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Serie Erfolgsmenschen: Blinde erkennen Krebs besser als Sehende

Der Gynäkologe Frank Hoffmann bietet blinden Frauen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt: Er setzt ihren überlegenen Tastsinn bei der Bruskrebsvorsorge ein.

Von Björn Erichsen

Der Mann Hinter Discovering Hands: Frank Hoffmann (54)

Der Mann Hinter Discovering Hands: Frank Hoffmann (54)

"Eigentlich müsste man mal..." oder "Wenn ich mehr Zeit und Geld hätte, dann würde ich..." Viele Menschen haben gute Ideen für neue Produkte, Dienstleistungen oder Projekte. Aber meist bleiben die Pläne unverwirklicht, weil die Umsetzung für zu aufwändig, teuer und risikoreich gehalten wird. In unserer Interviewreihe "Erfolgsmenschen" stellen wir Männer und Frauen vor, die sich davon nicht abhalten ließen und ihre Ideen in die Tat umsetzten. Sieben Geschichten, die Mut machen, sich selbst mehr zuzutrauen.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 60.000, für fast ein Drittel von ihnen endet die Diagnose tödlich. Ein präventives Mammographiescreening ist allerdings erst ab dem 50 Lebensjahr vorgesehen. Für jüngere Frauen bleibt zur Vorsorge lediglich die Tastuntersuchung, die in der ärztlichen Praxis jedoch oftmals unter hohem Zeitdruck und ohne spezielle Ausbildung der Mediziner stattfindet.

Der Gynäkologe Frank Hoffmann will dies ändern. Seine Initiative Discovering Hands bildet mit einer selbst entwickelten, standardisierten Untersuchungsmethode blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) aus. Diese verfügen über einen hervorragend entwickelten Tastsinn, wodurch sie Gewebeveränderungen bereits in einem sehr frühen Stadium aufspüren können – und bekommen darüber hinaus trotz ihres Handicaps eine echte Berufsperspektive geboten. Derzeit werden Tastuntersuchungen durch blinde Frauen hierzulande in rund 20 Praxen angeboten, es gibt auch Anfragen aus dem europäischen Ausland.

Warum ist vor Ihnen niemand die Idee gekommen, blinde Frauen zu Brustkrebsvorsorge einzusetzen?
Das weiß ich nicht. Vielleicht sind manche Ideen schlichtweg zu einfach, als dass sie einfach so gedacht werden. Mir ging es damals bei meiner Arbeit als Gynäkologe lediglich darum, die Brustkrebsvorsorge meiner Patientinnen zu verbessern. Der Gedanke, dass dafür blinde Frauen mit ihrem überlegenen Tastsinn besonders geeignet sind, ist mir tatsächlich eines Morgens unter der Dusche gekommen.

Eine gute Idee allein reicht allerdings nicht aus, um Erfolg zu haben.


Nein, bei weitem nicht. Als ich 2004 anfing, musste ich jede Menge Pionierarbeit leisten. Manche Kontakte sind nur durch puren Zufall entstanden, etwa zu einer Dame bei der Arbeitsagentur, die blinde Frauen auf Jobsuche betreute. Ich musste mich auch mit ganz grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen: Wie lässt sich eigentlich einem Menschen, der nicht sehen kann, die Anatomie der weiblichen Brust vermitteln? Wie muss ihre Ausbildung aussehen, damit sie hohen Qualitätsstandards entspricht? Es war damals ja ein absolutes Novum, dass blinde Menschen überhaupt zu einer Form der medizinischen Diagnostik eingesetzt werden.

Anhand von eigens entwickelten Klebestreifen finden sich die blinden Frauen beim Abtasten zurecht

Anhand von eigens entwickelten Klebestreifen finden sich die blinden Frauen beim Abtasten zurecht

Sie haben dies vor allem zunächst in ihrer Freizeit umgesetzt. Brauchen Sie solche Herausforderungen?
Wenn ich von einem Thema überzeugt bin, bin ich auch schlecht wieder davon abzubringen. Ich denke schon, dass Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen echte Erfolgsfaktoren sind, wenn man etwas erreichen möchte. Hinzu kommt, dass ich ein gewisses Faible für kreative Lösungen habe: Den Prototyp unserer inzwischen patentierten Spezialklebestreifen, an denen sich die MTU bei der Abtastung orientieren, habe ich zu Hause auf dem Balkon mit dem Skalpell aus Klebefolie zugeschnitten.

Wie sind Sie mit Rückschlägen umgegangen?


Wer im Gesundheitssystem etwas verändern will, braucht ein hohes Maß an Frustrationstoleranz. Als Discovering Hands ab 2010 von Ashoka, einer internationalen Organisation, die Sozialunternehmertum fördert, unterstützt wurde, dachte ich, dass die Finanzierung fast von selbst laufen würde. Doch das war zunächst ein Irrtum. Wir haben uns über einen langen Zeitraum mit Förderungen, Spenden und Preisgeldern durchgeschlagen, mehr als einmal stand die Existenz der ganzen Unternehmung in Frage. Geholfen hat mir in solchen Momenten ein sehr fähiges Team, in dem es auch menschlich passt. Aber auch die Überzeugung, an einer guten Sache zu arbeiten.

Geld war also kein Antrieb für Sie?
Nein. Finanzielle Mittel sind zwar unabdingbar für den Erfolg, auch im Non-Profit-Bereich gelten ja letztlich auch die Regeln des Marktes, auch wenn das Ziel und Sinnhaftigkeit eine andere ist. Allerdings hätte ich es mir gar nicht vorstellen können, eine Initiative wie Discovering Hands nicht gemeinnützig zu machen.

Hat Sie der Erfolg des Projektes verändert?


Ich bin in meinen Zielsetzungen viel flexibler geworden als früher. Ich habe lernen müssen, dass ein Weg nicht zwingend direkt von A nach B führt, sondern man manchmal Umwege gehen muss, um ein Ziel zu erreichen. Außerdem bin ich mutiger in meinen Entscheidungen geworden, auch bei solchen, bei denen nicht gleich auf den ersten Metern feststeht, dass sie zum Erfolg führen. Unternehmer kennen das, einem Arzt ist so ein Denken zunächst mal fremd.

Wie reagieren Ihre Kollegen auf die Initiative?
Etwa ein Viertel von ihnen ist sehr aufgeschlossen gegenüber den Vorteilen, die der Einsatz von blinden MTU für die Krebsfrüherkennung haben kann. Bei anderen Kollegen reicht das Spektrum von Skepsis bis hin zu Ablehnung. Ich glaube, bei manchen gibt es einfach eine Scheu, einen Teil der Diagnostik aus der Hand zu geben. Dabei sollen die MTU den Arzt ja nicht ersetzen, sondern ihm als seine Assistenzkraft wertvolle Zusatzinformationen liefern – und damit den kleineren Knoten in der Brust früher entdecken helfen.

Was bedeutet Ihnen der Erfolg von Discovering Hands persönlich?


Ich kann das durchaus genießen, vor allem freue ich mich, dass das Projekt soviel Aufmerksamkeit bekommt, weil Menschen aus einer Behinderung eine Begabung machen und damit eine Beschäftigungsmöglichkeit gefunden haben, die im besten Fall Leben rettet. Mir persönlich gibt das Unternehmen auch mit meinen nicht mehr ganz knusprigen 54 eine sehr beflügelnde Lebensperspektive. Ich habe niemals zu den Kollegen gehören wollen, die nach zwei, drei Jahrzehnten in ihrem Beruf nur noch die Jahre bis zum Ruhestand runterzählen.

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