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Pro und Contra: Familienzeit, 32-Stunden-Woche, alles nur für Eltern

Wäre die von Ministerin Schwesig erdachte Arbeitszeitverkürzung für Eltern sinnvoll? Ja, meint Susanne Baller, lasst es uns probieren. Nein, sagt Annette Berger, das ist teurer Unsinn.

Schluss mit dem Schröder-Mist!

Schon im März 2013 hat Manuela Schwesig (SPD) ihre Idee der Familienzeit angekündigt, die eine Arbeitszeitreduktion auf 32 Wochenstunden vorsieht. Dass sie sie nun als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einfordert, ist nur konsequent. Denn eigentlich räumt Schwesig nur die Schäden auf, die Kristina Schröder (CDU) angerichtet hat. Ihre Vorgängerin, die Schwesig als "Totalausfall" bezeichnete, hat mit der Herdprämie und ihrem Nein zu einem verlängerten Mutterschutz ein Frauenbild gestärkt, das nicht ins 21. Jahrhundert passt: ultrakonservativ.
Schwesig dagegen argumentiert aus dem Hier und Jetzt. Frauen sollen nicht aus der Arbeitswelt gedrängt werden, nur weil sie Kinder bekommen. Im Gegenteil. Sie sollen arbeiten können und erhalten mit einer 32-Stunden-Woche die Chance, dennoch Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und da in Schwesigs Welt Frauen gleichberechtigt sind - sie war seit 2011 Gleichstellungsbeauftragte der SPD - soll die Familienzeit für Männer ebenfalls gelten. Der finanzielle Ausgleich kann Väter dazu ermutigen, nicht als Alleinverdiener dafür aufzukommen, dass Mama zu Hause bleiben kann.
Unsere Gesellschaft verändert sich, unsere Arbeit verändert sich, unser Familienleben verändert sich. Es wird Zeit, dass die Politik sich mitentwickelt. Rückwärtsgewandte Ideen, wie Schröder sie hervorbrachte, können auch nicht im Sinne der Wirtschaft sein. Innovative und zukunftsorientierte Unternehmen brauchen inspirierte Angestellte. Korsetts, die jungen Eltern die Entscheidungsfreiheit nehmen, wie sie die ersten Jahre mit Kind oder Kindern gestalten, schaffen aber das Gegenteil: übernächtigte Einzelkämpfer an Väter- und Mütter-Fronten.

Nicht gleich ablehnen

Warum probieren wir die Idee der SPD nicht einfach aus und gucken, wie es uns damit geht? Statt sie von vornherein zu verurteilen? Wenn's nicht läuft oder nicht den gewünschten Effekt hat, probiert man eben was Neues. Ist ja nicht das erste Mal.
Nicht alle Menschen können oder wollen Eltern werden. Aber ist die Familienzeit falsch, weil sie zum Teil aus Steuergeldern finanziert werden soll? Schwesig hat als gelernte Finanzbeamtin Erfahrung mit Staatsfinanzen, sie wird das schon gerecht hinkriegen. Und da sie auch Ministerin für Arbeit und Soziales ist, fällt ihr vielleicht auch noch ein attraktiver Anreiz für Menschen ohne Kinder ein.

Es ist genug, Frau Schwesig!

Was habe ich eigentlich falsch gemacht? Als kinderlose Angestellte zahle ich alles in allem etwa die Hälfte meines Bruttoverdienstes an den Staat. Der Auftakt der Großen Koalition brachte keine Entlastung: Im Gegenteil - die eigentlich per Gesetz vorgeschriebene Kürzung der Rentenbeiträge fiel aus. Und jetzt macht ein Regierungsmitglied einen weiteren Vorschlag, für den ich finanziell aufkommen soll: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) plädiert für die Reduzierung der Wochenarbeitszeit für Eltern auf 32 Stunden.
Wozu brauchen wir so etwas? Teilzeit gibt es in Deutschland schon - und sie ist zum Glück nicht daran gekoppelt, wie viele Kinder man dem deutschen Staat schenkt.

Laut Schwesig würde eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit für Eltern den Druck von Familien nehmen. Junge Mütter, so ihre Vorstellung, kehren nach der Geburt ihres Kindes teils gar nicht ins Berufsleben zurück. Sie könnten die Doppelbelastung, also Arbeit und Familie, nicht stemmen. Mit der 32-Stunden-Woche ginge das.
Eine merkwürdige Begründung: Wer, bitte, kann es sich leisten, nach der Geburt nicht mehr zu arbeiten? Und arbeiten nicht schon jetzt viele Eltern - zugeben, Mütter - Teilzeit?
Und wie sähe die 32-Stunden-Woche in der Praxis aus? Ich bin gespannt, ob die Große Koalition Arbeitgeber am Ende wirklich dazu verdonnert, Eltern diese Teilzeit zu garantieren. Schaut man sich an, wie der von der SPD geforderte Mindestlohn in den Koalitionsverhandlungen weichgespült wurde, bestehen Zweifel.
Apropos weichgespült. Schon jetzt heißt es aus der Regierung: Schwesigs Idee sei lediglich ein "persönlicher Debattenbeitrag".

Schlechte Lebensplanung?

Richtig in Rage bringt mich allerdings dieses krude Gesellschaftsbild, das mit Schwesigs Vorschlag transportiert wird. Im Grunde fußt es auf der Vorstellung, dass kinderlose Menschen ihr Leben schlecht geplant haben, nicht so leben, wie der Staat es gern hätte - und deshalb alle möglichen Familienförderungen finanzieren dürfen, seien sie nun sinnvoll oder nicht.
Dazu gehört auch, dass Schwesig davon ausgeht, dass Kinderlose ruhig mehr arbeiten können als ihre Kollegen mit Nachwuchs. Warum eigentlich? Weil die Freizeitgestaltung mit Kindern wertvoller ist als die ohne? Und sollen wir Kinderlosen dann die Mehrarbeit erledigen, während unsere Kollegen daheim mit Sohn oder Tochter spielen? Man ahnt - manchem Betriebsklima dürfte eine solche Regel abträglich sein.

So wird Deutschland nicht familienfreundlicher

Es geht hier nicht darum, gegen Familien zu polemisieren. Im Gegenteil. Es ist unstrittig, dass wir mehr Kinder brauchen - nicht nur wegen der Sozialkassen, die ja irgendwie gefüllt werden müssen. Es wäre einfach schön, wenn wir uns zu einem familienfreundlicheren Land entwickeln.
Und es ist auch unstrittig, dass Familien hierzulande besonders belastet werden. Aber das liegt nicht an einer fehlenden 32-Stunden-Woche für Eltern. Die Gründe sind teure Mieten, fehlende oder teure Kita-Plätze, zu wenig Ganztagsschulen und befristete sowie schlecht entlohnte Jobs, die keine langfristige Lebensplanung erlauben.
Und auch wenn Familien es schwer haben - sie werden hierzulande vielfach gefördert, mit Steuervorteilen, Kinder- oder Elterngeld. Dass das alles nicht ausreicht, Deutschland familienfreundlicher zu machen, liegt vielleicht daran, dass diese Instrumente zu wenig taugen. Die 32-Stunden-Woche für Eltern wäre ein weiterer winziger Baustein, der an der Gesamtlage wohl kaum etwas ändert. Und diesen möchte ihn nicht auch noch finanzieren.