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TV-Kritik zu "Menschen bei Maischberger": Piraten und andere Brandherde im Schnelldurchlauf

Die alte Talkshow-Crux: Zuviel gewollt - und am Ende nichts gewonnen. Sandra Maischberger wollte laut Sendungstitel über Europa nach den Wahlen in Griechenland und Frankreich sprechen. Doch landete immer wieder bei den Piraten.

Von Christoph Forsthoff

Fünf Talkshows seien eine zuviel, hatte der WDR-Rundfunkrat vor kurzem kritisiert und ein Zuviel des Gleichen moniert. Die aktuelle Woche dürfte da erneut Wasser auf die Mühlen des Aufsichtsgremiums der ARD sein: Am Sonntag ward bei Günther Jauch über die Schleswig-Holstein-Wahl und die Erfolge der Piraten schwadroniert, tags drauf nahm sich Frank Plasberg des gleichen Themas an, und auch gestern mochte Sandra Maischberger keinen Bogen um die Polit-Novizen machen. Dabei hatte sie ihrer Sendung eigentlich ein anderes Thema verpasst, wollte über den deutschen Tellerrand hinausschauen und nach den Abstimmungen in Frankreich und Griechenland die Frage "Alle gegen Merkel - Europa in Gefahr?" erörtern (was ihre Kollegin Anne Will dann heute Abend auch gleich noch einmal tut…). Und landete am Ende doch wieder bei den Netz-Nerds.

Alte Männer und dennoch kluge Sätze

Ob's an der für eine konzentrierte politische Diskussion doch sehr langen Sendezeit von 75 Minuten lag? Oder fehlte ihr einfach die Courage, die Europa-Frage weiter zu vertiefen, fürchtete sie um die Quote und wich daher auf das mediale und gesellschaftliche Lieblingsthema der letzten Wochen aus? Kluge Köpfe saßen nämlich eigentlich genug in ihrer Runde ("Es ist bemerkenswert, dass die vernünftigen Dinge von alten Männern gesagt werden", merkte der Publizist Peter Scholl-Latour zwischendurch augenzwinkernd an), und nicht nur durch den jüngsten Gast Jakob Augstein bot sich auch immer wieder Anlass zum Disput. Während der Publizist nämlich für mehr gemeinsame europäische Politik und die Vereinigten Staaten von Europa plädierte, hielt ihm Arnulf Baring vor, der Maastricht-Vertrag sei von Anfang an gebrochen worden: "Das kann keine handlungsfähige Einheit sein", so der Historiker und forderte "ein Europa der Vaterländer".

Die verschenkte Chance

Was wiederum Richard von Weizsäcker den Kopf schütteln und nach einer "gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" rufen ließ. Wie der Alt-Bundespräsident denn auch kritisierte, dass Deutschland als wirtschaftlich stärkste Nation weder eine Führungs-, noch eine Veränderungsrolle in Europa wahrgenommen habe. Und so wogte es munter hin und her - und sorgte dafür, dass Maischberger zunehmend Mühe hatte, die Ausgangsfrage nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn sehr wohl hätte die Runde über Augsteins Behauptung streiten können, "der Euro-Kurs von Merkel ist gescheitert" oder auch seine sehr reduzierte Betrachtung, die "Feudalherrscher" unserer Tage seien die Banken - was denn auch zumindest Baring tat: "Der Unterschied zwischen uns ist, dass Sie die Banken für die Schuldigen halten und ich die Politik". Doch die Moderatorin drängt es aus unerfindlichen Gründen weiter - und riss am Ende dann Themen wie die erstarkten Rechten, die (nicht mehr handlungsfähige) Größe der EU oder die Zukunft Europas nur noch an. Und dass sie obendrein noch Fragen nach deutscher Empfindsamkeit angesichts von Nazi-Vergleichen stellen oder von Weizsäcker zu einer Einschätzung der ersten Auftritte seines Nachfolgers Joachim Gauck drängen musste, erinnerte an die kleine Fernsehfrau, die mal große Politik machen wollte.

Schade um die verschenkte Chance. So blieben nur einige Gedankenfragmente in Erinnerung wie von Weizsäckers historische Betrachtung über den seit Bismarcks Zeiten ungeliebten deutschen Staat in Europa, Barings Plädoyer für einen Austritt Deutschlands aus dem Euro - "es wird auch ohne Euro ein Europa geben" - oder Scholl-Latours Feststellung, die vermeintliche Unbeliebtheit Merkels im Ausland sei vor allem die Behauptung einer Gruppe von Medien. Worüber sich zweifellos streiten ließe. Doch leider hatte die Moderatorin an diesem Abend anderes im Sinn. Was genau blieb allerdings ihr Geheimnis.