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TV-Kritik "Wetten, dass..?" Zungenküsse und Jodeldiplom


Knickerbocker, Dirndl, Gabalier und Silbereisen - "Wetten, dass..?" erfindet sich als Volksshow neu. Da überlässt sogar Miley Cyrus den anderen das Lecken. Und Lanz? Fiel kaum auf.
Von Ingo Scheel

Wer gegen 23.05 Uhr ins ZDF schaltete, wird verwundert einen zweiten Blick auf die Fernbedienung geworfen haben. Nein, das hier war nicht "Kalkofes Mattscheibe", es handelte sich um Armin Rohde im Dirndl und Diana Amft in Knickerbockern. "Im Weißen Rössl" schmetterten die beiden und machten die übliche Promo für ihren neuen Film. Wer länger im ZDF geweilt hatte, wusste: Das hier ist "Wetten, dass..?", diesmal aus Halle an der Saale. Zweite Ausgabe nach der Sommerpause, ein weiterer Versuch, den Samstagabend-Dampfer mit neuem Käptn wieder flottzukriegen. Und diesmal mit einem ausgefuchsten Plan: "Volksshow" wird auf dem Flipchart im Redaktions-Konfi gestanden haben.

Geplant, getan - so volkstümlich hat man "Wetten, dass..?" wohl selten über die Rampe gebracht. Vergessen sind die Eiswürfel an Gerard Butlers Testikeln, Schnee von gestern auch Tom Hanks' Hasenohren, stattdessen Volks-Rock'n'Roller Andreas Gabalier, Volksmoderator Florian Silbereisen, Volkssportler Lukas Podolski, Promo für Paukerfilme, selbst das olle "Weiße Rössl" feierte noch einmal fröhliche Urständ.

Miley lässt das Twerken sein

Selten war das ZDF so nah an der Zielgruppe. Mit den Dritten sieht man besser. Da vergaß sogar Miley Cyrus, am Lanz zu lecken. Kein Twerken, kein Züngeln. Das übernahmen schließlich Maggy und Christian mit ihrer Wette, bei denen er mittels Zungenkuss die von ihr benutzte Zahnpasta erkennen musste.

Die Kamera hielt bei diesem oralen Flüssigkeitsaustausch so voll drauf, da geriet sogar der Träger des tiefsten Dekolletées des Abends, Schauspieler Elyas M'Barek, kurz aus der Fassung, und der war immerhin schon mal mit Sofa-Gast Barbara Mayer "auf der Wiesn zum Saufen". Überhaupt M'Barek: Der machte Werbung für seine Lehrerklamotte "Fack ju Göhte" und hatte bei den Hallensern aus dem Stand Sympathiewerte noch unterhalb von Götz George dereinst. Hände in den Taschen, Haare richten beim Blick auf den Monitor, Lästern über Kanakenrollen - Fack ju, Sympathiewerte. "Ich habe sehr viele Freundinnen", so der "orientalische Kleinkriminelle". An diesem Abend dürfte kaum eine dazugekommen sein.

Obelix im Dirndl

Als showerprobtes Schlachtross entpuppte sich einmal mehr Céline Dion. Die Sängerin ("My Heart will go on") weiß, wie es sich anfühlt, wenn Dickschiffe sinken und es schien, als wolle sie alles dafür tun, damit "Wetten, dass.."“ dieses Schicksal nicht ereilt: Sie jodelte euphorisch und gurgelte mit Wasser. Sie machte dem Gabalier Komplimente, die fast glaubhaft klangen. Küsste Kinder, beklatschte diffuse Filmtrailer und verlor nicht einmal die Fassung, als Poldi "superjeile Zick" anstimmte. Wenn man weiß, dass Céline Dion ihren Sohn auf den Namen Ray Charles getauft hat, ahnt man, wie gut es um ihren Humor bestellt ist.

Besser aufs Sofa als die Kanadierin passte nur noch Armin Rohde. Und das im wörtlichen Sinne. Optisch scheint sich der Volksschauspieler auf eine Rolle als Obelix vorzubereiten, entsprechend gemächlich sein Gestus. Seine Halbsätze endeten im Nichts und wenn Lanz ihn einmal überraschend ansprach, schien es, als hätte Filmpartnerin Amft ihn mit einem Zwicken erst aufwecken müssen. Etwas lebendiger wurde "Bierchen" erst am Ende der Show, als er zum wiederholten Male in die Rolle des Wetten-dass-Kaspers schlüpfte. Nach einstigem Nacktarsch-Auftritt und Sumo-Geturne diesmal also Crossdressing. Rohde im Dirndl - wer bis dahin durchgehalten hatte, verfügt eh über genug Hornhaut.

Genscher und die Lunge

So bodenständig wie das Rahmenprogramm sind auch die Wetten: Johannes, der spätere Wettkönig, kannte alle Bundesliga-Ergebnisse samt Torschützen der letzten zehn Jahre. Hanna und Christoph konnten Gabalier-Songs an den Geräuschen der Quetschkommode erkennen, die Kumpels Rolf und Harald servierten einen Mix aus "Transformers" und Werner-Comic: Socken aufhängen mit dem Bagger. Drei Knickerbocker-Jungs sägten ein Fahrrad aus einem Baumstamm und ein alter Bekannter nahm kurz vorm 60. Geburtstag offiziell Abschied von der ZDF-Show: Jakob Schwitter war schon zum fünften Mal dabei. Sein Fachgebiet: Blasen. Aufblasen. Wärmflaschen. Reifen. Gartenschläuche. Der Mann mit der Frisur von Vincent Raven pumpte diesmal nur mit der Kraft seiner Lungen einen Formel-3-Wagen zum Reifenwechsel in die Höhe.

Bei so vielen Wiederauflagen ging dann jedoch sogar dem gemeinen ZDF-Zuschauer die Puste aus. Köbi, die Lunge, landete nur auf dem vierten Platz. Als Stadtwette bauten die Hallenser den legendären gelben Pulli des berühmten Sohnes ihrer Stadt, Hans-Dietrich Genscher, nach. Die FDP in der Primetime - das kennt man gar nicht mehr.

Lanz entdeckt das Zuhören

Und Markus Lanz? Der hatte auf die Bremse getreten und versuchte, sich irgendwie ins Geschehen einzureihen. Kein Limbotanz, keine verstörten Hollywood-Stars, stattdessen reduzierte Ansagen, sporadisches Aufflackern von Empathie, Blutdruck im soliden Bereich. Zuweilen hatte man fast das Gefühl, Lanz hört seinen Gästen zu.

Der niedrigere Hollywood-Faktor, den hier nun wohliges "Man kennt sich"-Gefühl, irgendwo zwischen Lichtprobe für den Eurovision Song Contest und ZDF-Fernsehgarten, ersetzte, tat dem Lanz gut. Vielleicht ist genau das die Stoßrichtung: Weg von den Big Names. Auf unserer Seite des Rasens ist es doch auch schön grün. Dann geht "Wetten, dass..?" vielleicht schon bald als kultiger Retro-Rummel durch. Wobei: Diesmal haben nur 6,55 Millionen Zuschauer durchgehalten - ein historischer Tiefstand.

Macht nix. Zwischendurch reimte Lanz völlig losgelöst: "Am Himmel ziehen die Wolken, die Kühe werden gemolken." Das hätte auch Gottschalk nicht besser hingekriegt.


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