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TV-Kritik

Anne Will zum Fall Yücel: Freigelassen, aber nicht freigesprochen

Das Schicksal von Deniz Yücel war auch Thema bei "Anne Will". Aber statt dem Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner das Feld zu überlassen, spekulierten am Ende andere über mögliche Deals zwischen Deutschland und der Türkei.

Von Andrea Zschocher

Anne Will (r.) mit "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt (v.l.n.r.), Aktivist Peter Steudtner und CDU-Politiker Norbert Röttgen

Anne Will (r.), hier mit "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt (v.l.n.r.), Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner und dem CDU-Politiker Norbert Röttgen, diskutierte in ihrer Talkshow die Frage: Deniz Yücel ist frei - was bedeutet das für das Verhältnis Deutschlands zur Türkei?"

DPA

Und wieder hat Anne Will eine Chance vertan. Denn statt vor allem ihren Gast Peter Steudtner zu Wort kommen zu lassen, einen Menschenrechtsaktivisten, der, wie Deniz Yücel, in der Türkei inhaftiert war, durften am Ende doch wieder die Politiker die immer gleichen Phrasen dreschen.

Obwohl, so ganz stimmt das nicht. Auch der Chefredakteur der Zeitung "Die Welt", Ulf Poschardt, kam zu Wort. Sein Lobgesang auf Yücel war nur irgendwie nicht zielführend. Es steht ja außer Frage, dass die Inhaftierung des Journalisten und seine neunmonatige Einzelhaft unmenschlich und falsch waren, dass jeder der 367 Tage, die Yücel eingesperrt war, ein Tag zu viel war.

Will selbst gab ein enttäuscht wirkendes Statement ab, dass man Deniz Yücel selbstverständlich auch eingeladen habe, er aber absagte, weil er die Freiheit mit seiner Frau und Freunden genießen wolle. Poschardt war dann wohl als Ersatz eingeladen, bot aber wenig Informatives, außer den widerkehrenden Hinweisen, was für ein besonderer Mensch und Journalist Yücel sei. Vielleicht sind diese Betonungen auch den letzten Tagen geschuldet, in denen in den sozialen Netzwerken immer wieder Stimmung gegen Yücel gemacht wurde. Nur: Diese Überbetonung, beinahe Heiligsprechung eines Kollegen, die wird bei den Kritikern sicher auch kein Umdenken bewirken.

Frei aber in der Freiheit beschränkt

Das hätte Steudtner sicher besser gekonnt. Der Menschenrechtsaktivist wurde am 18. Juli 2017 während eines Workshops in der Türkei festgenommen und saß dreieinhalb Monate ohne Anklageschrift im Gefängnis. Er wurde, wie nun auch Yücel, überraschend freigelassen. "Ich fühle mich ganz klar frei, aber in dieser Freiheit ganz klar beschränkt. Ich bin freigelassen, aber nicht freigesprochen." Und das gilt nicht nur für ihn, sondern auch für den Korrespondenten der "Welt".

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Yücel selbst hatte Steudtner im Gefängnis Mut gemacht, ihm aufmunternd zugerufen, dass er es "bald geschafft" hätte. Fragen, wie es für Steudtner weitergeht, wie er mit der freien Unfreiheit umgeht, die stellte Will nicht. Stattdessen wünschte sie, dass ihre Gäste Mutmaßungen darüber anstellen, ob und in welcher Form es geheime Absprachen zwischen der Türkei und Deutschland gab, die die Freilassung Yücels beschleunigten.

CDU-Politiker Norbert Röttgen hatte eine ganz andere Erklärung, wieso der Journalist freigelassen wurde. Er sei schlicht zu bekannt gewesen, "der Fall war so gravierend geworden". Gleichzeitig sollte die medial begleitete Freilassung Yücels die Verurteilung von sechs türkischen Journalisten zu lebenslanger Haft unter erschwerten Bedingungen überdecken.

Fragwürdig ist aber auch: Es sind noch fünf weitere deutsche Journalisten in Haft. Deren Namen sind jedoch nicht bekannt. Wenn, wie Röttgen sagte, mediale Aufmerksamkeit die politischen Kosten sind, die eine Freilassung begünstigen, warum wird nicht mehr für die Inhaftierten unternommen? Warum sind deren Namen nicht bekannt, warum gibt es keine #free Hashtags mit ihren Namen, wie es bei #freedeniz der Fall war?

Absprachen oder Zugeständnisse?

"Es gibt keinerlei Absprachen und keinerlei Zugeständnisse" vonseiten der Bundesregierung an die Türkei, erklärte Michael Roth (SPD), der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Deutschland sei wieder offen für Gespräche, aber für die Freilassung Yücels wurden keine Waffen- oder Panzerlieferungen zugesagt.

So ganz glaubte das Sevim Dağdelen (Die Linke) nicht. Sie geht davon aus, dass es eine Art Deal gibt, bei der nicht haarklein festgehalten wurde, welche Hilfe die Türkei von Deutschland erwarten könne, aber doch eine Zusicherung, die Unterstützung signalisiert. Auch Steudtner kann sich "sehr wohl vorstellen", dass es Waffendeals gibt, die er als verantwortungslos verurteilte. Aus seiner Sicht gehört der "Waffenhandel insgesamt abgeschafft", eine Aussage, für die er spontan viel Applaus vom Publikum kassierte.

SPD-Mann Roth betonte mehrfach, dass es keine Deals geben würde. Yücel selbst hatte in einem Interview Anfang des Jahres abgelehnt, dass seine Freilassung irgendwelche Deals zur Folge hatte. Lapidar kommentierte Dağdelen dies mit dem Hinweis: "Er ist nicht der, der dort entscheidet". Und das stimmt natürlich, Yücel ist nach 367 Tagen aus der Haft entlassen worden und genießt die ersten Tage in Freiheit. Wie hoch der Preis dafür ist, das werden die kommenden Monate zeigen.

Und wie für Steudtner gilt auch für Deniz Yücel: Die Freilassung bedeutet noch nicht die Freiheit. Beide werden aller Voraussicht nach in der Zukunft aufgefordert, vor einem türkischen Gericht zu erscheinen und sich der Anklage zu stellen. Im Fall von Yücel fordert das türkische Gericht eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren.

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