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Vor der Wahl: Kein Wasser, kein Strom, keine Zukunft – eine Reise in den kriegsgeplagten Osten der Ukraine

Wenn die Ukraine am Wochenende wählt, leiden die Menschen im Osten der Ukraine weiter unter dem Krieg. Von der Welt vergessen, von Zerstörung heimgesucht: Eine Reise an die Front.

Ukraine: Eine Reise in den kriegsgeplagten Osten des Landes

Im Dorf Piski, in der Ukraine, bringt Iwan Burmistrow einer Nachbarin Trinkwasser. An der kaputten Haltestelle steht "Grosnyj", weil die Zerstörung an den Tschetschenienkrieg erinnert.

Rodions Weg nach Hause führt durch ein Minenfeld. Rechts Minen, links Minen, nur der schmale Feldweg in der Mitte des Ackers ist frei. Im vergangenen Juni wäre Rodion mit seinem Wagen dennoch beinahe auf eine Panzerabwehrmine gerollt, die im Dreck am Wegrand verborgen lag. Jetzt ruckelt sein Auto über die letzten Brocken Eis, die der Frühling übrig gelassen hat. Einen anderen Weg gibt es nicht nach Opytne. In das, was von diesem Dorf übrig blieb.

Rodion Lebedew besaß vor dem Krieg eine Autolackiererei, und alles, was er verdiente, steckte er in ein neues Haus, das groß genug sein sollte für seine Familie: seine Frau und seine drei Kinder. Als im Herbst 2014 die ersten Geschosse über seinen Hof flogen, weil die ukrainische Armee die Separatisten aufhalten wollte, hatte er gerade die letzten Möbel ins Schlafzimmer bringen lassen. Er weiß kaum noch, wie viele Einschlaglöcher er seither auf seinem Grundstück zählte. Sechs Geschosse landeten mitten im Haus.

"Vermutlich Selbstmord"

Der Krieg hat sich nicht wieder verabschiedet, weder aus dem Dorf noch aus Rodions Leben. Denn erstens gibt es in Opytne, diesem Vorort von Donezk, seit mehr als vier Jahren kein Wasser, kein Gas, keinen Strom, keinen Laden, keine Schule, keine Verwaltung, keine Polizei. Nur Menschen sind noch da, zwischen Schutt, hinter zerbeulten Toren, auf denen gepinselt steht: "Hier wohnen Leute!"

Und zweitens gibt der Krieg noch immer seine dumpfen Laute von sich. Mörser donnern, Minen schlagen ein, mal gedämpft, irgendwo in der Ferne. Und dann wieder nah. Wände beben, und die Teetassen zittern auf dem Tisch. Vor ein paar Tagen hörte Rodion am Morgen schwere Waffen, vielleicht die Artillerie. "Zu Beginn des Krieges sind wir noch in den Keller gerannt", sagt er. Das aber machen die meisten der 50 Bewohner von Opytne nicht mehr. Einige leben inzwischen im Keller, weil die Häuser zerstört sind.

Die blinde Jelena Parschina, 68, tastet sich aus ihrem Haus in Awdijiwka. 2017 wurde das Dach bei einem Angriff zerstört

Die blinde Jelena Parschina, 68, tastet sich aus ihrem Haus in Awdijiwka. 2017 wurde das Dach bei einem Angriff zerstört

Rodion steuert den Wagen in das Dorf hinein, vorbei an den Gerippen der Marmeladenfabrik, an zersplitterten Gewächshäusern, der Ruine, die früher einmal ein Kulturhaus war. Absurderweise heißt seine Straße Freundschaftsstraße; wie überall im Dorf ist hier kein Haus mehr ganz. In seinem ist noch ein Zimmer bewohnbar, beheizt mit Holz, der Strom stammt vom Generator. Das Eisentor ist von Kugeln durchsiebt.

Gerade ist Oma Marija zu Besuch, eine schmale alte Frau mit Kopftuch. Sie lebt allein, seit ihr Sohn bei dem Versuch ums Leben kam, während eines Schusswechsels eine Gasleitung mit Klebeband zu flicken. Wegen der Schießereien verscharrten sie ihn im Hof. 2015 war das. In den vergangenen Jahren starb im Dorf niemand mehr an Schüssen, nur daran, dass der Krankenwagen nicht in das Dorf fährt. Im vergangenen Sommer explodierte eine Granate in den Händen eines Nachbarn. "Aber das", sagt Rodion, "war vermutlich Selbstmord."

Sie harren im Chaos aus

Seit Jahren ist Rodion Abgeordneter im Dorfrat, jetzt koordiniert er zudem für die ukrainische Organisation Proliska die humanitäre Hilfe im Dorf und in Awdijiwka, dem Städtchen in der Nachbarschaft. Er ist der Einzige in Opytne, der ein Auto besitzt, also holt er Brot, Wasser, die Rente, Kerzen und Batterien und verteilt sie an die Nachbarn, die trotzig in diesem Chaos ausharren.

"Kontaktlinie" heißt die Grenze zwischen den Separatistengebieten und der Ukraine offiziell, vermutlich, weil das nach Frieden klingt. Die Bewohner sagen aber "Front" dazu, auch wenn sich diese seit 2015 quasi nicht mehr verschiebt. Die OSZE zählt nahezu täglich Hunderte von Verstößen gegen das Waffenstillstandsabkommen von Minsk, das im Februar 2015 unterzeichnet worden war. Allein im vergangenen Monat wurden nach Angaben von Proliska nur auf ukrainischer Seite 43 Häuser getroffen, drei Menschen verletzt. Längst haben sich die Schusswechsel zu einer Art Routine ausgewachsen, einem permanenten Kräftemessen auf beiden Seiten.

2,7 Millionen Menschen leben nach Schätzungen der UN an der 457 Kilometer langen Grenze, die Bewohner der Volksrepubliken Luhansk und Donezk mitgerechnet. 2,3 Millionen Menschen davon brauchen Hilfe, nur 1,3 Millionen bekamen sie im vergangenen Jahr. Dutzende Dörfer sind wie Opytne nur über Feldwege und Huckelpisten zu erreichen.

"Hier leben Menschen", steht auf dem Tor in Opytne. 50 Menschen harren in den Ruinen des Dorfes aus.

"Hier leben Menschen", steht auf dem Tor in Opytne. 50 Menschen harren in den Ruinen des Dorfes aus.

Von Kiew scheint das Gebiet wie vergessen. Die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine stehen bevor, doch hier im Donbass zeigen sich die Kandidaten erst gar nicht. Der Konflikt, in dem seit 2014 mehr als 10.000 Menschen starben, hat zwar internationale diplomatische Erdbeben ausgelöst. Denn Russland zettelte ihn an, unterstützt die Separatisten, die um Unabhängigkeit von Kiew kämpfen. Der größte Teil des Budgets des Gebietes stammt aus dem mächtigen Nachbarland, ohne Russlands Hilfe wäre es nicht ansatzweise lebensfähig.

Und doch scheint es, als könne den Donbass in Wirklichkeit niemand gebrauchen. Anfangs träumten viele Bewohner auf beiden Seiten der Grenze davon, von Russland annektiert zu werden wie vorher die ukrainische Halbinsel Krim. Doch von "Neu-Russland" redet in Moskau längst keiner mehr. Auch in Kiew brennt kaum jemand dafür, die Separatistengebiete wieder in die Ukraine zu integrieren, allein schon deshalb nicht, weil den Ukrainern dort Hass entgegenschlägt.

Trotz und Verzweiflung

Das Verhältnis zwischen Kiew und dem ukrainischen Teil des Donbass ist auch nicht harmonisch. Viele Bewohner fühlen sich von ihrer Hauptstadt ignoriert. "Für die Separatisten in den Volksrepubliken sind wir Verräter, weil wir in der Ukraine leben", glaubt Rodion. "Für die Ukrainer sind wir Separatisten, weil wir im Donbass leben."

Rodion zeigt sein Dorf. Stapft die Straße herunter, an den Ruinen vorbei. In einer wohnt Alexandr im Keller, in einer anderen schläft Sascha, Rentner und ehemaliger Elektriker, im Badezimmer. "Wir leben hier im Paradies!", spottet er. "In meinem Wohnzimmer habe ich sogar Aircondition!" Er zeigt auf das Loch im Dach. In seiner Freizeit liest er am winzigen Tisch in seiner Küche alte Gartenzeitungen zur Beruhigung.

Rodion Lebedew auf dem Bett seines Hauses. Nur ein Raum ist bewohnbar.

Rodion Lebedew auf dem Bett seines Hauses. Nur ein Raum ist bewohnbar.

Manche haben Opytne auch deshalb nicht verlassen, weil sie ihre Häuser schützen wollten. Zu Beginn des Krieges sahen Dorfbewohner, wie Uniformierte Dinge aus aufgegebenen Häusern schleppten. In den Höfen der Bewohner passen noch heute Kettenhunde auf. Aufgeben kommt auch für Rodion nicht infrage. "Ich glaube an die Zukunft von Opytne", sagt er trotzig. Die vergangenen Jahre haben ihn verändert, glaubt er. Aufbrausend sei er geworden. Manchmal wisse er kaum, wohin mit seiner Wut.

Heute hatte Rodion einen guten Tag, denn die Soldaten ließen ihn nach Piski, um dort Plastikplanen und Spanplatten abzuliefern. Am Vortag wurden dort drei Häuser von Minenwerfern getroffen. Das Dorf ist ein anderer Vorort von Donezk und wurde durch die Nachbarschaft zum Donezker Flughafen zu einer Art Hotspot des Krieges. Gekämpft wird selbst jetzt, obwohl es gar nichts mehr zu erobern gibt außer Schutt. Piski darf ohne Erlaubnis des Militärs nicht betreten werden, und doch leben dort immer noch ein Dutzend Menschen, in einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung. Iwan zum Beispiel.

"Einzelhaft"

Iwan Burmistrow hat kein besonders gutes Verhältnis zu den Soldaten, die überall im Dorf in den zerschossenen Bauernkaten stationiert sind. "Der hat mal für die Russen gekämpft", sagen die voller Verachtung über ihn. Wie sie auf diese Idee kommen, ist nicht klar. Vielleicht, weil er für die ukrainische Politik keine freundlichen Worte parat hat. "Mit Scheiße kenne ich mich nicht aus", sagt er. Das ist sein Kommentar zu den Wahlen.

Iwan ist groß und kräftig und arbeitete früher in einer Chemiefabrik in Donezk. Das Haus baute er einst mit seinem Vater. "Es hat achtunddreißigtausend Steine", sagt er. "Das weiß ich, weil ich jeden einzelnen von ihnen in der Hand hatte." Er sieht nicht ein, es zu verlassen, bloß weil der Krieg sein Heimatdorf in einen gigantischen Schießstand verwandelte. "Die Soldaten arbeiten hier doch auf beiden Seiten nur ihre Gehälter ab", sagt er. Immerhin werde das Feuerholz nicht knapp, spottet er: "Donezk schießt es mir direkt vor die Füße." Er zeigt ein paar abgebrochene Bäume in seinem Hof.

Vor allem Alte drängeln sich in den Schlangen am Grenzübergang bei Luhansk. Sie wollen in der Ukraine ihre Rente abheben.  

Vor allem Alte drängeln sich in den Schlangen am Grenzübergang bei Luhansk. Sie wollen in der Ukraine ihre Rente abheben.  

Ein Jahr lang harrte auch seine Familie mit ihm aus. War es ruhig, zog sein kleiner Sohn, damals sieben Jahre alt, zu den Soldaten vom Bataillon Rechter Sektor, um mit ihnen Zeichentrickfilme zu gucken. Mittlerweile leben Sohn und Frau im Nachbardorf Perwomajskij, wo die Lage zwar trostlos, aber sicher ist.

Iwan kümmert sich außerdem ein bisschen um Oma Sonja, die 80 Jahre alt ist und sich immer unter dem Bett versteckt, sobald geschossen wird. Sie lebt mit ihrem kranken Sohn, drei Hühnern und einem halben Dutzend Katzen in einer Hütte voller Müll. Ihr eigenes Haus ist kaputt. Manchmal weint sie, weil sie so einsam ist. "Ich lebe hier wie in Einzelhaft", sagt sie.

"Ukraine-Analysen"

Die anderen Nachbarn können sie nicht besuchen, weil sie so weit weg wohnen. Wegen der plötzlichen Schießereien trauen sie sich kaum vor die Tür. Eine Hilfsorganisation bringt Trinkwasser, das Rote Kreuz Kleider und Lebensmittel. Zweimal im Monat fährt sie ein Bus des Roten Kreuzes in den nächstgrößeren Ort. Besonders wohl fühlen sie sich auch dort nicht. "Ich komme mir vor wie eine Wilde aus dem Wald", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht sagen will. Sie würde gern Angela Merkel nach Piski einladen. "Irgendjemand muss doch diesen Krieg abstellen!", ruft sie. "Diesen Wahnsinn!"

Viele ehemalige Bewohner von Piski beneiden Iwan: Weil er es schaffte, sich an seinem Haus festzuklammern. Die anderen packten die Taschen und sahen ihre Höfe danach nicht wieder. Auch heute dürfen sie nur mit Sondergenehmigung zurück. Dutzende Bewohner von Piski ließen sich sogar mit Zetteln in der Hand fotografieren. "Wir wollen nach Hause", steht darauf. Vermutlich, weil ihnen ein Neuanfang in Trümmern immer noch einfacher scheint als ein Neuanfang im Nichts.

Eine alte Frau mit Gehbeschwerden lässt sich in einem improvisierten Schlitten über die Grenze schieben

Eine alte Frau mit Gehbeschwerden lässt sich in einem improvisierten Schlitten über die Grenze schieben

Es ist dabei nicht so, dass der Krieg das gesamte Land verwüstet hätte. Allerdings ist das Leben überall an der Grenze völlig aus den Fugen geraten. Viele Kohleschächte sind geflutet, die meisten Fabriken stehen still. Wer früher in den Vororten von Donezk oder Luhansk lebte, pendelte in die Städte – und ist inzwischen arbeitslos. Viele Rentner unterstützen ihre erwachsenen Kinder, nicht umgekehrt.

In der Region Luhansk, schon vor dem Krieg als "Rostgürtel" verspottet, sanken die Industrieexporte auf gerade einmal sechs Prozent des Vorkriegsniveaus. Das neue Symbol für den Niedergang der Schwerindustrie im Donbass seien schrottbeladene Laster, heißt es in den "Ukraine-Analysen" der Universität Bremen: weil die Anlagen in Einzelteile zerlegt und als Schrott verkauft werden. Pläne für eine wirtschaftliche Neuausrichtung der Region Luhansk gibt es nicht.

Der Schmuggel blüht

Wie zerrüttet das Leben ist, lässt sich besonders gut in Werchnetorezke besichtigen, einem Ort nördlich von Donezk. Er gehört fast vollständig zur Ukraine – nur zwei Straßen sind Teil des Separatistengebiets. Die Behörden auf beiden Seiten richteten deshalb einen speziellen Grenzübergang ein, nur für die Bewohner, die in diesem Dorf gemeldet sind.

Das nutzten als Erstes Geschäftsleute aus. Da Lebensmittel in der Ukraine billiger als in den Separatistengebieten sind, wo mit russischen Rubeln bezahlt wird, registrierten schon bald 40 Lebensmittelgroßhändler ihre Niederlassungen in drei ukrainischen Straßen. Mehrere Lastwagen karrten jeden Tag Lebensmittel über die Grenze. Von dem blühenden Schmuggel profitierten offenbar die Grenzschützer auf beiden Seiten. 2017 rückten dann Beamte aus Kiew an, um das Chaos einzustellen.

Anja, 4, hört täglich Schüsse. "Männer vertreiben den bösen Riesen", sagt sie dann.

Anja, 4, hört täglich Schüsse. "Männer vertreiben den bösen Riesen", sagt sie dann.

Für die Bewohner ist die Grenze trotz des Übergangs eine Katastrophe. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad hasten die Leute zwischen Kontrollposten und drei Kilometern Niemandsland hin und her, Lehrerinnen, die im Separatistengebiet leben, in der Ukraine arbeiten und umgekehrt. Oleg, ein ehemaliger Schlosser, der jenseits der Grenze lebt, aber seine bettlägerige Mutter in der Ukraine pflegt. Zum Weihnachtsfest zog Familie Petscher ihre gelähmte Tochter im Schlitten zu der Großmutter in der Steppenstraße im Separatistengebiet.

Abends ist es stockdunkel im Dorf: Weil die Front durch den Ort verläuft, verhängen die meisten Bewohner immer noch die Fenster. "Wir haben immer Angst", sagt eine Frau, die den Übergang täglich mit dem Fahrrad passiert. Ihre Nachbarin musste sich im Dezember in den Schnee werfen, weil sie in einen Schusswechsel geraten war.

Von außen scheint es so, als zerschneide die Grenze das Gebiet auch ideologisch. Als lebten alle Gegner der Ukraine in den Separatistengebieten, ihre Anhänger in der Ukraine. Die Wirklichkeit ist einfacher und komplizierter gleichzeitig: Jeder wohnt dort, wo ihm das Überleben gerade am einfachsten erscheint.

Schlangen an Kontrollpunkten

Ein besonderes Problem sind überall die Grenzübergänge. Im Luhansker Gebiet gibt es nur einen. 12.000 Menschen quetschen sich täglich in den langen Schlangen, die meisten von ihnen Rentner. Da Russland in den Separatistenrepubliken keine Renten, sondern nur geringe Entschädigungen von etwa 30 Euro zahlt, registrieren sich die meisten auch in der Ukraine, um dort ebenfalls ihre Altersbezüge zu erhalten. Dazu müssen sie allerdings alle zwei Monate persönlich die Grenze überqueren, ein qualvoller, demütigender Gang.

Anatolij Malenik wäscht sich vor seiner Datscha in Staniza Luhanska. Gegen die Kälte dämmte er das Sommerhaus mit Schilf.

Anatolij Malenik wäscht sich vor seiner Datscha in Staniza Luhanska. Gegen die Kälte dämmte er das Sommerhaus mit Schilf.

Die meisten starten schon nachts und schaffen die Behördengänge dennoch nicht an einem Tag. Immer wieder fallen Menschen in der Kälte in Ohnmacht. Zehn starben seit Beginn des Winters in den Schlangen an den Kontrollpunkten.

Diese chaotische Rentenregelung hat neuen Hass ausgelöst. Die Menschen auf der ukrainischen Seite halten die Besucher aus den Separatistengebieten für privilegiert: weil die zweimal kassieren. Sie bemühen sich deshalb, von den einrückenden Alten maximal zu profitieren. Der ganze Ort Staniza Luhanska, so scheint es, lebt inzwischen von ihnen. Die Bewohner lassen die Rentner für Geld in ihren Häusern übernachten, fahren sie im Ort herum oder bieten an, sie auf umgebauten Schlitten über den Grenzübergang zu karren.

Der Rentner Anatolij Malenik, 69, hat deshalb beschlossen, auf die demütigende Prozedur zu verzichten. Er siedelte sich in seinem Sommerhaus im Vorort an, der zur Ukraine gehört. Seine Frau lebt derweil bei den Separatisten in der Wohnung in Luhansk. "So passen wir auf beides auf", sagt er.

Im Dorf Krimske verteilen Helfer Brot. Der Ort ist nur schwer zu erreichen – an der Hauptstraße wird gekämpft.

Im Dorf Krimske verteilen Helfer Brot. Der Ort ist nur schwer zu erreichen – an der Hauptstraße wird gekämpft.

Besonders komfortabel ist das Haus allerdings nicht. Um es gegen die Kälte zu dämmen, stopfte er von außen Schilf unter eine Plastikplane. Innen hat gerade ein Bett Platz. Anatolij hat es selbst gezimmert. Abends kommt er sich darin wie in einem U-Boot vor, so eng ist es. Tritt er nach draußen, fühlt er sich wie in der Unendlichkeit des Kosmos. In der Datschensiedlung gibt es nämlich kaum Licht.

Würde

Tags humpelt er im Garten umher, zieht Wasser aus dem Brunnen oder bereitet in der Sommerküche sein Essen, in Stiefeln und Daunenjacke. Früher arbeitete er einmal als Ingenieur in der Metallurgie. Auf dem Ofen liegt ein altes Lehrbuch, das er eigentlich verfeuern wollte. Dann tat es ihm doch leid. "In meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht vorstellen können, in meinem Alter so zu leben", sagt er. Damit meint er nicht nur die Armut. "Ich habe inzwischen vergessen, was das Wort Würde bedeutet."

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