VG-Wort Pixel

Günter Wallraff feiert 70. Geburtstag "Ich bin ein Getriebener"


Günter Wallraff taucht seit Jahren in die Welt der Benachteiligten ein. Er deckt auf, prangert an und spricht von seiner Arbeit als Lebenselexier. Vor seinem 70. Geburtstag wird er zur Zielscheibe.

Fließband-Malocher, Gastarbeiter, Paketschlepper, Obdachloser - wenn Günter Wallraff aus deren Alltag berichtet, dann war er vorher selbst einer von ihnen. Mit falscher Identität und verfremdetem Aussehen taucht er ein ins Milieu, erfährt Ausbeutung und Missstände am eigenen Leib, um sie dann zu schildern und anzuprangern. Seit fast fünf Jahrzehnten ist das die Methode des Enthüllungsjournalisten - und sein Markenzeichen. "Bei allen Rollen besteht die Kontinuität darin, die Schwächeren gegenüber den Mächtigeren zu verteidigen", sagt der Bestsellerautor. Vielen gilt der Kölner als soziales Gewissen und moralische Instanz. Vor seinem 70. Geburtstag am 1. Oktober zielt ein Ex-Mitarbeiter genau auf dieses Image - und feuert scharf.

Seit Anfang der 60er Jahre hat Wallraff kräftezehrende Einsätze absolviert, um auf unhaltbare soziale Zustände hinzuweisen. "Eigentlich dürfte es mich gar nicht mehr geben, bei all den Hindernissen, lebensgefährlichen Situationen und den vielen Gegnern, die ich habe." Sein Bestseller "Ganz unten" - 1985 verfasst nach seinen Erfahrungen als vermeintlicher türkischer Gastarbeiter Ali - wird noch heute in vielen Ländern gelesen.

Seine jüngste Recherche über den Paketzusteller GLS zeigt Wirkung. In seiner Reportage für RTL und das "Zeit-Magazin" berichtete er über "sklavenähnliche Zustände" für Fahrer, die 12 bis 15 Stunden täglich praktisch ohne Pause schuften - für drei bis fünf Euro pro Stunde. "Die gesamte Branche reagiert. Das ist beachtlich", meint Wallraff, der einen Selbstversuch als GLS-Bote hinter sich hat. "Es sind Verbesserungen in der Branche in Vorbereitung. Da bleibe ich dran. Das bin ich auch meinen Ex-Kollegen schuldig." Sein Film ist für den Deutschen Fernsehpreis nominiert.

Ex-Mitarbeiter beschuldigt Wallraff

Überschattet wird der Erfolg von Wallraffs früherem Mitarbeiter F. Er beschuldigt den Schriftsteller, er habe ihn über Jahre illegal beschäftigt und Steuern und Sozialabgaben hinterzogen. Zudem habe der Autor 2008 im Zusammenhang mit seiner Undercover-Reportage bei einer Brotfabrik eine eidesstattliche Erklärung manipulieren lassen. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen dieser Beschuldigungen in drei Verdachtsfällen: Steuerhinterziehung, Beihilfe zum Sozialbetrug und Prozessbetrug. Wallraff: "Eine gezielte Verleumdung. Ich habe mir weder etwas vorzuwerfen noch etwas zu befürchten."

Es steht Aussage gegen Aussage. Die Aussage eines Mannes mit unglücklicher Biografie - vorbestraft, ausgebrannt nach einem Job im Callcenter, dann von Wallraff beschäftigt. Und die Aussage eines renommierten Autors, der sich mit vielen Mächtigen und Firmenbossen angelegt hat und dort so manchem ein rotes Tuch ist. Zugleich auch ein Journalist, der Millionen Menschen mit seinen Büchern und Sozialreportagen erreicht und der Verbesserungen für Menschen ohne Lobby erstritten hat.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr über die Undercover-Recherchen von Wallraff...

Arbeit als Lebenselexier

Wallraff selbst, der in dritter Ehe verheiratet ist und fünf erwachsene Töchter hat, will sich nach der ersten Aufregung wieder voll auf seine Arbeit konzentrieren. "Es ist mein Lebenselixier und mein Lebensinhalt, mich nützlich zu machen, es mir und anderen dabei zu beweisen." Auch jenseits der 70. "Ich bin weiter gefordert. Ich bekomme ständig Zuschriften von Hilfesuchenden und Verzweifelten. Da kann ich nicht so tun, als ginge mich das nichts an." Der drahtige Senior trainiert seine Kondition gezielt mit Laufen und Kajakfahren. "Ich brauche die Kraft und Ausdauer für meine Einsätze."

Unumstritten war er nie. Sein Vorgehen sei lange als verwerflich kritisiert, seine Veröffentlichungen oft juristisch angefochten worden, sagt Wallraff. Durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 1981 sieht er seine Form der investigativen Recherche legitimiert. "Heute gibt es einzelne Nachfolger, die sich auf mich berufen, selbst in Mexiko, Ghana oder China." Über seine Stiftung will Wallraff den investigativ recherchierenden Journalisten-Nachwuchs fördern, den Job nach und nach anderen übergeben. Trotzdem kann er noch lange nicht loslassen: "Ich bin ein Getriebener."

Die Undercover-Recherchen

Typische Arbeitsweise von Wallraff sind Undercover-Recherchen. Seit fast einem halben Jahrhundert nimmt er immer wieder fremde Identitäten an, schleicht sich in Betriebe ein, erlebt Missstände am eigenen Leib, um sie später in Büchern oder Reportagen öffentlich zu machen. Ein Überblick:

- Für seine INDUSTRIEREPORTAGEN (1963-1965) schuftet er bei einem Autobauer am Fließband, auf den Gerüsten einer Werft, im Akkord an einer Rohrschneidemaschine oder in einem Stahlwerk. Danach beschreibt er die ruinösen Bedingungen der Fabrikarbeit.

- Bei der "BILD-ZEITUNG" heuert Wallraff 1977 verdeckt als Hans Esser an, arbeitet gut vier Monate lang in Hannover und schildert in "Der Aufmacher" unsaubere Recherchemethoden. Das Buch wird ein Bestseller.

- Als TÜRKE ALI verrichtet der vermeintliche Gastarbeiter schwere, teils gefährliche Jobs für geringen Lohn, wird schikaniert. Die Erfahrungen schildert Wallraff 1985 in "Ganz unten". Das Buch wird millionenfach verkauft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

- Als CALLCENTER-Mitarbeiter Michael drangsaliert er im Jahr 2007 Anrufer, bis sie ihm Systemlottoscheine abkaufen. Wallraff zeigt auch den Psychodruck, unter dem Callcenter-Agenten stehen, die nicht selten mit Nervenzusammenbruch, Burn-Out und Drogenmissbrauch kämpften.

- In einer BRÖTCHENFABRIK 2008 im Hunsrück arbeitet der Journalist inkognito, berichtet später über Sicherheitsmängel, massive Hygienedefizite und schlechte Bezahlung.

- Als OBDACHLOSER lebt Wallraff im Winter 2008/2009 in mehreren Städten auf der Straße und in Heimen, um auf deren Schicksal hinzuweisen.

- Als SOMALIER spürt der Autor 2009 offenen und verdeckten Rassismus auf - auf dem Campingplatz, im Stadion, bei der Wohnungssuche oder in der Kneipe.

- Beim PAKETZUSTELLER GLS prangert Wallraff im Mai 2012 modernes Sklaventum und "Menschschinderei mit System" an. Nach monatelangen Undercover-Recherchen als Bote kritisierte er Arbeitszeiten von bis zu 15 Stunden ohne Pause für von drei bis fünf Euro pro Stunde.

Yuriko Wahl-Immel, DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker