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TV-Kritik

"Unser Lied für Lissabon": Durchmarsch trotz Wackler: Michael Schulte kann Deutschland aus der ESC-Krise führen

Die Sehnsucht nach einem guten ESC-Platz war dem Vorentscheid in der ARD deutlich anzumerken. Eine Art deutscher Ed Sheeran wird nun in Lissabon singen. Laut Wettquoten keine schlechte Entscheidung. Weniger überzeugend waren die Moderatoren der Show.

Von Lars Peters

ESC-Vorentscheid: Michael Schulte feiert mit Elton seinen Sieg

Höchstpunktzahl: Auf Michael Schulte mit seinem Song "You Let Me Walk Alone" ruhen Deutschlands Hoffnung, beim ESC mal wieder einen guten Platz zu erreichen. Moderator Elton (re.) ist begeistert.

DPA

Am Ende war es eindeutig: Die TV-Zuschauer, die internationalen Jurys und die ESC-Experten gaben Michael Schulte jeweils die Höchstwertung, die berühmten 12 Punkte. Damit setzte sich der 27-Järhige deutlich von seinen Wettbewerbern ab und darf Deutschland beim Eurovision Song Contest in Lissabon mit dem Song "You Let Me Walk Alone" vertreten. Obwohl Schulte als Favorit in das Rennen gestartet war, war dieser Durchmarsch nach den Auftritten der Kandidaten alles andere als sicher.

Denn Schulte zeigte Nerven. Als sechster und damit letzter Kandidat ging er in Berlin auf die Bühne. Sein Lied, das bei einem vom NDR einberufenen Song Writing Camp entstanden war, handelt von seinem Vater, den Schulte und seine Geschwister viel zu früh verloren haben. Entsprechend emotional war der Auftritt angelegt. Während im Hintergrund Schwarz-Weiß-Fotos von Vätern gezeigt wurden, sang der Buxtehuder sein gefühlvolles Lied und zeigte dabei die ein oder andere Unsicherheit. "Das ist ein emotionaler und sehr persönlicher Song. Ein Song, der insbesondere auch mich auf der Bühne bewegt“, sagte Schulte dem stern nach seinem Sieg. Dass unter diesen Umständen nicht alles perfekt ist, zeige dass das echte Gefühle seien.


ESC-Mixtur: Voxxclub wollten eindeutig zuviel

Und mit diesen Gefühlen erreichte der rothaarige Sänger die Zuschauer und Juroren besser als die Konkurrenz, die er deutlich auf die Plätze verwies. Die größte Enttäuschung erlebten dabei vermutlich die Jungs von Voxxclub. Ihr Beitrag "I mog Di so" war der wohl berechnendste des Abends. Geradezu sklavisch folgten sie der – zumindest früher erstaunlich wirkungsvollen – Ralph-Siegel-Rezeptur: ein einfacher Refrain, der sich viel zu schnell in die Ohrgänge fräst, ein paare nationale Ethno-Elemente (Lederhosen, Schuhplattler), zwei Zeilen auf Englisch für das internationale Publikum und dann noch einen Flirt mit der homosexuellen Zielgruppe – fertig ist der ESC-Hit. Das war dann aber doch alles etwas zu viel gewollt und wurde gerade von der internationalen Jury abgestraft. Sorgen machen muss man sich um die Fünf aber nicht: der Hütten-Gaudi-Stampfer wird sicher noch bei etlichen paar Après-Ski-Partys und Oktoberfest-Bühnen aufgeführt werden.


Den zweiten Platz holte sich hingegen ein anderer Bayer. Der Münchner Xavier Darcy stand allein auf der Bühne und präsentierte umso energiegeladener seinen Bonanza-inspirierten Gitarren-Poprock, der problemlos in alle Irish Pubs dieser Welt passt. Ebenfalls einigermaßen unerwartet ging der dritte Platz an den Hannoveraner Ryk. Seine ruhige und unkonventionelle Klavierballade mit tanzender Akrobatin auf dem Instrument war das kantigste Stück des Abends. Dem gegenüber lieferten die beiden The-Voice-Siegerinnen Ivy Quianoo (erste Staffel) und Natia Todua (letzte Staffel) weichgespülte Hausmannskost. Nicht verkehrt und durchaus fürs Radio geeignet, beim ESC aber dem Untergang geweiht.

Linda Zervakis und Elton mühten sich redlich

Zwar ist auch der Siegersong nicht schräg oder besonders, aber er berührt – und zwar so sehr, dass der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber gegenüber dem stern seine Erwartung wiederholte, dass Deutschland es mit diesem Beitrag in Lissabon in die Top 13 schaffen könne. Ganz sicher ist das jedoch nicht. Denn die Zuschauer und Juroren waren aufgrund der Video-Einspieler vor den Auftritten intensiv mit den Künstlern und der Aussage der Titel vertraut gemacht worden. Während beim ESC für diese Filmchen nie mehr als eine Minute zur Verfügung steht, hatten sie beim gestrigen Vorentscheid geradezu Dokumentarfilm-Charakter. So vorbereitet wirkt ein so persönliches und emotionales Lied wie das von Schulte natürlich umso intensiver.

Aber die überlangen Einspieler waren nicht das größte Problem der Sendung. Da Barbara Schöneberger, die den Vorentscheid in den letzten Jahren mehrfach moderiert hatte, verhindert war, übernahmen die Tagesschausprecherin Linda Zervakis und Elton, der mittlerweile zu einer Art Allzweckwaffe für die junge Zielgruppe bei der ARD mutiert ist, die Aufgabe. Beide mühten sich redlich und harmonierten gut. Das täuschte aber nicht darüber hinweg, dass einiges schief lief, vergessen wurde oder oft einfach nicht zündete. Gerade Zervakis hatte mit ihrer Nervosität zu kämpfen, die zwar meist sympathisch von ihr verpackt wurde, letztlich aber doch etwas unerfahren wirkte.


Pausen-Act Mike Singer hat man auch schicken können

Weniger unerfahren, denn als Fremdkörper erschien der Pausenact der Show, der Teenie-Star Mike Singer. Während das ESC-freudige und etwas ältere Publikum im TV-Studio wenig mit ihm anfangen konnte, warteten in der Kälte draußen mehrere junge Mädels auf den Künstler. Sein Song "Déjà vu“ war der mit Abstand modernste des Abends. Ihn hätte man auch nach Lissabon schicken können. Nun macht's Michael Schulte. Und das muss keine schlechte Wahl sein. Auch wenn sein "You Let Me Walk Alone" vielleicht kein Chart-Hit wird, im Radio kann man es sich schon vorstellen. Und dann heißt es Daumendrücken für den ESC in Portugal. Ein letzter Platz dort ist tatsächlich seit gestern unwahrscheinlich geworden. Darauf deuten auch die Wettquoten. Dort ist Deutschland nach dem Sieg von Schulte bereits um einige Plätze nach oben geklettert. Auch das: ein gutes Omen.

Levina