhl, lächelt verkniffen und sagt wenig. Wenn sie sich doch mal kurz äußert, klingt sie unsicher, hektisch, nervös – ein bisschen so, als wäre Schröder aus Versehen in eine Prüfung geraten, von deren Stoff sie leider überhaupt keine Ahnung hat.

Dabei müsste das hier gerade eigentlich ihr großer Auftritt sein, denn TV-Talker Günther Jauch möchte mit Kristina Schröder über Familienpolitik in Deutschland reden. Konkret: über den Ausbau der Kindertagesstätten. Denn ab dem 1. August 2013 hat jedes Kind über einem Jahr einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kita-Platz. Das ist seit vielen Jahren bekannt. Aber es fehlen immer noch hunderttausende Plätze. "Kein Platz für Kinder – was wird aus dem Kita-Versprechen?" möchte Jauch daher von Ministerin Schröder wissen.

Schröder hat keine Antworten

Das Problem ist jedoch: Sie hat keine Antwort. Dafür aber etwas Anderes: jede Menge Phrasen. "Es wird sehr schwer", sagt sie, "das ist ein echter Kraftakt" oder "Es war allen klar, dass es richtig hart wird". Allen - außer ihr. Denn sie redet zwar viel davon, dass "der Bund da ein Programm" habe. Aber augenscheinlich weiß sie selbst nicht, was da genau drin steht. Man könnte mehr Erzieher von der Teil- in die Vollzeit bringen. Oder ein paar Tagesmütter einsetzen. Oder Kitas in Gewerbegebiete bauen. Einen perfekten Plan hat Schröder nicht, sie weiß nur eins ganz sicher: Die Kommunen sind schuld an der ganzen Misere. Alle – nur sie nicht!

Kraft zerlegt Schröder

Zu ihrem Unglück sitzt neben der Familienministerin eine Dame, die das völlig anders sieht. "Die Städte sind sehr kreativ", sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Und dann zerlegt sie in wenigen Worten all das, was Schröder vorher gesagt hat. Die Statistiken seien zu niedrig angesetzt, wegen der sich wandelnden Gesellschaft gebe es einen noch viel höheren Bedarf an Kita-Plätzen als angenommen, und überhaupt: das blöde Betreuungsgeld!

Spätestens jetzt ist klar: Mit Kraft und Schröder haben sich die zwei Haupt-Kontrahentinnen des Abends gefunden. Beide fallen sich ins Wort, übertönen einander, tun sich selbst leid. "Ich bin zehn Wochen nach der Geburt schon wieder ins Büro gegangen", legt Schröder vor. "Ich bin überhaupt nur in die Politik gegangen, weil mein Sohn keinen Kita-Platz bekommen hat", trumpft Kraft auf. Eine Lösung für das drohende Kita-Desaster haben aber beide nicht zu bieten.

Blüm, die Familie und die Rente

Dafür gibt es ja noch Jauchs andere Gäste. Die haben zwar auch keine Idee, aber sie sind wenigstens frei von Parteipolitik-Plänkelei. Zuerst ist da der Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Er fordert mehr Erzieher und bessere Bedingungen für die Kinder-Betreuung insgesamt: "Hier wird Schindluder mit den Kleinsten getrieben". Stimmt, um die geht es ja. Bei dem politischen Gezänk von Schröder und Kraft hatte man das zu diesem Zeitpunkt fast schon vergessen.

Fast vergessen hatte man auch die Existenz von Ex-Sozialminister Norbert Blüm. Um dem entgegen zu wirken, ist er heute ebenfalls in der Runde dabei. Leider hat er sich für die Rolle des leicht senilen alten Großvaters entschieden. Er erzählt davon, wie schön Familie generell sei: "Ich möchte in einer Welt leben, in der es Eltern gibt". Ab und zu streut er noch sein Stichwort "Rente" mit ein, aber das hilft den unbetreuten Kleinkindern auch nicht so richtig weiter.

Bliebe noch Simin Compani, eine Erzieherin aus Frankfurt am Main. Sie kennt die Situation aus erster Hand. Zu viele Bewerber auf zu wenige Plätze, schlechtes Ansehen und miese Bezahlung der Erzieher, kaum Aussicht auf Besserung – was sie berichtet, klingt schlimm. Compani ist eine energische Frau; sie redet laut und selbstbewusst, sie lässt sich nicht einschüchtern. Und dann stellt sie die alles entscheidende Frage: "Wie kann es sein, dass ein Versprechen ausgesprochen wird und dann nicht klappt?".

Kristina Schröder antwortet nicht darauf. Sie schaut weg und schweigt. Aber was soll sie auch machen? Es gibt nichts mehr zu sagen, wenn man bei einer Prüfung durchgefallen ist.