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TV-Kritik

Castingshow "Voice of Germany": Bocklos im Musikantenstadl

Andreas Bourani auf Abwegen und Samu Haber als Stripper - angetreten als Castingshow für echte Musikliebhaber kippt "The Voice" zunehmend Richtung quotenhaschendes Event-Trällern.

Von Ingo Scheel

Flo, Samu Haber, Yvonne Catterfeld (v.l.n.r.): ein wenig Kuscheln mit Oma

Flo, Samu Haber, Yvonne Catterfeld (v.l.n.r.): ein wenig Kuscheln mit Oma

The Times They Are a-Changin’ - und nein, damit ist nicht Bob Dylan und seine latent störrische Haltung gegenüber dem Nobelpreis-Komitee gemeint. Die Rede ist vom Supermarkt-Giganten Aldi und seinem Verhältnis zur Musik. Feinkost Albrecht und das gesungene Wort - vor über drei Dekaden gab es da nur eine einzige Verbindung: nämlich Punkrock auf der einen Seite und die Hopfen-Hausmarke Karlsquell Bier auf der anderen Seite. Anno 1981 besangen die Hamburger Punks der Band Slime auf ihrem ersten Album das Stammgetränk der Iro-Träger und Nieten-Nerds hiesiger Jugendzentren, im Jahre 2016 haben Supermarkt und Popkultur nun eine Vernunftehe im Mainstream geschlossen. "The Voice" präsentiert von Aldi - der Laie staunt, der Fachmann wundert sich.

Vielleicht aber auch lediglich eine spinnenverwobene Altlast angejahrter Zuschauer, die da den Kopfkratz-Impuls auslöst. Im Hier und Jetzt präsentiert sich "The Voice of Germany" als geerdeter Casting-Hybrid aus "DSDS" in der politisch korrekten Variante und irgendeiner Homestory-basierten Realityshow - ein wenig Kuscheln mit Oma, Besuch im Proberaum und bei den Eltern, die das Ganze irgendwie nicht so recht wollen, es für die Junioren aber dennoch mitmachen: Singing in the Name of…wenn nicht schon nicht für eine Karriere, dann für fünfzehn Minuten Ruhm. Und natürlich spielen alle, auch in der vierten Ausgabe der diesjährigen Blind Auditions, ihre Rolle zuverlässig mit.

Jamie-Lee Kriewitz gewinnt 2015 bei The Voice of Germany


Keiner will in Bouranis Team

Allen voran Andreas Bourani, der seit der ersten Folge vor allem mit einem Problem zu kämpfen hat: So wirklich will keiner in sein Team. Ein Wunder ist das nicht bei der Konkurrenz. Samu Haber vertritt so etwas wie die ehrliche Rockhaut, mit der man auch mal ein Pils trinken kann. Yvonne Catterfeld mäandert zwischen bodenständiger Pop-Mom und studierter Sangeskraft, die Fantas…nun ja…sind halt die Fantas. Da wird es schwer als Fußballhit-Vertreter mit überschaubarem Back-Katalog die Kandidaten zu überzeugen. Das geht soweit, dass Bourani sich als beleidigte Leberwurst - alles nur Spaß natürlich, wir sind ja unter uns - auf den oberen Rang zurückzieht und das Ganze als Zuschauer verfolgen möchte.

Ob der geneigte Zuschauer in Reihe sieben mehr Spaß hat als die Juroren im Drehsessel, sei dahingestellt, die Schar der Kandidaten jedenfalls navigiert lampenfiebrig zwischen bemüht und beseelt. Sally Grayson setzt ein verfrühtes Highlight. Weniger durch Stimmeskraft, als durch die auch in diesem Format selten gehörte Verbiegung eines x-mal gehörten Originals hin zu einem neuartigen Song. Ihre polternde Version des Cure-Klassikers "Love Cats" klingt tatsächlich - wo ist das Karlsquell? - nach Punkrock. Die nächste Runde ist ihr ebenso sicher wie Martin, der die ollen Schlager liebt und der endlich zeigen will, dass er mehr ist als nur der "Partykanzler" aus dem "Muschikantenstadl". Was Bourani mit dem jungen Mann will? Der Stammseher ahnt es: Mit ihm arbeiten.

Der Zahn der Zeit nagt

Philipp Mandell kommt von dort, wo er nach der Sendung auch wieder landen wird: Bei einer entzückenden Großmutter, die ihren Enkel über alles liebt. Die mag mit ihrer Meinung, dass der Enkel die schönste Stimme der Welt hat, vielleicht allein dastehen, aber was zählt mehr - ein Buzzer von Samu oder ein Bussi von Omi? Eben. Drum. Hanna schließlich verlässt ihre Bundeswehr-Einheit, um Gewehr gegen Gesangsmikro zu tauschen, und Florian wird gar von Samu zur Stripperhymne vom Hut, den man auflassen kann, körperlich bedrängt, das Team des pfiffigen Finnen zu verstärken. Um mal ein oftmals wenig angesprochenes Thema zu erwähnen: Die Studioband, ganz im Ernst, ist exquisit. Alles andere an "The Voice" spürt langsam aber das, was allen Castingformaten früher oder später im Genick sitzt - den Zahn der Zeit nämlich.