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WM-Party in Berlin: "Glücklicherweise gibt es keinen Reichskunstwart"

Helene Fischer, ein Gauchotanz und Bierseeligkeit - können die Deutschen nicht stilvoll feiern? Christoph Stölzl, Ex-Kultursenator Berlins, sagt: "Es ist nur Sport."

Schlagersängerin Helene Fischer sang am Brandenburger Tor für die deutsche Nationalmannschaft

Schlagersängerin Helene Fischer sang am Brandenburger Tor für die deutsche Nationalmannschaft

Herr Stölzl, da haben die Deutschen mal richtig was zu feiern, es kommt eine halbe Million Menschen zum Brandenburger Tor - und dann singt Helene Fischer ein Lied. Ist das der Höhepunkt der deutschen Festkultur? Zum Glück gibt es keine staatlichen Richtlinien, wie man einen Fußballsieg feiert. Ein Staatsakt im strengen Sinn ist es jedenfalls nicht. Mir ist schon klar, dass es eine Diskrepanz zwischen der gewaltigen Massenteilnahme bei diesem Event "Weltmeisterschaft" gibt, die suggeriert, hier ginge es um ein politisches Ereignis. Aber mit kühlem Kopf betrachtet ist es eben doch nur Sport. Und da ist es gut, dass Sport-Feiern in der Demokratie nicht von Staats wegen verantwortet werden wie in Diktaturen. Was da gesungen wurde, hat nicht das Protokoll der Bundesrepublik zu verantworten, sondern die Veranstalter.

Bier trinken, Stampftänze aufführen, Schlagerliedchen trällern. Können wir Deutschen uns nicht selbst feiern?

Ich war nicht dabei, sondern habe nur das Medienecho von Ferne vernommen und ein bisschen Autoradio gehört. Da klang es so, als sei super Stimmung gewesen. Die Leute fahren hin, stehen an seit dem Morgengrauen, nicht, weil sie eine durchgestylte Show erwarten, sondern weil sie später sagen möchten: Ich bin dabei gewesen. Die Deutschen haben den Sieg friedlich gefeiert, haben geknallt und gehupt und sind sich in den Armen gelegen in der Nacht des Spiels. Das war die Hauptsache. Die Berliner Feier ist nach meinem Empfinden eher so eine Art Nachklapp gewesen.

Christoph Stölzl ist Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums und Ex-Kultursenator Berlins

Christoph Stölzl ist Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums und Ex-Kultursenator Berlins

Wäre der Pokal nach London gegangen, hätte vielleicht ein Robbie Williams im Hyde Park gespielt, oder Elton John. Gibt es keine deutschen Stars, die einer solchen Veranstaltung Glamour oder Gänsehaut-Momente verpassen könnten?

Für mich gibt es eine Figur, die als Popmusiker, als Dichter und als politischer Mensch eindeutig im Mittelpunkt solcher Gedanken stünde, und das wäre Udo Lindenberg. Er ist derjenige, der in den vergangenen 30 Jahren die Brücke zwischen Popmusik und Massenkultur und demokratischer Politik am häufigsten geschlagen hat. Und er hätte natürlich ein Lied dichten müssen zu diesem Anlass. Ob er Lust dazu gehabt hätte bei so wenig Zeit zwischen Spiel und Heimkehr?

Die Bühne sah aus wie ein Sonderposten-Verkaufsständer. Steht Berlin nicht in der Verantwortung, nationale Symbole wie das Brandenburger Tor vor Kommerz-Attacken zu bewahren?

Das ist eine Frage, die sich nicht nur auf dieses Ereignis bezieht, sondern auch auf viele Ereignisse zuvor. Ich finde auch, dass das Brandenburger Tor zu stark "vernutzt" wird für Ereignisse jenseits nationaler Bedeutung.

Müsste Berlin solche Großereignisse nicht stärker in der Hand behalten? Schließlich wird das Image Berlins, wenn nicht gar Deutschlands durch solche live übertragenen Massenveranstaltungen geprägt.

Es gibt eben keinen "Reichskunstwart" so wie in den Zwanzigerjahren, als die Weimarer Republik versuchte, sich eine künstlerische Corporate Identity zu geben. Und dann bleibt alles dem Geschmack der Fernsehleute und der Organisatoren überlassen. Man muss natürlich auch gerechterweise sagen: Niemand weiß vor dem Abpfiff eines solchen Spieles, wer gewinnt. Die Spanne zwischen Spiel und Feier in Berlin war kurz, was bleibt da als Improvisation? Ich finde, da kann man auch mal Fünfe gerade sein lassen.

Wenn die Weltmeister nach Hause kehren, um ihren Sieg mit dem Volk zu feiern, sollten sie dann nicht zumindest vom Regierenden Bürgermeister oder einem Minister empfangen und gewürdigt werden? Stattdessen stellen schlecht vorbereitete öffentlich-rechtliche Moderatoren dröge Fragen.

Die Kanzlerin und der Bundespräsident waren ja zum Spiel tausende von Kilometern angereist, das ist schon erstaunlich viel politische Symbolik. Beim "Wunder von Bern" war meines Wissens Konrad Adenauer nicht dabei, und das hat damals niemanden gestört. Den Prestige-Transfer zwischen der Massenkultur Sport und der Demokratie könnte man ja auch kritisch sehen.

Sehen Sie das als eine Form der Vereinnahmung?

Eigentlich sollten Politiker ihre Popularität vor allem durch vernünftiges, möglichst vielen Menschen nützendes politisches Handeln erringen. Soweit die Demokratie-Theorie. Ich weiß aber wohl, dass die weichen Faktoren der Sympathie-Gewinnung genauso dazu gehören. Und da hilft es eben, wenn Politiker den gleichen Leidenschaften für Fußball anhängen wie die Bevölkerung. Soll man sie dafür kritisieren, dass sie das mitnehmen? Wir erfahren sie dadurch als "Menschen wie Du und ich" und die normalerweise große Kluft zwischen dem harten Geschäft der Berufspolitik und dem normalen Bürger wird für einen Moment ein wenig verkleinert.

Zumindest dann, wenn es einen rauschenden Sieg zu feiern gilt...

Mir hat gefallen, wie lässig und kameradschaftlich der Schluss des Ereignisses in Brasilien war. Die Profis wissen ganz gut, wie viel Glück, wie viel Zufall am Ende auch bei so einem Sieg mitgespielt hat. Jeder Torschuss ist ein Zusammenspiel von physikalischen Unwägbarkeiten. Und deshalb war es gut, dass die Fernsehkommentatoren auch die Siegeschancen der gegnerischen Mannschaft in großer Fairness gewürdigt haben.

Die Fußballer beglückten uns auf der Fanmeile mit "WG-Choreographien". Das sah aus wie Krautstampfen. Auch die unterlegenen Argentinier bekamen ihr Fett weg. Verzeihbare Stadion-Rituale oder dumpfer deutscher Hochmut?

Ich hab das nicht gesehen. Und ich denke: So nett und lustig, wie die deutsche Mannschaft am Siegesabend war, wird sie wohl auch in Berlin gewesen sein, was immer ihnen da auf der Bühne eingefallen ist.

Interview: Silke Müller