HOME

TV-Kritik "Maybrit Illner": Tore statt Timoschenko

Sollen die deutschen Spieler bei der EM in der Ukraine mit orangefarbigen Armbinden auflaufen? Maybrit Illner kam in der Debatte zum Fall Timoschenko auf völlig abwegige Ideen. Oliver Pocher zeigte sich da deutlich treffsicherer.

Von Mark Stöhr

Berti Vogts hat in seinem Leben schon viele dämliche Sachen gesagt. Herausragend dämlich war aber sein Bekenntnis zum WM-Gastgeberland Argentinien 1978. "Argentinien ist ein Land", sagte der als übler Wadenbeißer bekannt gewordene ehemalige Abwehrspieler, "in dem Ordnung herrscht." Und er packte noch den legendären Satz drauf: "Ich habe keinen politischen Gefangenen gesehen." Die hatten komischerweise keinen Ausgang bekommen von der damals herrschenden Militärjunta, die vor der WM noch einmal gründlich durchgeputzt hatte. Spätestens seit diesem Spruch sollte für Fußballer die goldene Regel gelten: Pass ja, Politik nein. Doch die Republik befindet sich im Timoschenko-Waschgang.

Abertausende Regimekritiker sitzen weltweit in Haft, der warme Strom der Solidarisierung fließt zur Zeit aber nur auf eine zu: Julia Timoschenko, die Frau mit den blonden Zöpfen, das Gesicht der orangenen Revolution von 2004, die ehemalige ukrainische Regierungschefin. Manche sagen auch: Die knallharte Machtpolitikerin und Managerin, die mit allen Wassern gewaschen ist und der es immer mehr um sich geht als um ihr Land. Eine ziemlich dubiose Person also mit einem ausgeprägten Talent für PR und Pathos. Und wegen der sollen wir uns die Europameisterschaft vermiesen lassen?

Eine Geisterdebatte, die nach 30 Minuten durch ist

Es ist eine Geisterdebatte, die gerade stattfindet. Das führten Maybrit Illner und ihre Gäste gut vor. Nach einer halben Stunde waren sie mit dem Thema, über das alle reden, durch. Der CDU-Mann Wolfgang Bosbach hatte eingestanden, dass die Ukraine ein wohlfeiler Sparringpartner ist ("Bei jemandem, der viel Öl im Vorgarten hat, sind wir etwas vorsichtiger. Das nennt man Pragmatismus"). Man hatte festgestellt, dass gerade Wahlkampf ist und so leidenschaftliche Timoschenko-Fans wie die Röttgens oder Dörings ein bisschen Populismus gut gebrauchen können. Und man war darin übereingekommen, dass ein Sportboykott niemandem nützen würde.

Sogar die Liveschaltung zur Timoschenko-Tochter Jewgenia brachte nicht den erhofften Adrenalinschub. Sie schilderte in finsteren Farben, wie schlecht es ihrer Mutter geht ("Das Gesundheitsministerium will sie psychisch kaputtmachen") und wie sehr ihre Landsleute leiden ("Die Menschen leben in Angst, jeder wird verfolgt"). Doch irgendwie wurde man den Eindruck nicht los, dass hier etwas falsch ist. Dass man für etwas instrumentalisiert wird, das eine faule Unterseite hat. Maybrit Illner verschickte trotzdem eine Solidaritätsnote: "Millionen hier drücken ihrer Mutter die Daumen!"

Bloß: Ist das wirklich so? Ist die ganze Aufregung nicht nur eine Aufregung der Politik und der Medien? Sind 50 Prozent der Deutschen nicht lediglich deswegen für eine Verlegung der EM nach Deutschland, weil das weniger Rumreiserei und bessere Stadien bedeuten würde? Wenn es hochkommt, können sich einige noch mit Hans-Joachim Watzkes Position identifizieren, der rein humanitär und nicht politisch argumentierte: "Jedem steht eine korrekte medizinische Behandlung zu." Punkt, fertig, aus.

Maybritt Illner packt die Notreserve aus

Da waren noch 30 Sendeminuten zu füllen. Die Gastgeberin packte nun sagenhafte Quatsch-Hypothesen aus, die sie wahrscheinlich als absolute Notreserve unter ihrem Sitz deponiert hatte. Die DFB-Kicker könnten ja mit orangenen Armbinden auflaufen, halluzinierte sie. Oder genauso bescheuert: Sie könnten eine Banderole mit dem Timoschenko-Namenszug unter dem Trikot tragen und nach Spielschluss enthüllen. Das, belehrte sie Klaus Steinbach, ehemaliger Chef des Nationalen Olympischen Komitees, könne im schlimmsten Fall zur Disqualifikation durch die UEFA führen, woraufhin die Illner komplett durchdrehte: "Was wäre mehr wert, eine Disqualifikation oder der Titel?" Oliver Pocher gab die einzig mögliche Antwort: "Der Titel." Was für eine blöde Frage auch.

Pocher war überhaupt einer der Lichtblicke der Runde, auch wenn er die Diskussion fast schon aufreizend abgeklärt anging. Boykott der EM durch die Politiker? Beim Eishockey oder Handball ließen die sich ja auch nicht blicken, was hätten sie also beim Fußball zu suchen. Die Ukraine ein undemokratischer Staat? So was würde bei der Formel 1 in Bahrain oder beim Eurovision Song Contest in Aserbaidschan auch kaum jemanden jucken. Und auch zur Forderung Steinbachs, die deutschen Nationalspieler sollten in fünf Wochen vor Ort Stellung beziehen, hatte Pocher eine dezidierte Meinung: "Da freue ich mich schon auf die Pressekonferenz von Lukas Podolski." Vielleicht sollte sich der Noch-Kölner vorher mit Berti Vogts beraten.