VG-Wort Pixel

"Reporter ohne Grenzen" "Die Freilassung von Deniz Yücel ist genauso willkürlich wie seine Inhaftierung"

Deniz Yücel umarmt nach seiner Freilassung seine Frau
Die Türkei lässt den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel frei. Seit der Inhaftierung hatten Menschen unter dem Hashtag #freedeniz in sozialen Netzwerken die Freilassung des Türkei-Korrespondenten der "Welt" gefordert. Nach der Nachricht von Yücels Freilassung brach Jubel los. Erste Reaktionen:

"Ich freue mich sehr über diese Entscheidung der türkischen Justiz.
Und noch mehr freue ich mich für Deniz Yücel und seine Familie. Das ist ein guter Tag für uns alle."

(Sigmar Gabriel (SPD), Bundesminister des Auswärtigen)

"FREE Deniz ! Endlich !"

(Kanzleramtsminister Peter Altmaier bei Twitter)

"Ich freue mich sehr über die guten Nachrichten zu Deniz Yücel, viel zu lange mussten wir darauf warten. Doch wir werden nicht vergessen und uns weiter dafür einsetzen, dass auch alle anderen zu Unrecht inhaftierten Deutschen in der Türkei so schnell wie möglich wieder in Freiheit sein werden."

(Andrea Nahles, Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag)

"Das ist eine großartige und überfällige Nachricht. Jeder Tag, den Deniz Yücel im Gefängnis verbracht hat, war einer zu viel. (...) Wir werden weiter alles dafür tun, dass alle in der Türkei zu Unrecht inhaftierten Deutschen so schnell wie möglich freigelassen werden."

(Heiko Maas (SPD), Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, in einer Mitteilung)

"Nach einem Jahr eine befreiende Nachricht... nach Deniz Yücel dürfen wir die anderen politisch Inhaftierten in der Türkei nicht vergessen."

(Der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Lindner, bei Twitter)

"Das ist eine gute Nachricht und ein Grund zur Freude:Deniz #Yücel kommt frei. Er hat 1 Jahr Haft erlitten, weil er von der Presse- und Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat. Das ist eine Schande. Deshalb müssen jetzt auch die anderen Journalisten aus der Haft entlassen werden."

(Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann bei Twitter)

"Was für eine schöne, erleichternde Nachricht! Ich danke allen, die sich für Deniz Yücels Freilassung im Laufe des letzten Jahres (!) eingesetzt haben!"

(Aydan Özguz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung)

"Eine der besten Nachrichten seit langem und wo gibt: Herzlich Willkommen in der Freiheit."

(Der Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne) bei Twitter)

"Einziges Verbrechen: sie machen ihren Job. Wir dürfen sie nicht vergessen!"

(Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter der Grünen, bei Twitter über weitere inhaftierte Journalisten in der Türkei)

"Ein guter Tag für ihn und seine Familie. Der Einsatz für Rechtsstaatlichkeit in der Türkei muss weitergehen, weil viele noch inhaftiert sind."

(Thorsten Schäfer-Gümbel, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, bei Twitter)

"Endlich mal eine gute Eilmeldung. Große Freude & Erleichterung."

(Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag)

"Die nächsten Stunden und Tage werden Klarheit darüber bringen, wie es weitergeht. Wir hoffen, dass Deniz Yücel schon in Kürze nach Deutschland wird zurückkehren können. (...) Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich für sämtliche unschuldig Inhaftierte in der Türkei einsetzt."

(Gemeinsame Mitteilung der Vorsitzenden der Grünen-Fraktion im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter)

"Beste Nachricht des Tages: Deniz Yücel ist wieder frei.
Solidaritätskampagne mit den inhaftierten Journalisten in der Türkei muss aber weitergehen!"

(Bernd Riexinger, Vorsitzender Die Linke, bei Twitter)

"Deniz Yücel endlich wieder frei! Stolz hat er die Demütigung der Haft ertragen. Meine Hochachtung! Wünsche ihm viel Kraft, sein kritischer Geist wird gebraucht - in der Türkei sicher, aber auch bei uns."

(Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, bei Twitter)

"Ich möchte allen danken, die mit unermüdlicher Energie für ihn da waren und sich für seine Freilassung stark gemacht haben - seinen Kollegen, seinen Freunden, der Bundesregierung und dort vor allem Sigmar Gabriel."

(Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in einer Mitteilung)

"beste nachricht wo gibt. der newsroom jubelt. danke an alle unterstützer und vor allem den fantastischen anwalt veysel ok. und den außenminister."

(Ulf Poschardt, Chefredakteur "Die Welt", bei Twitter) 
Mehr
Ein Jahr und zwei Tage saß der "Welt"-Journalist Deniz Yücel in Haft. Die Freude über die Freilassung sei "grenzenlos", sagt Christian Mihr, Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen" im stern-Interview. In der Türkei bleibe aber viel zu tun.

Herr Mihr, die "Reporter ohne Grenzen" sind schon lange mit dem Fall von Deniz Yücel befasst, und jetzt ist er nach über einem Jahr frei. Wie haben Sie die Nachricht aufgefasst?

Wir sind unbeschreiblich froh, dass er frei ist. "Reporter ohne Grenzen" hat sich stark für Deniz Yücel eingesetzt, durch Aktionen, aber auch juristisch. Unter anderem sind wir Drittpartei vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in dem Fall. Es war ja immer ein ziemliches Auf und Ab: Es gab Phasen, in denen die Freilassung wahrscheinlicher erschien, dann wieder Phasen, in denen sie unwahrscheinlicher wurde. Jetzt ist er frei und bei uns herrscht wirklich grenzenlose Freude.

Die Freilassung erfolgt ausgerechnet jetzt: zwei Tage nach dem Jahrestag der Inhaftierung, ein Tag nach dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Yildirim bei Kanzlerin Merkel ...

Der konkrete Zeitpunkt, der Tag, ist natürlich immer überraschend, aber das Deniz Yücel freigelassen wird, kommt letztlich nicht ganz unerwartet nach den vergangenen Wochen und allem, was ich gehört habe. Nämlich, dass die türkischen Justizbehörden den Fall eigentlich loswerden wollten, weil sie von der politischen Dimension ziemlich genervt waren. Zudem hat die türkische Regierung ein Interesse an besseren Beziehungen zu Deutschland. Sie hat meiner Meinung nach gemerkt, dass die systematische Geiselnahme von deutschen Staatsbürgern nicht zu den gewünschten Zielen geführt hat. 

Welche Ziele meinen Sie?

Zum einen verlangt die türkische Regierung die Auslieferung mehrerer hochrangiger Ex-Generäle der Armee, die möglicherweise der Gülen-Bewegung nahestehen und hierzulande offenbar Asyl genießen. Hier ist die Bundesregierung standfest geblieben und hat nicht an den Unrechtsstaat Türkei ausgeliefert. Zum anderen wollte Ankara in Fragen der Visa-Freiheit und des Flüchtlingsabkommens Druck ausüben. Einen ganz konkreten Zusammenhang zu der Freilassung sehe ich zwar nicht, aber es ist die Summe vieler verschiedener Punkte, die dazu geführt hat.

Eine Entlassung aus dem Gefängnis quasi per Regierungsbeschluss wirft kein allzu gutes Licht auf die Unabhängigkeit der Justiz in der Türkei ...

Die Freilassung von Deniz Yücel ist genauso willkürlich wie seine Inhaftierung. Und sie ist genauso willkürlich wie die Verurteilungen zu lebenslangen Freiheitsstrafen für die drei türkischen Journalisten, die es heute gab (Ahmet und Mehmet Altan sowie Nazli Ilicak wegen des "Versuchs zum Umsturz der Verfassungsordnung", d. Red.). Wie gesagt, nach allem, was wir gehört haben, wollte die türkische Justiz den Fall gerne loswerden, hat aber relativ unverhohlen gesagt, dass es nicht ihre Entscheidung sei. Insofern kann man schon sagen, dass es in der Türkei weitgehend keine unabhängige Justiz mehr gibt, abgesehen von ganz kleinen Restbereichen mit mutigen Richtern.

Gilt diese Feststellung auch für die Pressefreiheit in der Türkei?

Es gibt dort ganz viele Journalistinnen und Journalisten, die versuchen, tagtäglich Pressefreiheit zu leben. Die unabhängigen Journalismus zeigen, die kritisch recherchieren zu Korruption in der Regierung, zu Menschenrechtsverletzungen. Sie zeigen, dass die Pressefreiheit noch lebendig ist. Zur Wahrheit gehört aber auch: In fast jeder türkischen Redaktion, die ich kenne, gibt es Schreibtische von Kollegen, die leer sind, weil sie im Gefängnis sitzen. Wir sollten der türkischen Regierung aber nicht den Gefallen tun, die Pressefreiheit für tot zu erklären, weil wir damit den mutigen Kollegen in den Rücken fallen würden.

Über hundert Journalisten sitzen in der Türkei weiter in Haft, beklagen Sie und auch andere Organisationen wie "Amnesty International" ...

Die Aufmerksamkeit für die türkischen Kollegen ist weltweit nicht so hoch, wie für Deniz Yücel. Aber wir von "Reporter ohne Grenzen" haben einen Vertreter vor Ort, ich selber bin oft als Prozessbeobachter tätig, wir bieten – auch anwaltliche – Nothilfe und Unterstützung. Nach allem, was wir wissen, sind die Haftbedingungen oft sehr, sehr, sehr schlecht. Der Zugang zu Angehörigen ist limitiert, die Gespräche mit Familienmitgliedern oder Anwälten werden zum Teil leider fast schon systematisch mitgefilmt und sind nicht privat. Es bleibt für uns viel zu tun in der Türkei.

Reaktionen auf Freilassung von Deniz Yücel im Video:

Deniz Yücel - Reaktionen auf seine Freilassung


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker