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TV-Kritik zu "Anne Will": Wenn Deutschland die Griechen aus dem Euro schießt

Anne Will wollte sich volksnah geben und die Spargroschen der Deutschen zum Thema machen. Am Ende landete sie doch wieder bloß in einer Diskussion um die Eurokrise.

Von Christoph Forsthoff

Welch eine Horrorvision, die Anne Will da ausmalte! Wenn Deutschland morgen die Griechen schlägt, im Halbfinale die Italiener besiegt und schließlich im Endspiel gegen Spanien gewinnt - "wo können die Deutschen dann noch Urlaub machen?" Nein, es ging nicht um Fußball, sondern - wieder einmal - um die Krise des Euro und Europas, denn: "Nach der Krise ist vor der Krise". Und da dieses Thema mittlerweile auch in den Talkshows in zahllosen Facetten diskutiert worden ist, sollte es als "Bonus"-Frage noch eine kleine Zuspitzung geben: "Ist unser Erspartes wirklich sicher?" Denn beim eigenen Geld hört bekanntlich nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Solidarität auf: Das ist im privaten Kreis nicht anders als in der Europäischen Union.

Dumm nur, dass die Frage dann doch recht schnell erledigt war: Nicht weil die (so genannte) ARD-Börsenexpertin Anja Kohl eben diese Sicherheit "zum jetzigen Zeitpunkt" garantierte und auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle ihr zustimmte; denn immerhin gab es mit Rainer Hank als Leiter des Wirtschaftsressorts bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen weiteren Journalisten in dieser Runde, dessen "Vertrauen deutlich geringer" war - und auch der Wirtschaftswissenschaftler Heinz-Josef Bontrup zeigte sich angesichts der politischen Entscheidungen "zutiefst beunruhigt", weil derzeit "in Deutschland und der Welt nicht das Richtige gemacht wird". Womit die Talkrunde dann aber auch schon wieder bei der Krise im Allgemeinen war: Das Thema lässt sich nun einmal nicht auf einen einzelnen Aspekt herunterbrechen.

Keine Weltpolitik mit Pipifax-Währungen

Immerhin: Neben dem Austausch inzwischen sattsam bekannter Positionen –(kein Land profitiert vom Euro mehr als Deutschland, etc.) hielt etwa Ex-BDI-Präsident Michael Rogowski ein flammendes Plädoyer für die Gemeinschaftswährung und die "Vereinigten Staaten von Europa": Der Euro stelle weltpolitisch eine ganz andere Kraft dar, "als wenn wir alle mit unseren Pippifax-Währungen anträten und glaubten, man könnte damit Weltpolitik machen" - eröffneten ausgerechnet der Wissenschaftler und Politiker auch einmal andere Perspektiven. Denn Bontrup sieht nicht nur die Welt "aus den Fugen geraten", sondern auch die Gefahr von "Elendsökonomien in Europa": In Griechenland gäbe es diese bereits, in Spanien hätten Jugendliche kaum noch Chancen - und überhaupt: "Wir haben Massenarbeitslosigkeit in Europa!" Hauptgrund hierfür sei die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung, denn überall seien die Lohnquoten gefallen, die Profitquoten aber gestiegen: "Diejenigen, die sich in der Vergangenheit maßlos bereichert haben, müssen zur Kasse gebeten werden", forderte der Wirtschaftsprofessor eine europaweite, zweiprozentige Vermögensabgabe - allein in Deutschland "würde das 300 Milliarden Euro Einnahmen bedeuten".

Keynesianismus? Nicht mit Brüderle!

Eine Umverteilungspolitik (oder "Keynesianismus" in den Worten der Wirtschaftswissenschaftler) der sich Brüderle parteigemäß natürlich nicht anschließen konnte. Stattdessen plädierte der Liberale für einen "vorbildlichen Mechanismus für die Haushaltsdisziplin": Wer diesem dann nicht nachkomme, erhalte eben kein Geld mehr - "dann müssen die Griechen irgendetwas anderes drucken". Die Wiedereinführung der griechischen Drachme als Krisenlösung? Der FDP-Politiker brachte diesen Gedanken auf jeden Fall ins Spiel: "Wenn die Griechen Auflagen nicht erfüllen, müssen sie eben einen anderen Weg gehen." Ein Zurück zur D-Mark indes konnte sich keiner in dieser Runde vorstellen, auch wenn sich dies inzwischen eine Mehrheit der Deutschen wünscht , und ebensowenig sei "der Weg zurück in den Nationalstaat" eine Perspektive, war sich Brüderle mit den übrigen Diskutanten einig. Nein, es gehe jetzt um ein gemeinsames Vorgehen, anders als auf dem Fußballplatz, wo der Beste gewinnen solle: Sport sei Sport. Doch das sehen nicht nur manche Medien in Südeuropa inzwischen ganz anders…