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Päsidentenwahlen: Wladimir Selenski: Ein Komiker als Staatsoberhaupt für die Ukraine?

Wladimir Selenskis Traum vom Präsidentenamt scheint zum Greifen nahe. In der ersten Runde der ukrainischen Präsidentschaftswahl liegt der Komiker mit rund 30 Prozent vorn. Eine Stichwahl zwischen ihm und Amtsinhaber Petro Poroschenko steht bevor.


Im Fernsehen hat es Wladimir Selenski bereits zum Staatsoberhaupt geschafft. In der ukrainischen Comedyserie "Diener des Volkes" spielt er einen Lehrer, der plötzlich zum Präsidenten wird. Nun sieht es so aus als könnte "Wassilyj Holoborodko", wie Selenskis Serienfigur heißt, auch im echten Leben in den Kiewer Marienpalast einziehen. Selenski erhielt bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag mit 30,2 Prozent die Mehrheit der Stimmen, gefolgt von Amtsinhaber Petro Poroschenko mit 16,7 Prozent. Damit müssen die beiden in einer Stichwahl gegeneinander antreten. Selenski hatte schon in Umfragen vor der Wahl klar in Führung gelegen. Ob Selenski auch weiterhin sein Siegerlächeln aufsetzen darf, wird sich dann zur  Stichwahl zeigen, die für den 21. April geplant ist.

Der Wahlkampf zwischen dem Amtsinhaber und dem Komiker dürfte hart werden. Der 53-jährige Poroschenko warf Selenski am späten Wahlabend vor, ein Kandidat Russlands zu sein. Der politische Neuling Selenski betonte dagegen seine Unabhängigkeit und zeigte sich bereit für ein TV-Duell. Die frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko kommt laut Wahlkommission mit 13,7 Prozent auf Platz drei. Sie hatte nach der Veröffentlichung der Wahlprognosen am Sonntagabend das Ergebnis angezweifelt und von Manipulationen gesprochen.

So viele Kandidaten wie noch nie

Insgesamt hatten die rund 30 Millionen Wahlberechtigten in dem Krisenland 39 Kandidaten zur Auswahl. So viele Bewerber gab es noch nie bei einer Abstimmung über den mächtigsten Posten in dem Land. Für Skurrilität sorgte unter den weniger aussichtsreichen Kandidaten vor allem der Parlamentsabgeordnete Juri Timoschenko. Er musste im Wahlkampf immer wieder betonen, dass er nicht mit der Ex-Ministerpräsidentin mit dem gleichen Namen verwandt und sein Name daher kein Trick sei, um Stimmen von der namensverwandten Konkurrentin abzuringen. 

Wladimir Selenski: Jurist und Spaßmacher

Seine Karriere begann Selenski als Jurastudent in einer Humoristentruppe, mit der er mehrere Jahre in Moskau lebte. Anders als Poroschenko will Selenski auf Russland zugehen. Der Medienstar, der seit 2003 durch eine Samstagabendshow führt, kann sich einen russischsprachigen Fernsehkanal vorstellen und setzt sich überhaupt für Freiheit der Sprachwahl ein. Auch er steht für einen EU-Kurs. Einen Nato-Beitritt will er über ein Referendum ausloten lassen. Kritiker halten Selenski für eine Marionette des Oligarchen Igor Kolomoiski, in dessen Fernsehsender 1+1 seine Show läuft. Dagegen beteuerte der Schauspieler eindringlich, sein eigener Herr zu sein.

Russland: Poroschenko nur wegen Präsidentenbonus in Stichwahl

Ranghohe russische Politiker werten das schlechte Abschneiden von Staatschef Petro Poroschenko bei der Präsidentenwahl in der Ukraine als Protest gegen seine anti-russische Haltung. "Es ist der Beweis, dass die Politik des Präsidenten gescheitert ist", sagte der russische Außenpolitiker Leonid Sluzki der Nachrichtenagentur Tass zufolge am Montag. Weder Wahlmanipulationen, Sanktionen gegen Russland noch die Unterstützung des Westens hätten Poroschenko geholfen, sagte Sluzki, der den Außenausschuss im russischen Parlament leitet.

Poroschenkos Ziel ist ein EU- und Nato-Beitritt und eine totale Abkehr von Russland. Die schwer angeschlagene Beziehung zu Moskau war das zentrale Thema seines Wahlkampfes. Poroschenko betonte, mit allen Mitteln die von Russland einverleibte Schwarzmeerhalbinsel Krim und die abtrünnigen Gebiete Donezk und Luhansk im Osten zurückholen zu wollen. Poroschenko habe sich nur aufgrund seines Amtes überhaupt in den zweiten Wahlgang retten können, sagte Sluzki. Es sei ausgeschlossen, dass er die Stichwahl am 21. April mit dieser Taktik gewinne. 

Die von Russland unterstützten abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk im Kriegsgebiet Donbass nahmen nicht an der Abstimmung teil. Auch wurde russischen Wahlbeobachtern die Arbeit in der Ukraine verweigert. Man werde deshalb dem russischen Parlament empfehlen, die Wahl nicht anzuerkennen, sagte der Außenpolitiker Leonid Kalaschnikow.

np / AFP / DPA