Leseprobe Michel Friedman


An Tagen wie diesem – 11. Februar 2003 – umarmt Moderator Michel Friedman um 19.05 Uhr seinen Gast Wolfgang Schäuble

Geboren 1956 in Paris, zog er mit seinen Eltern als Neunjähriger nach Frankfurt/M., studierte später Jura und promovierte an der Uni Mainz. Dr. Michel Friedman ist Präsident des Europäisch-Jüdischen Kongresses und Vize-Zentralratsvorsitzender. Und er hat zwei eigene Fernseh-Talkshows: „Friedman“ und „Vorsicht Friedman“. Der Junggeselle, Jurist und CDU-Politiker lebt und arbeitet in Frankfurt, vor allem aber in Hotels und in Südfrankreich. Besondere Kennzeichen: gilt als lustvoller Provokateur und als einer, der in der Sache ebenso unnachgiebig ist wie unparteiisch

06.30 Uhr:

Den ersten Kaffee an diesem Morgen nimmt Michel Friedman in seinem Hotelzimmer, wie so oft. Diesmal in Berlin, Fünf-Sterne-Klasse. Gestern hat er in Sindelfingen vor Gymnasiasten einen Vortrag gehalten, als stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ankunft Berlin-Tegel nach 23 Uhr. Ein wenig Bettlektüre, „Das Mädchen mit der Posaune“, ein Roman. „Ich liebe Romane“, sagt er. Um 8.08 Uhr beginnt – wie immer dienstags um diese Zeit – von seinem Zimmer aus am Telefon ein Radiointerview. Thema diesmal: „Die Nato“ und „die Doppelmoral der Bundesregierung“. Er polarisiert, sobald er die Augen aufgeschlagen hat: „Ich wache auf und bin da.“ Der Sport entfällt heute. Sonst schwimmt er täglich, meist 45 Minuten.

09.30 Uhr:

Von null auf hundert in drei Sekunden, das kann er spielend. Seinem Tross von Bodyguards voraus stürmt er aus dem Aufzug in die Lounge des Hotels, wählt blitzschnell mit den Augen einen Tisch, setzt sich mit Überblick über den Raum und dem Rücken zur Wand. Der Adrenalinstoß aus dem Radiointerview wirkt wohl noch nach. Draußen bibbert Berlin bei minus zwei Grad. Drinnen wärmen rot-braune Ledersessel, lange Röhrenlampen. Wie immer ist Michel Friedman elegant gekleidet, grauer Anzug, weißes Hemd, leuchtend blaue Seidenkrawatte mit weißen Tupfen, blüten-weißes Einstecktuch.

09.35 Uhr:

„Dasselbe wie immer“, ruft er der Bedienung zu. Einen Cappuccino, einen Orangensaft, frisch gepresst „à la minute“. Die Kellnerin bringt den Saft, erklärt, der sei keine zehn Minuten alt. Friedman lächelt sie verbindlich an, „na dann ist es ja gut“. Er streitet nicht über „frisch“, rührt einfach den Saft nicht an. An seinem Revers leuchtet ein winziges rotes Speicherrad, Zeichen des „Offiziers der französischen Ehrenlegion“. „Ich habe es bekommen als einer der wenigen Deutschen“, sagt er, hörbar stolz. „Es gibt noch einen höheren, aber dieser ist schon sehr hoch.“ Sein Telefonbüchlein aus hellbraunem, abgegriffenem Leder lässt er liegen. Es quillt fast über vor eingeschobenen Zetteln.

10.30 Uhr:

Die Lektüre der fünf großen Tageszeitungen unterbricht ein Anruf auf seinem Handy. Er hat es immer auf Vibrationsalarm eingestellt, wären nur alle Handybesitzer so rücksichtsvoll. „Nein, das ist nichts für meine Sendung“, lässt er den Anrufer wissen, „das ist eher was für Kerner.“ Ein Partylöwe ist Friedman längst nicht mehr. „Ich bin älter geworden, ich gehe nirgends mehr hin. Man ist nur Dekoration für die anderen und umgekehrt“, sagt er. Wenn er geht, bewegt er sich selbstgewisser, er wirkt besser geerdet als früher. Und er trennt Privates vom Beruflichen. Strikt. Und absolut.

11.00 Uhr:

Die gepanzerte BMW-Limousine fährt vor dem Eingang vor. Ziel: Berlin-Mitte, Schützenstraße, die Redaktionskonferenz von AVE, der Produktionsfirma von „Vorsicht Friedman“. Das Magazin wird einmal im Monat live aus Berlin gesendet. Seine Sendung „Friedman“ läuft 14-täglich, zusätzlich. Michel Friedman steuert kein Fahrzeug mehr selbst, seit er zu den besonders beschützten Personen gehört. Er lebt wie im Kokon, kein Schritt mehr irgendwohin ohne Leibwächter. Im fünften Stock angekommen, muss er klingeln wie jedermann, bis die Tür sich summend öffnet. Im Gehen streift er seinen Wollmantel ab, wirft ihn auf einen der Sessel. Umarmt Geschäftsführer Walid Nakschbandi. „Mein Chef“, sagt Friedman lächelnd. Dann verschwinden beide mit dem Redaktionsteam in der Bibliothek zur Konferenz. Friedman schnorrt die erste Zigarette.

12.00 Uhr:

Die Themen für den Abend werden abgewogen. Das Redaktionsteam bereitet alle Fragen, alle Fakten für ihn vor, minutiös. Friedman verfügt über ein phänomenales fotografisches Gedächtnis. Er merkt sich ganze Seiten blitzschnell. „Nein, das kann ich nicht sagen, ich bin Journalist“, ruft er in einer Pause laut über den Flur. Er kann sich theatralisch inszenieren, aber er ist keine Diva. Er respektiert die insgesamt sechs Mitarbeiter, vier davon Frauen. Die meisten siezt er. „Danke für den historischen Vortrag“, bemerkt Walid Nakschbandi mit freundlichem Spott, als Friedman die Rolle der Nato für Frankreich definiert. Michel Friedman kann mit Kritik umgehen, er kann zuhören.

13.00 Uhr:

Tagsüber lächelt er nicht so viel wie während seiner Sendung. Er wirkt angestrengt, als er die Konferenz verlässt. Am Pariser Platz hat man in der Französischen Botschaft den Hauptaufgang aufgeschlossen. Botschafter Claude Martin erwartet ihn drinnen: „Guten Tag, Herr Präsident“, begrüßt ihn Martin auf Französisch. Als Präsident des Europäisch-Jüdischen Kongresses gehört Friedman zur gesellschaftlichen Champions League. Die Zwei kennen sich gut, duzen sich. Friedman spricht fließend Französisch, er ist in Frankreich geboren. Die beiden ziehen sich zum Essen in den Speisesaal zurück. Soufflé, Roastbeef mit Gemüse, Dessertvariationen.

14.10 Uhr:

Die Limousine erwartet Friedman vor der Tür. „Küss deine Frau von mir“, ruft er dem Botschafter auf Französisch zu. Seine Hände beben, besser: Sie vibrieren. Er tankt sich mit Bedeutung auf bei Terminen wie diesem. Der geplante Zwischenstopp im Büro des Zentralrats der Juden entfällt. Friedman zieht sich jetzt in sein Hotelzimmer zurück. Telefonate erledigen, sein Büro in Frankfurt anrufen. Seine Termine koordiniert er meist selbst. Er bestimmt, er ordnet sich nicht unter. Fast zwei Stunden lang bleibt sein Handy danach ausgeschaltet.

17.00 Uhr:

Wieder die Lounge im Hotel. Der israelische Botschafter Shimon Stein besucht ihn dort. Man kennt sich, man duzt sich. Eine Stunde lang diskutieren die beiden über die Irakkrise und Deutschlands Rolle. In wohltemperiertem Ton, keiner der anderen Gäste nimmt Notiz. Beider Sicherheitsbeamte sitzen etwas weiter entfernt zusammen. Alles ist leise, dabei ist es ein Skandal: über 50 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft brauchen Juden in Deutschland Leibwächter, wenn sie sich nur zum Kaffee treffen.

18.30 Uhr:

Friedman hat den Botschafter zum Aufzug gebracht. „Jetzt fahren wir arbeiten“, ruft er dann, wie unter Strom. Masurenallee, Sender Freies Berlin. Publikum findet sich schon ein, jeder Gast ist auf einer Liste registriert, muss sich ausweisen. Zwei Attacken mit Schusswaffen hat es auf Michel Friedman schon gegeben. Nun ab in die Maske. Friedman schäkert mit zwei Maskenbildnerinnen. Er lässt sich gern berühren, aber er mag es nicht, wenn an ihm hantiert wird. Im Schnellschritt nach oben zur Schlusskonferenz, in einen grellweißen, kleinen Raum mit Fernseher, einem Tisch, ein paar Stühlen. In kleiner Runde geht man den Ablauf der Sendung noch mal durch. 19.00 Uhr: Friedman eilt wieder hinunter in die Maske. Dort wird gerade Ute Vogt, SPD, Staatssekretärin im Innenministerium, abgepudert. Er stützt sich auf ihre Schultern. Fragt rhetorisch: „Was machen wir heute?“ Fängt an, mit ihr zu diskutieren, über den Irakkrieg. In der Sendung soll es um die Irakkrise gehen. Professor Rudolf Hickel, von der Uni Bremen, begrüßt Friedman im Gästeraum mit herzlicher Umarmung. Wolfgang Schäuble kommt als Letzter. Obwohl Michel Friedman alle drei duzt, wird er sie während der Sendung mit Sie ansprechen. Die stellvertretende Chefredakteurin der Produktionsgesellschaft AVE, Marion Paulsen, gesellt sich hinzu. Von Lächeln keine Spur mehr, Friedmans Gesicht wirkt angespannt. „Ich habe Lampenfieber“, sagt er auf dem Weg zum Verkabeln, „nie wenn ich Gast bin, nur wenn ich moderiere.“ Mit starrem Gesicht lässt er sich das Mikro anlegen. Sein Jackett bleibt offen.

20.00 Uhr:

Im Gästeraum tritt er vor die Spiegelwand, holt tief Luft. Eilt dann ins Studio A, wo das Publikum auf ihn wartet. Junge, ältere, ganz gemischt. Etwa einhundert Gäste haben an Tischen um die erleuchtete Mitte herum Platz. Friedman betritt den dunklen Teil des Studios, die Intro-Musik ertönt. Er geht weiter hinein, ruft mit lauter Stimme: „Guten Abend, meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu ‚Vorsicht Friedman‘.“ Die Zuschauer applaudieren. Er wiederholt den Gang dreimal, bis ihm der Applaus gefällt. Erläutert den Gästen das Thema des Abends. Noch läuft auf dem Bildschirm die Tagesschau. Danach kommt er. In der hellen Studiomitte wirkt er verletzbarer, weit weniger wuchtig als auf dem Fernsehbildschirm zu Hause. Die Sucher der Kameras, die sich körperliche Nähe erzwingen, lassen ihn aggressiver wirken. „Frau Vogt, Frau Vogt, Fraaaauuu Vogt“, unterbricht er, so lange, bis die Politikerin zu reden aufhört.

21.00 Uhr:

„Das war ‚Vorsicht Friedman‘.“ Musik. Er läuft nicht gleich hinaus, bleibt mit seinen Gästen noch etwas sitzen, als sich das Studio allmählich leert. Viele wollen noch einen Blick erhaschen auf einen der Prominenten. Bei einem Österreicher in Charlottenburg hat sein Team einen großen Tisch reserviert. Wolfgang Schäuble muss woandershin. „Pass gut auf dich auf, Wolfgang“, gibt ihm Friedman mit auf den Weg.

22.00 Uhr:

Ein Glas Weißwein, ein paar Häppchen, mehr bestellt er sich nicht. Die Spannung einer Sendung fällt nicht so rasch ab. In der Öffentlichkeit lässt sich Michel Friedman nicht gehen. Lieber geht er aus der Öffentlichkeit heraus. Eine Stunde diskutiert er noch mit den Gästen am Kneipentisch weiter, dann springt er auf. Will gehen. „Ich verlasse jetzt die Öffentlichkeit“, sagt er. Sagt nicht, wo er jetzt hingeht.

Edith Kohn

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