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Markus Lanz Klima-Zoff zwischen Kühnert und Neubauer: "Boah, es ist deprimierend."

Kevin Kühnert und Luisa Neubauer bei Markus Lanz
Kevin Kühnert und Luisa Neubauer bei Markus Lanz: "Jetzt platzt mir der Kopf."
© Screenshot ZDF
Was dauert da so lang? Menschengrößte Krise. Also, Politik, macht doch endlich mal. Neubauer forderte "Eier in den Hosen". Kühnert mahnte, nur mit "Alarmsirene" gewinne man keine Mehrheiten. Klimadebatten bräuchten eine "demokratische Dimension".
Von Sylvie-Sophie Schindler

Kevin Kühnert verriet, er sei mit Kopfweh in die Sendung gekommen. Im weiteren Verlauf verschlimmerte sich seine Lage. Schließlich bekundete er sein gesteigertes Unwohlsein: "Jetzt platzt mir der Kopf." Vielen Zuschauern dürfte es kaum anders ergangen sein. Bei Markus Lanz wurde am Dienstagabend, auch Aktivistin Luisa Neubauer und FDP-Generalsekretär Volker Wissing waren dabei, über die Klimakrise geredet. Aber warum so motzig, warum so schroff?

Neubauer war erwartbar gereizt, stöhnte erwartbar genervt; und schien mit dem Moderator fast schon zu wetteifern, wer anderen öfter ins Wort fallen kann. Muss das sein? Gute Idee, das Klima retten zu wollen. Aber es ist auch eine gute Idee, sich um das Debatten-Klima zu kümmern. Denn sonst hört einem irgendwann keiner mehr zu. Zudem hatte Kühnert einen wichtigen Punkt, indem er analysierte: "Wir haben in der deutschen Öffentlichkeit keine Sprache für die Klimakrise." Es fehle die "Übersetzung in Alltagssprache."

Apokalypsen sind kein Spaß-Thema

Nun. Apokalypsen sind kein Spaß-Thema. Und der Zorn der FFF-Aktivisten ist nachzuvollziehen. Trotzdem: wäre es nicht an der Zeit, Begeisterung in das Projekt "Klima retten" zu bringen? Ein bisschen Psychologie hilft da: die meisten Menschen ticken nicht so, dass sie permanent mit "Unser-Haus-brennt"-Bedrohungen konfrontiert werden wollen. Mit Kühnert gesprochen: "Das bloße Aufzählen von Szenarien reicht nicht aus, um zu überzeugen." Nur "Alarmsirene", damit gewinne man keine Mehrheiten. Menschen hätten es außerdem gerne, wenn man bereit ist, sich in ihre Lebenswelten einzufühlen. "Man muss zur Kenntnis nehmen, dass sie profane Fragen haben", so der SPD Politiker weiter. Also unter anderem, wie wirkt sich Klimaschutzpolitik auf ihren Alltag aus, auf beispielsweise Sprit-, Miet- und Heizkosten. "Das sind die Dinge, die die Menschen bewegen." Er sei im Wahlkampf vor um die 50.000 Türen gestanden, er wisse, was die Bürger umtreibe. Und das sei essentiell: "Die Leute müssen bereit sein, einen Weg über 25 Jahre mitzugehen." Das E-Auto beispielsweise sei noch nicht bezahlbar wie es notwendig wäre, um umzusteigen.

Neubauer bei Markus Lanz: "Boah, es ist deprimierend"

Neubauer, gewohnt unerschütterlich, ließ sich nicht von ihrem Kurs abbringen. Im Visier: die Politiker. Sie seien es, die hier mächtig versagten: "Die menschheitsgrößte Krise ist die Klimakrise, das ist die Hauptaufgabe jeder politischen Partei." Alle in diesem Wahlkampf hätten es nicht so gemacht, wie sie es hätten machen müssen. Alle hätten die nicht die "Wahrheit über die Klimakrise" ausgesprochen. Also auch nicht die Grünen, warf Lanz triumphierend ein, die Grünen, das ist Ihre Partei, das sind Ihre Leute, Frau Neubauer. Die machte nur "Pfft": "Ich bin "on paper" bei den Grünen, was heißt das schon." Ihre Leute, das seien die FFF-Aktivisten. Und an Kühnert gewandt beklagte sie acht verlorene Jahre Große Koalition: "Warum, Kevin, habt ihr nicht gesagt, liebe Union, das mit dem Klima ist wichtig, wenn ihr da nicht mitmacht, steigen wir aus." Nicht ein einziges Mal hätten sie die "Eier in den Hosen" gehabt. Kühnert brachte an, dass der CO2-Preis beim Heizen an den Mietern hängen bleibe, habe die Union durchgeboxt, gegen den Willen von Kanzlerin und SPD. Neubauers Sammelsurium der Anklagen war aber noch lange nicht zu Ende. Was ist mit Olaf Scholz, der "ernsthaft" davon rede, Kohlekraftwerke bis 2038 laufen zu lassen. Das sei ja logisch, dass der dann nicht unbedingt auf die Klimakrise aufmerksam machen wolle. "Boah, es ist deprimierend", kommentierte Neubauer in ihrem typischen Sound.

Wer im aufgeklärten, demokratischen Sinne denkt, muss allerdings immer auch in Erwägung ziehen, dass andere nicht mitziehen. Das mag angesichts der Klimakrise undenkbar sein – der Mensch wird doch nicht seine eigene Zerstörung wollen. Trotzdem bleibt, und das ist gut so: So wichtig eine Sache auch sein mag, sie braucht in einer Demokratie die Mehrheit. Neubauer machte deutlich, dass sie daran keinen Zweifel habe. Sie verwies auf eine aktuelle Umfrage, wonach 81 Prozent der Deutschen sehr großen oder großen Handlungsbedarf beim Klimaschutz sehen würden. Was aber heißt das übersetzt? Einen Bedarf zu sehen und einen eigenen Beitrag zu leisten sind unterschiedliche Dinge. Hier kommt wieder Kühnerts Alltags-Argument ins Spiel. Der SPD-Mann kritisierte überdies, dass klimapolitische Forderungen demokratische Prozesse zu wenig berücksichtigten. Auch in den Debatten fehle "die Sprache für die demokratische Dimension". 

"Willkommen in der Klimakrise"

Neubauer unermüdlich. Kevin, kapierst du es denn nicht, wir haben keine Zeit. 1,5-Grad-Politik – und zwar schleunigst. Was dauert da so lange? Uns erwartet eine Klimakrise, wie wir sie uns nicht vorstellen wollen. Der alarmierten Luisa Neubauer machte ein beschwichtigender Kevin Kühnert mit einem "Willkommen in der Politik" deutlich, dass Politik ein "komplexes Gebilde" sei. Nein, nicht schon wieder, immer dieses Drumherumgerede. Neubauer schüttelte den Kopf und schmiss Kühnert ein "Willkommen in der Klimakrise" rüber. Handeln. Sofort. Aber wir handeln doch, mischte sich Volker Wissing ein. Die FDP habe das effizienteste und wirksamste Klimaschutzprogramm aller Parteien: den CO2-Deckel. Die FDP als größter Klimaschützer, spottete Lanz. Wissing räumte ein, dass das, was gemacht worden ist, zu wenig gewesen sei. Man habe "überall ein bisschen rumfummelt, aber die Ziele nicht erreicht."

 

Markus Lanz: Klima-Zoff zwischen Kühnert und Neubauer: "Boah, es ist deprimierend."

Die FDP habe inzwischen eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, mit welcher Maßnahme man, wie es das Abkommen von Paris vorsehe, kontinuierlich die CO2-Emissionen reduzieren könne und somit das Klimaziel punktgenau erreiche – und preisgünstig. Das Ergebnis: Emissionshandel. Das funktioniere besser als kleinteilige Maßnahmen und Verbote. Konkret: Es gäbe ein striktes CO2-Limit, das jährlich sinke. Dafür müssen Zertifikate erworben werden. "Das wird nicht aufgehen", urteilte Neubauer. Und überhaupt, was denn für eine wissenschaftliche Studie? Wenn die FDP eine Studie beauftrage, dann würden die Ergebnisse auch ihren Erwartungen entsprechend sein, ist doch klar. Lanz sprang ihr zustimmend zur Seite, überhaupt schien er sich während des Talks deutlich mit ihr verbünden zu wollen. Die Aktivistin machte deutlich, dass es andere Studien gäbe, die zu ganz anderen Schlüssen kämen. "Aber Sie können doch nicht sagen, es gibt keine wissenschaftliche Bestätigung", beschwerte sich Wissing. Neubauer ließ das weiterhin nicht gelten. Was eigentlich das Problem sei, bohrte der FDP-Mann weiter, was störe sie denn? "Jedes Klimakonzept von demokratischen Parteien ist besser", lautete ihr Urteil. Aber, Herr Wissing, sagen Sie mal, wie ist das denn mit den fossilen Energien, ist die FDP für ein sofortiges Ende der Subventionen zu haben? Wissings Antwort, die nach einigen Herumlavieren kam, klang nach einem Ja.


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